In der Schule

Als ich Kind war, hatten wir die achtklassige Volksschule. Gelernt habe ich gern und auch leicht. Aber mein erster Klassenlehrer hat es mir nicht leicht gemacht. Er war ein schlimmer Fanatiker und sicher kein guter Pädagoge.

 

Peter Spacek als Schüler
 
 

Vor der Klasse sagte er zu mir – ich weiß nicht mehr, warum – mein Vater sei ein hergelaufener polnischer Landarbeiter gewesen.

Damals gab es an den Schulen noch die Prügelstrafe, und der Rohrstock gehörte bei manchem Lehrer zu den wichtigsten pädagogischen Utensilien. Das musste auch ich gelegentlich spüren.
Nach der vierten Klasse wechselte ein Teil zur Oberschule. Das waren vorwiegend die Kinder von Fabrikbesitzern, Geschäftsleuten oder Beamten. Die meisten blieben, auch ich. Mein Klassenlehrer, inzwischen ein anderer, sagte zu meiner Mutter, auf Grund meiner Leistungen könne ich durchaus zur Oberschule gehen, wahrscheinlich auch auf eine Freistelle reflektieren (Oberschule kostete damals Schulgeld). Trotzdem rate er davon ab, denn das Abitur habe ohne ein anschließendes Hochschulstudium wenig Sinn, und ein Studium könnten wir sicher nicht finanzieren. (Heute ist die Zahl der Gymnasiasten weitaus größer, als damals die der Oberschüler, weil es jetzt auch Berufe gibt, die ein Abitur ohne Hochschulstudium zur Voraussetzung haben.)

Die restlichen vier Jahre Volksschule sind mir nicht besonders in Erinnerung geblieben. Ich weiß nur, dass ich ziemlich unterfordert war. Die simplen Schularbeiten habe ich meistens früh schnell in der Schule gemacht. Der Lernstoff ging über das kleine und große Einmaleins kaum hinaus. Ziemlich oft gab es im Unterricht Kopfrechnen als Höhepunkt: Alle standen auf, wer versagte, musste sich setzen. Zum Schluss bleiben meistens zwei übrig: Mein Mitschüler Klaus Jendritzky und ich. Wir waren beide etwa gleich gut. Nur: Er war der beste Fußballspieler unserer Klasse, ich der schlechteste. Wenn Fußball gespielt wurde, suchten sich die beiden Besten abwechselnd ihre Mannschaft zusammen. Ich blieb immer als letzter übrig. Eigentlich war ich nicht schlecht im Sport. Im 100-Meter-Lauf war ich meist der Beste. Nur bei allem, was mit einem Ball zusammenhängt, habe ich mich immer tollpatschig angestellt. Ich weiß nicht, warum. In der Turnerreihe, in der man sich der Größe nach aufstellen musste, war ich von hinten der Dritte.

Der Alltag war in unserer Kleinstadt für einen Heranwachsenden ziemlich langweilig. Den Sommer verbrachte ich meistens im Schwimmbad. Wenn der Bademeister nicht in der Nähe war, betrieben wir Steinetauchen. Wir warfen einen Stein ins Becken und mussten ihn vom Grund wieder hoch holen. Strecken zu schwimmen, war nie meine Sache. Ich sprang lieber vom Dreimeterturm: Kopfsprung mit Anlauf oder Salto rückwärts aus dem Stand.

Sonst war einer meiner Aufenthaltsorte der für Nossener Verhältnisse recht große Bahnhof. Ich hatte mich dort mit einem Taxifahrer angefreundet. Er gab mir einen ausrangierten Schlauch vom Autoreifen, den ich im Schwimmbad gut nutzen konnte. Vor einer längeren Tour fragte er manchmal einen Fahrgast, ob er etwas dagegen habe, wenn der Junge mitfahre.

Die wenigen Höhepunkte waren die Jahrmärkte im Frühjahr und Herbst sowie das auch mit einem Rummel verbundene Schützenfest im Sommer. Wenn die Karussellbetreiber anreisten, versuchten wir uns nützlich zu machen, um als Entlohnung zu Freikarten zu kommen. Zum Beginn des Schützenfests gab es immer den Umzug mit der Schützenkapelle voran. Wir hatten in Nossen eine einzige Blaskapelle. In Zivil fungierte sie als Stadtkapelle, ansonsten je nach Anlass in der jeweiligen Uniform – als SA-Kapelle in der Nazi-Uniform, als Feuerwehrkapelle und eben auch als Schützenkapelle. Wer als bester Schütze Schützenkönig wurde, war immer vorher festgelegt worden. Denn es musste ein Fabrikant oder ein Gutsbesitzer aus der Umgebung sein. Das entsprach dem damals üblichen gesellschaftlichen Ritual, und jemand anderes hätte die aus der Würde resultierenden Verpflichtungen auch gar nicht tragen können. Für die Erwachsenen waren das Freibier und für uns Kinder wieder die begehrten Karussell-Freikarten.

Ein Rabauke war ich nicht. An Prügeleien in der Klasse oder auf der Straße habe ich mich nicht beteiligt. Aber natürlich gab es Unsinn. Dazu gehörte, wenn nach einem strengen Winter das Eis auf der Mulde brach, das Gondeln auf Eisschollen. Ein Klassenkamerad rutschte dabei mit einem Bein in das eisige Wasser. Auch Geländerbalancieren gehörte dazu. Zwischen Nossen und Siebenlehn wurde eine große Autobahnbrücke gebaut. Sie überspannt das Muldental, 500 Meter lang und 70 Meter hoch, "die größte Reichsautobahnbrücke der Welt", wie damals auf einer Ansichtskarte stand. Da war es eine Mutprobe, über die etwa 25 Zentimeter breite Geländerbrüstung zu laufen. Der Blick war natürlich nicht in den Abgrund gerichtet, sondern zur Fahrbahn. Auch der Körper wurde leicht nach dorthin geneigt. Dennoch kann ich heute nur mit einem leichten Grausen daran zurück denken.

Später kam ich dann doch noch zu Skiern. Als Hitlers Wehrmacht im tiefen Winter vor Moskau stecken blieb, sollten warme Wollsachen wie auch Schneeschuhe für die Winterausrüstung der Soldaten abgeliefert werden. Kurz vor Kriegsende verkaufte dann die Wehrmacht diejenigen Skier, die sie nicht gebraucht hatte, natürlich nicht die besten. Ich fuhr mit der Bahn nach Meißen, wo es welche gab, und wollte dann wieder so zurückfahren. Doch der Mann an der Sperre sagte, dass die Beförderung von Schneeschuhen wegen einer Kriegsverordnung verboten sei. So blieb mir nichts anderes übrig, als sie anzuschnallen und zum erstenmal in meinem Leben damit zu laufen, reichlich 20 Kilometer bis nach Nossen. Kurz hinter Meißen riss schon eine Lederbindung, die Skier rutschten immer wieder aus dem Schuh. Dann kam auch noch Fliegeralarm, so dass ich mich unterstellen musste. Nach etwa fünf Stunden kam ich endlich zu Hause an, ich war fix und fertig. Es hat ziemlich lange gedauert, ehe ich mich dann wieder daran wagte.

Krieg und Faschismus prägten sehr stark unser Leben. In der Schule mussten wir uns jeden Tag vor Unterrichtsbeginn im Klassenzimmer aufstellen und im Sprechchor rufen: "Wir werden siegen, weil wir siegen wollen. Wir wollen siegen, weil wir siegen müssen. Wir müssen siegen, weil wir sonst alle verloren sind!"

Einen erheblichen Teil unserer Freizeit mussten wir in Uniform als Pimpfe verbringen. Ab 14 Jahre gab es die Hitler-Jugend, davor zwischen 10 und 14 das Deutsche Jungvolk. Das war obligatorisch. Der Dienst bestand zum Teil aus Schulung, indem wir zum Beispiel den Lebenslauf von Hitler hersagen mussten, zum Teil aus Exerzieren und Marschieren. Das gefiel mir nicht. Deshalb habe ich mich zum Fanfarenzug gemeldet, wo dann das Üben die meiste Zeit einnahm und wo es schon mehr Spaß machte, musizierend durch die Straßen zu marschieren.

Es gab auch Romantik und Kameradschaftlichkeit, wie in den Zeltlagern im Sommer. Damals war ich auch stolz, als ich mir den Winkel eines Hordenführers auf den Ärmel nähen konnte, was dem Rang eines Gefreiten entspricht. Ein innerer Widerständler war ich als 14jähriger natürlich nicht. Aber der Drill behagte mir nicht. Mir behagten auch einige der Lieder nicht, die wir singen mussten: "Wir werden weiter marschieren, bis alles in Scherben fällt. Denn heute gehört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt!" Oder noch viel schlimmer: "Erst wenn das Judenblut vom Messer spritzt, dann ist uns wieder gut."

Dabei ging es mir nicht um den im Faschismus betriebenen Kampf gegen das Judentum. Das verstand ich damals noch nicht. Mir war es nur widerwärtig, dass irgendwie Blut vom Messer spritzen soll. Da habe ich einfach nicht mitgesungen.

 
   
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