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Zum Geleit

Ich habe lange überlegt, wie ich diesen Bericht beginnen soll. Schließlich kreisten meine Gedanken immer wieder um meine Mutter. Sicher auch deshalb, weil mir leider erst nach ihrem Tode so richtig bewusst geworden ist, was sie für mich bedeutet hat.
Meine Mutter hatte es sehr schwer. Sie hat aber immer versucht, mich das nicht spüren zu lassen. Sie war das, was man heute als eine "Alleinerziehende" bezeichnet. Meinen Vater hatte sie in der Wandervogel-Bewegung kennen gelernt. Er stammte aus dem Rheinland.

Sein Vater – daher unser Name – war um die Jahrhundertwende aus Kroatien eingewandert. Meine Eltern betrieben in der Nähe von Freiberg eine winzige Geflügelfarm, die 1930 zur Zeit meiner Geburt (ich wurde am 19. Februar 1930 in der Frauenklinik in der Pfotenhauer Straße in Dresden geboren) durch die weltweite Wirtschaftskrise Pleite ging. Mein Vater hat sich damals heimlich verdrückt, "auf Reisen" abgemeldet. Ich habe ihn nie gesehen, auch nie eine innere Bindung zu ihm empfunden. Mir bleibt völlig unverständlich, wie ein Mann die Mutter eines neugeborenen Kindes in solchen Umständen allein lassen kann. Als sich meine Mutter scheiden ließ, wurde er dazu verurteilt, monatlich über das Jugendamt fünf (!) Mark für mich zu zahlen.M

 

Peter Spacek als Kleinkind
 
 
 
 

Weil meine Mutter nach dem ersten Weltkrieg in Dresden Schnittzeichnen gelernt hatte, ließ sie sich in der Kleinstadt Nossen, wo mein Großvater lebte, als Schneiderin nieder. Wir waren offiziell als "arm" eingestuft, was aber ihren Stolz verletzte.

Ich bekam zeitweilig kostenlos Milch in der Schule, wurde zweimal in ein Kindererholungsheim verschickt, bin auch zu Weihnachtsbescherungen für Bedürftige eingeladen worden. Während damals in Arbeiterfamilien größtenteils Margarine gegessen wurde

 
 

(dass dies gesünder sein soll, war zu dieser Zeit noch kein Thema), gab es bei uns immer Butter – ein Zeichen ihrer Würde. Ich erinnere mich, wie ich bei einem Schulkameraden zu Hause war und seine Mutter auch mir eine Margarinestulle machte. Meine Mutter hat fast geweint, als ich ihr begeistert erzählte, wie großartig das geschmeckt hätte.

Wir wohnten in einem dreistöckigen Mietshaus, das meinem Großvater gehörte. Er hatte einst als Barbier auch Zähne gezogen, besuchte dann eine Dentistenschule und wurde Dentist. Nach dem Kriege wurde diese Fachschulausbildung abgeschafft. Es sollte nur noch Zahnärzte mit Hochschulabschluss geben. So wurde meinem Großvater wie auch anderen Dentisten als Übergangslösung der Zahnarzttitel zuerkannt. Er gehörte also zu den Bessergestellten.

Aber das hat uns nichts genutzt. Von ihm gab es keinerlei Unterstützung. Schon als meine Eltern ihre kleine Geflügelfarm schufen, taten sie das mit einem Kredit meines Großvaters. Er nahm den höchsten Zinssatz, der überhaupt zulässig war. Wahrscheinlich trug auch das zu dem Konkurs bei.

Mir ist heute kaum noch vorstellbar, wie wir gelebt hatten. Aber das war damals völlig normal. Wir hatten kein Bad, wuschen uns in der Küche in einer Waschschüssel. Im Winter mussten wir mitunter sogar das entstandene Eis durchstoßen. Wenn es sehr kalt war, wurde die Wasserleitung abgestellt, um sie vor dem Einfrieren zu schützen. Da mussten wir das Wasser im Eimer aus dem Keller holen. Im Unterschied zu den meisten meiner Klassenkameraden hatte ich weder Fahrrad noch Schneeschuhe. Dafür hat es nicht gereicht. Doch das hat unseren Lebensmut nie beeinflusst.

Ihr ganzes Leben lang war meine Mutter geistig vielseitig interessiert – auch politisch, ohne sich zu binden (erst später in der DDR wurde sie Mitglied der SED). Während ihrer Lehrjahre in Dresden hatte sie in dieser politisch so bewegten Zeit nach dem ersten Weltkrieg vielerlei Kontakte – Wandervögel, Lebensreformer, Edel-Kommunisten, Anarchisten. Bei letzteren hörte sie eines Tages beim Hereinkommen: "Packt die Handgranaten weg, die Luise kommt!"

Meine gesamte Kindheit lag in der Nazi-Zeit. Das hat es meiner Mutter mit ihrer grundsätzlich linken Einstellung besonders schwer gemacht. Weitgehend politische Gespräche hat es kaum gegeben. Das wäre mit einem im Nazi-Drill stehenden Kind sicher riskant gewesen. Aber ich erinnere mich, dass wir in Dresden einen alten Bekannten von ihr besuchten, der gerade aus dem KZ freigekommen war. Er trug bis in den Winter hinein Sandalen und hatte den Spitznamen "der Dresdner Anarchisten-König".

Meine Mutter hatte in Dresden bei Juden gearbeitet, mit einer offenbar sehr guten Erinnerung. Wahrscheinlich deshalb hörte ich von ihr in der Zeit der Judenverfolgungen den Satz "Es gibt auch anständige Juden". Eigentlich ist auch das reiner Antisemitismus. Aber für meine Mutter war das wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, ihrer Erinnerung treu zu bleiben und sich dennoch nicht in gefährliche Gespräche zu begeben. Ich war als Kind eine Leseratte und bediente mich auch der erheblichen Bücherbestände meiner Mutter. Eines Tages sagte ich ihr, dass mir ein Buch besonders gut gefallen habe. Erschrocken beschwor sie mich, ja niemandem davon zu erzählen. Was es im Einzelnen war, weiß ich nicht mehr. Aber es war Maxim Gorki.

Sie hatte auch einen unschlagbaren Mutterwitz. In einem Nachbarhaus wohnte ein hysterisches Nazi-Weib, das uns immerzu nervte. Damals war das Schönheitsideal für Mädchen strohblondes Haar mit langen Zöpfen. Stolz sagte diese Frau: "Unsere Annemarie lässt sich jetzt Hitler-Zöpfe wachsen." Darauf meine Mutter: "Ich habe aber den Führer noch nie mit Zöpfen gesehen."

Schließlich muss ich noch hinzufügen, wie sehr ich es meiner Mutter verdanke, bereits in sehr jungen Jahren kulturelle Interessen zu entwickeln. Wir nutzten die wenigen Möglichkeiten, die unsere Kleinstadt Nossen bot. Viel waren wir aber in Meißen und besonders in Dresden zu Konzerten und Kunstausstellungen, die in der Nachkriegszeit so viel Interessantes boten, wie die bis dahin verbotenen Bilder von Otto Dix, Hans und Lea Grundig oder Käthe Kollwitz. Mir sind noch die glänzenden Inszenierungen der Dresdner Staatsoper und die Konzerte der Staatskapelle in Erinnerung, die unter primitiven Bedingungen im Ballsaal des Kurhauses Bühlau stattfanden, weil die Semper-Oper und auch das Schauspielhaus noch zerstört waren. Auch den jetzt durch seine Tagebücher so bekannt gewordenen Prof. Victor Klemperer lernte ich damals bei Diskussionen in Dresden kennen.

Im Unterschied zu mir war meine Mutter außerordentlich gesprächig. Sie konnte keine Strecke mit der Eisenbahn fahren, ohne nicht das gesamte Abteil ins Gespräch zu ziehen. Sie hatte immer einen großen Kreis interessanter Bekannter. Als wir kürzlich in der Nossener Oberschule das Goldene Abitur feierten, brachten einige meiner Klassenkameraden, die ich 50 Jahre nicht gesehen hatte, nach kurzer Zeit das Gespräch auf meine Mutter.

 
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