Sollte ich Lehrer werden?

 
 

Zum Glück eröffnete sich dann nach der Volksschule eine weitere Bildungsmöglichkeit. Es wurden Lehrerbildungsanstalten eingerichtet, die mit fünfjähriger Ausbildungszeit Volksschullehrer für die Unterstufe heranzogen. Davor gab es noch eine Episode. Meine Mutter wurde zur Ortsgruppenleitung der Nazi-Partei bestellt. Sie müssten dazu Stellung nehmen, dass ich mich für die Lehrerbildungsanstalt beworben habe. "In Ihrem Fall fällt es uns nicht schwer", sagte der Ortsgruppenleiter. "Wir wissen, dass Sie schon vor 1933 auf unseren Versammlungen waren. Aber uns wundert, dass Sie in nichts drin sind." (Also in keiner Nazi-Organisation). Der Ahnungslose. Meine politisch so interessierte Mutter war mit Vorliebe auf den Versammlungen der Kommunisten wie auch der Nazis, weil es dort am turbulentesten zuging, wenn, was damals üblich war, in der Diskussion Vertreter der jeweils anderen Partei auftraten. Um meinen Werdegang nicht zu gefährden, erklärte sie sich schließlich bereit, Mitglied des Winterhilfswerks zu werden. Die Anstalt war eine Internatsschule in Frankenberg bei Chemnitz. Alles war dort auf Nazi-Drill ausgerichtet, ähnlich wie in den speziell eingerichteten Kaderschmieden Adolf-Hitler-Schule und Nationalpolitische Erziehungsanstalt. Wir mussten den ganzen Tag in Hitler-Jugend-Uniform herumlaufen. Mein Klassenlehrer war ein Gauredner der NSDAP. Alles ging mit Antreten und Strammstehen.


In den Ferien mussten wir in ein Wehrertüchtigungslager der Hitlerjugend. Auch wieder ohne jeden politischen Hintergrund, nur um dem Drill und der Schinderei zu entgehen, versuchte ich, dem zu entkommen. Ich meldete mich für eine "Feldscherführerschule", die man stattdessen auch absolvieren konnte. Feldscher waren Sanitäter. Die Schule war in Leipzig. Ich wunderte mich, warum mich die Leute so merkwürdig anschauten, als ich sie nach dem Weg nach Dösen fragte, wo sie sich befand. In Dösen war die Leipziger Anstalt für geistig Behinderte. Weil ein großes Krankenhaus durch Luftangriffe zerstört war, hatte man es in diesen Komplex verlegt und auch die Schule da eingerichtet. Durch Hitlers Mordaktion an "unwertem Leben", als das man die Behinderten hinstellte, war dort reichlich Platz entstanden.

Nach dieser Lehrerbildungsanstalt wäre sicher ein hundsmiserabler Lehrer aus mir geworden. Aber es war eine Möglichkeit zum Weiterlernen. Statt des simplen Rechnens gab es nun Mathematik, dazu Englisch und anderes. Auch Klavierspielen stand auf dem Lehrplan. Ich spürte dabei allerdings, dass ich mit meinen kleinen Händen sogar Mühe hatte, eine Oktave zu greifen. Nach einem reichlichen halben Jahr war mit dieser Ausbildung aber schon Schluss. Anfang 1945 wurden wir zum "Fernunterricht" nach Hause geschickt, weil die Gebäude für Flüchtlinge gebraucht wurden. Zuvor waren wir noch für den Volkssturm, für Hitlers letztes Aufgebot vereidigt worden. Das war erst ab 16 Jahren Pflicht. Doch unser Direktor hatte uns "freiwillig" gemeldet. Wir sollten dann in unseren Heimatorten zum Volkssturm gehen, was ich wohlweislich nicht getan habe. Und dann war der Krieg zu Ende.

 
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