Lodz - Litzmannstadt

 
 

Meine Tante, die Zwillingsschwester meiner Mutter, hatte in der Nähe von Dresden als Gemeindeschwester gearbeitet. Während des Krieges wurde sie in die Nähe von Lodz als Krankenschwester kriegsverpflichtet. Lodz, die zweitgrößte polnische Stadt, hieß damals Litzmannstadt, benannt nach einem deutschen General, der dort im ersten Weltkrieg eine Schlacht geschlagen hatte. So weit hatte Hitler sein "Großdeutsches Reich" ausgedehnt. In diesem annektierten Gebiet waren die polnischen Bauern von ihren Höfen vertrieben worden. Dort wurden Deutsche angesiedelt, die nach dem Hitler-Stalin-Pakt aus dem an die Sowjetunion gefallenen Teil Rumäniens, dem heutigen Moldawien, geholt wurden. "Beutedeutsche" nannte man sie im Volksmund. Aus dieser mitten in Polen liegenden Region sollten sie als eine Art Wehrbauern ein Stück Deutschland machen. Zu diesen auf den Höfen vertriebener Polen Angesiedelten gehörten auch die aus Rumänien stammenden Eltern des derzeitigen Bundespräidenten Köhler. Um so unverständlicher seine Formulierung, er sei dort geborgen aufgewachsen.


Für die neuen deutschen Herren gab es bei Lodz ein spezielles Krankenhaus, in dem meine Tante zur Arbeit verpflichtet war. Im Januar 1944 lud
sie mich ein, sie zu besuchen. Verreisen war in der letzten Kriegsphase ohnehin sehr beschwerlich, weil es viele Verspätungen gab und die Züge hoffnungslos überfüllt waren. "Räder müssen rollen für den Sieg!" war an die Lokomotiven gemalt. Aber diese Reise war eine besondere Qual. Der D-Zug von Dresden nach Breslau kam mit zweistündiger Verspätung an, so dass der Zug nach Litzmannstadt natürlich schon weg war. Auf den nächsten musste ich nun fünf Stunden warten. In der Zeit der Lebensmittelkarten gab es auf dem Breslauer Bahnhof als "kartenfreies" Gericht nur eine wässrige Suppe. An Getränken gab es ausschließlich dünnes Bier, das aber für Jugendliche unter 16 verboten war. Schließlich erbarmte sich eine Kellnerin und brachte mir trotzdem eins. Als ich so wartete, fiel ich schließlich einer Wehrmachtstreife in die Hände. "Kettenhunde" nannte man sie, weil sie ein Metallschild trugen, das an einer um den Hals gehängten Kette hing. Sie suchten nach Deserteuren oder nach Soldaten mit nicht ordnungsgemäßen Papieren. Mich hatten sie im Verdacht, dass ich von zu Hause aus Nossen getürmt sei. Erst nach einem langen Verhör mit vielen Fangfragen ließen sie mich wieder frei. Der Zug, der dann nach fünf Stunden fahren sollte, war kein normaler D-Zug, sondern ein Fronturlauberzug mit einem einzigen Wagen für Zivil. Doch der gesamte Bahnsteig war voller Zivilisten. Wie ich mich da durchgeboxt habe, weiß ich nicht mehr. Doch ich fand einen Platz auf der Überlappung zwischen zwei Waggons, wo ich auf meinem Koffer sitzen konnte, mit der furchtbaren Kälte, die von unten kam.

Am Ziel meiner Reise waren es nun ganz andere Eindrücke, die auf mich einstürmten. Lodz war eine ziemlich hässliche Industriestadt. In der nun plötzlich eingedeutschten Stadt lebten noch immer 500 000 Polen, zwei Drittel der Bevölkerung, aber als Menschen zweiter Klasse. So durften sie in der Straßenbahn nicht im vorderen Wagen fahren. Schon an der ärmlichen Kleidung konnte man sie erkennen. Vieles blieb ihnen verboten. Die Eindeutschung war offenbar über Nacht von einem Schlag auf den anderen erfolgt. Das sah man schon den merkwürdigen Straßennamen, die nicht historisch gewachsen waren. Die Hauptstraße hieß natürlich Adolf-Hitler-Straße. Aber dann: Ein ganzes Stadtviertel wurde nach den ehemaligen deutschen Kolonien und Kolonialeroberern benannt – Kamerunstraße, Togostraße, Lettow-Vorbeck-Straße. Ein anderes nach Märchen wie Frau-Holle-Weg oder Dornröschenstraße. Ein drittes schließlich nach Wilhelm Busch: Maxund-Moritz-Straße, Onkel-Nolte-Weg. So ging das über die ganze Stadt.

In Lodz gab es ein jüdisches Ghetto, durch das man mit der Straßenbahn fahren konnte, weil es mitten in der Stadt lag. Zuvor wurde die Bahn verschlossen, die polnischen Straßenbahner wurden durch deutsche ersetzt. Allerdings konnte man nichts sehen. Links und rechts waren hohe Holzzäune, die keinen Blick durchließen. Über die Straße führten genauso abgeschirmte Fußgängerbrücken. Was sich im Ghetto abspielte, wusste ich nicht. Das hat man erst später erfahren. Ich wusste damals auch nicht, dass dieses Ghetto nur eine Durchgangsstation zu den Gaskammern von Auschwitz war. Vieles habe ich damals noch nicht begriffen. Aber ich war den Realitäten dieses faschistischen Krieges ein Stück näher. Als ich nach Hause zurückkehrte, rastete unser Klassenlehrer aus. Es hieße "Räder müssen rollen für den Sieg!", "Erst siegen, dann reisen!" und er traue sich nicht einmal nach Meißen zu fahren. Und so ein Rotzjunge reise nach Litzmannstadt! Im Abschlusszeugnis der Volksschule erhielt ich deshalb in "Führung und Haltung" eine schlechte Note.

 
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