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Vor
der Klasse sagte er zu mir – ich weiß nicht mehr, warum
– mein Vater sei ein hergelaufener polnischer Landarbeiter gewesen.
Damals gab es an den Schulen noch die Prügelstrafe,
und der Rohrstock gehörte bei manchem Lehrer zu den wichtigsten
pädagogischen Utensilien. Das
musste auch ich gelegentlich spüren.
Nach
der vierten Klasse wechselte ein Teil zur Oberschule. Das waren vorwiegend
die Kinder von Fabrikbesitzern, Geschäftsleuten oder Beamten. Die
meisten blieben, auch ich. Mein Klassenlehrer, inzwischen ein anderer,
sagte zu meiner Mutter, auf Grund meiner Leistungen könne ich durchaus
zur Oberschule gehen, wahrscheinlich auch auf eine Freistelle reflektieren
(Oberschule kostete damals Schulgeld). Trotzdem rate er davon ab, denn
das Abitur habe ohne ein anschließendes Hochschulstudium wenig
Sinn, und ein Studium könnten wir sicher nicht finanzieren. (Heute
ist die Zahl der Gymnasiasten weitaus größer, als damals
die der Oberschüler, weil es jetzt auch Berufe gibt, die ein Abitur
ohne Hochschulstudium zur Voraussetzung haben.)
Die
restlichen vier Jahre Volksschule sind mir nicht besonders in Erinnerung
geblieben. Ich weiß nur, dass ich ziemlich unterfordert war. Die
simplen Schularbeiten habe ich meistens früh schnell in der Schule
gemacht. Der Lernstoff ging über das kleine und große Einmaleins
kaum hinaus. Ziemlich oft gab es im Unterricht Kopfrechnen als Höhepunkt:
Alle standen auf, wer versagte, musste sich setzen. Zum Schluss bleiben
meistens zwei übrig: Mein Mitschüler Klaus Jendritzky und
ich. Wir waren beide etwa gleich gut. Nur: Er war der beste Fußballspieler
unserer Klasse, ich der schlechteste. Wenn Fußball gespielt wurde,
suchten sich die beiden Besten abwechselnd ihre Mannschaft zusammen.
Ich
blieb immer als letzter übrig. Eigentlich war ich nicht schlecht
im Sport. Im 100-Meter-Lauf war ich meist der Beste. Nur bei allem,
was mit einem Ball zusammenhängt, habe ich mich immer tollpatschig
angestellt. Ich weiß nicht, warum. In der Turnerreihe, in der
man sich der Größe nach aufstellen musste, war ich von hinten
der Dritte.
Der Alltag war in unserer Kleinstadt für einen Heranwachsenden
ziemlich langweilig. Den Sommer verbrachte ich meistens im Schwimmbad.
Wenn der Bademeister nicht in der Nähe war, betrieben wir Steinetauchen.
Wir warfen einen Stein ins Becken und mussten ihn vom Grund wieder hoch
holen. Strecken zu schwimmen, war nie meine Sache. Ich sprang lieber
vom Dreimeterturm: Kopfsprung mit Anlauf oder Salto rückwärts
aus dem Stand.
Sonst
war einer meiner Aufenthaltsorte der für Nossener Verhältnisse
recht große Bahnhof. Ich hatte mich dort mit einem Taxifahrer
angefreundet. Er gab mir einen ausrangierten Schlauch vom Autoreifen,
den ich im Schwimmbad gut nutzen konnte. Vor einer längeren Tour
fragte er manchmal einen Fahrgast, ob er etwas dagegen habe, wenn der
Junge mitfahre.
Die
wenigen Höhepunkte waren die Jahrmärkte im Frühjahr und
Herbst sowie das auch mit einem Rummel verbundene Schützenfest
im Sommer. Wenn die Karussellbetreiber anreisten, versuchten wir uns
nützlich zu machen, um als Entlohnung zu Freikarten zu kommen.
Zum Beginn des Schützenfests gab es immer den Umzug mit der Schützenkapelle
voran. Wir hatten in Nossen eine einzige Blaskapelle. In Zivil fungierte
sie als Stadtkapelle, ansonsten je nach Anlass in der jeweiligen Uniform
– als SA-Kapelle in der Nazi-Uniform, als Feuerwehrkapelle und
eben auch als Schützenkapelle. Wer als bester Schütze Schützenkönig
wurde, war immer vorher festgelegt worden. Denn es musste ein Fabrikant
oder ein Gutsbesitzer aus der Umgebung sein. Das entsprach dem damals
üblichen gesellschaftlichen Ritual, und jemand anderes hätte
die aus der Würde resultierenden Verpflichtungen auch gar nicht
tragen können. Für die Erwachsenen waren das Freibier und
für uns Kinder wieder die begehrten Karussell-Freikarten.
Ein Rabauke war ich nicht. An Prügeleien in der Klasse oder auf
der Straße habe ich mich nicht beteiligt. Aber natürlich
gab es Unsinn. Dazu gehörte, wenn nach einem strengen Winter das
Eis auf der Mulde brach, das Gondeln auf Eisschollen. Ein Klassenkamerad
rutschte dabei mit einem Bein in das eisige Wasser. Auch Geländerbalancieren
gehörte dazu. Zwischen Nossen und Siebenlehn wurde eine große
Autobahnbrücke gebaut. Sie überspannt das Muldental, 500 Meter
lang und 70 Meter hoch, "die größte Reichsautobahnbrücke
der Welt", wie damals auf einer Ansichtskarte stand. Da war es
eine Mutprobe, über die etwa 25 Zentimeter breite Geländerbrüstung
zu laufen. Der Blick war natürlich nicht in den Abgrund gerichtet,
sondern zur Fahrbahn. Auch der Körper wurde leicht nach dorthin
geneigt. Dennoch kann ich heute nur mit einem leichten Grausen daran
zurück denken.
Später kam ich dann doch noch zu Skiern. Als Hitlers Wehrmacht
im tiefen Winter vor Moskau stecken blieb, sollten warme Wollsachen
wie auch Schneeschuhe für die Winterausrüstung der Soldaten
abgeliefert werden. Kurz vor Kriegsende verkaufte dann die Wehrmacht
diejenigen Skier, die sie nicht gebraucht hatte, natürlich nicht
die besten. Ich fuhr mit der Bahn nach Meißen, wo es welche gab,
und wollte dann wieder so zurückfahren. Doch der Mann an der Sperre
sagte, dass die Beförderung von Schneeschuhen wegen einer Kriegsverordnung
verboten sei. So blieb mir nichts anderes übrig, als sie anzuschnallen
und zum erstenmal in meinem Leben damit zu laufen, reichlich 20 Kilometer
bis nach Nossen. Kurz hinter Meißen riss schon eine Lederbindung,
die Skier rutschten immer wieder aus dem Schuh. Dann kam auch noch Fliegeralarm,
so dass ich mich unterstellen musste. Nach etwa fünf Stunden kam
ich endlich zu Hause an, ich war fix und fertig. Es hat ziemlich lange
gedauert, ehe ich mich dann wieder daran wagte.
Krieg
und Faschismus prägten sehr stark unser Leben. In der Schule mussten
wir uns jeden Tag vor Unterrichtsbeginn im Klassenzimmer aufstellen
und im Sprechchor rufen: "Wir werden siegen, weil wir siegen wollen.
Wir wollen siegen, weil wir siegen müssen. Wir müssen siegen,
weil wir sonst alle verloren sind!"
Einen
erheblichen Teil unserer Freizeit mussten wir in Uniform als Pimpfe
verbringen. Ab 14 Jahre gab es die Hitler-Jugend, davor zwischen 10
und 14 das Deutsche Jungvolk. Das war obligatorisch. Der Dienst bestand
zum Teil aus Schulung, indem wir zum Beispiel den Lebenslauf von Hitler
hersagen mussten, zum Teil aus Exerzieren und Marschieren. Das gefiel
mir nicht. Deshalb habe ich mich zum Fanfarenzug gemeldet, wo dann das
Üben die meiste Zeit einnahm und wo es schon mehr Spaß machte,
musizierend durch die Straßen zu marschieren.
Es
gab auch Romantik und Kameradschaftlichkeit, wie in den Zeltlagern im
Sommer. Damals war ich auch stolz, als ich mir den Winkel eines Hordenführers
auf den Ärmel nähen konnte, was dem Rang eines Gefreiten entspricht.
Ein innerer Widerständler war ich als 14jähriger natürlich
nicht. Aber der Drill behagte mir nicht. Mir behagten auch einige der
Lieder nicht, die wir singen mussten: "Wir werden weiter marschieren,
bis alles in Scherben fällt. Denn heute gehört uns Deutschland,
und morgen die ganze Welt!" Oder noch viel schlimmer: "Erst
wenn das Judenblut vom Messer spritzt, dann ist uns wieder gut."
Dabei
ging es mir nicht um den im Faschismus betriebenen Kampf gegen das Judentum.
Das verstand ich damals noch nicht. Mir war es nur widerwärtig,
dass irgendwie Blut vom Messer spritzen soll. Da habe ich einfach nicht
mitgesungen.
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