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In
unserer Kleinstadt hatten wir vom Krieg nicht all zu viel gespürt.
Wir hatten auch niemanden an der Front, um den wir fürchten mussten.
Diese Ruhe änderte sich allerdings gegen Kriegsende. Weil Nossen
ein Bahnknotenpunkt mit einem ziemlich großen Bahnhof war, wurden
wir plötzlich das Ziel englischer und amerikanischer Tieffliegerangriffe.
Unser Haus lag genau in der Anflugrichtung nicht weit vom Bahnhof. Wir
hatten über ein Dutzend Bordwaffeneinschüsse im Haus, darunter
einen durchs Küchenfenster in die gegenüber liegende Wand.
Eine Bombe fiel etwa 25 Meter von uns – zum Glück in weichen
Gartenboden, so dass es bei einem teilweise abgedeckten Dach und kaputten
Fensterscheiben blieb. Um dem zu entrinnen, sind wir mit anderen Hausbewohnern
früh in den Wald gegangen und abends zurückgekehrt. Als ich
vor einiger Zeit wieder durch dieses Waldstück ging, konnte ich
noch immer die Reste des Splittergrabens erkennen, den wir damals ausgeschachtet
hatten.
Inzwischen
rückte die Front immer näher, wobei zunächst die Amerikaner
im Westen sogar schon näher standen, als die Rote Armee im Osten.
Plakate wurden angeklebt: "Mein Gauleiter", meldete irgendein
General an den Nazi-Gauleiter von Sachsen. Den heldenhaft kämpfenden
Truppen sei es gelungen, die Front bei Görlitz zum Stehen zu bringen.
Das mit Görlitz stimmte sachlich sogar. Aber nicht wegen heldenhafter
Truppen, sondern weil die Russen dort nicht mehr angriffen. Stattdessen
kam jetzt vom Norden der Armeeverband unter Marschall Konew, der zunächst
an der Befreiung Berlins beteiligt war und nun auf Dresden und Prag
vorrückte. Irgendwie war es Hitlers Wehrmacht dann doch gelungen,
die Sowjetarmee für ein paar Tage zurückzudrängen.
Dort,
so sprach sich herum, befände sich ein Bekleidungslager der Eisenbahn,
das nicht mehr bewacht würde. Mit einem geborgten Fahrrad machte
ich mich sofort auf den Weg. Plötzlich rollte kurz hinter Nossen
ein deutscher Panzer auf mich zu. Er blieb vor mir stehen, und die Luke
öffnete sich. "Junge", fragte der Kommandant, "sind
hier die Russen?" Kopfschüttelnd über ein solches Durcheinander
fuhr ich weiter. Nicht viel weiter stieß ich auf einen Haufen
zusammengesammelter Leichenteile – auch Stiefel mit Beinen drin.
Mir wurde schlecht und ich musste absteigen. Dieses
Bild werde ich nie vergessen.
Dann
erreichte ich doch mein Ziel. Bauern packten ganze Pferdewagen voll.
Ich band auf das Rad, was darauf passte: einen Eisenbahnermantel, Stiefel,
Hosen, Jacken, Fellwesten. Schon seit einigen Jahren hatte es Bezugsscheine
für Bekleidung nur noch für Ausgebombte gegeben.
Jetzt war die Bekleidungsfrage für die nächste Zeit gelöst.
Viele liefen damals in Eisenbahnersachen herum. Am 5. Mai 1945, einem
Sonnabend, verlief das Leben noch ziemlich normal. Abends erschien der
"Nossener Anzeiger" mit dem Wehrmachtsbericht und den Todesanzeigen
"Gefallen für Führer, Volk und Vaterland" mit dem
Eisernen Kreuz und dem entsetzlichen, aber obligatorischen Satz "In
stolzer Trauer".
Am
Rathaus hing ein Aushang: Da die Front nun näher rücke, sei
es der Bevölkerung anheim gestellt, die Stadt zu verlassen. Dafür
würden am Montag mehrere Züge bereitgestellt. Doch am Sonntag
waren die Russen da. Die Nazi-Propaganda hatte entsetzliche Auswirkungen.
Das Apotheker-Ehepaar vergiftete sich. Nicht weit von uns erhängte
sich ein Rentnerpaar – alte Leute, die nie einer Fliege ein Haar
gekrümmt hatten. Die Witwe eines im Krieg gefallenen Offiziers
erschoss ihre drei Kinder und dann sich selbst.
Auch ich war von dem Gedanken besessen, wir müssten noch irgendwie
versuchen zu entkommen. Ich verstehe noch heute nicht, warum meine sonst
so kluge Mutter einer so fixen Idee eines 15jährigen nachgegeben
hat. Wir besorgten uns aus der Nachbarschaft einen alten Kinderwagen,
weil wir keinen Handwagen hatten. Darauf packten wir das wichtigste
– Papiere, Lebensmittel und natürlich auch meine Briefmarkensammlung.
Als wir an unserem Haus um die Ecke bogen, kamen in etwa 150 Meter Entfernung
sowjetische Soldaten auf uns zu, die vor sich her schossen. Sie hörten
auf und winkten mit der Hand, dass wir verschwinden sollten. Dann saßen
wir mit den anderen Hausbewohnern im Keller. Mein Großvater, der
im ersten Weltkrieg Sanitäter gewesen war, hatte sich seine alte
Armbinde umgebunden.
Schließlich Stiefelschritte auf der Kellertreppe. "Wo Mann,
Soldat?" fragte eine Stimme hinter einer Dynamotaschenlampe. Zu
meinem Großvater: "Du Polizei?" Zu mir: "Du Volkssturm?"
Dann "Ach, Kind". Normalerweise für einen 15jährigen
eine Beleidigung. Jetzt war ich ihm dankbar.
Wir
sollten noch zwei, drei Stunden im Keller bleiben. Dann könnten
wir in die Wohnungen. Die nächsten Tage verliefen sehr widersprüchlich.
Drei Häuser weiter hatte ein sowjetischer Soldat eine Frau mit
der Pistole bedrängt und dabei erschossen, sicher unabsichtlich.
Er wurde daraufhin von seinen eigenen Leuten erschossen.
Ich ließ mich gleich am ersten Tag von meiner Mutter nicht abhalten,
die Lage zu erkunden. Wir Jungens kannten ja die Stadt genau. In einer
Gaststätte, wo eine Wehrmachtseinheit stationiert war, fanden wir
in der Kegelbahn zwar auch Panzerfäuste, aber daneben einen großen
Stapel Kommissbrot, wovon ich einen Kohlensack voll nach Hause schleppte.
Dann brachte ich einen Sack mit Stearinkerzen – in der stromlosen
Zeit ein wahrer Schatz. Wo sowjetische Soldaten biwakierten, schlichen
wir zunächst neugierig herum. Uns war ja eingebläut worden,
das seien "bolschewistische Untermenschen". Doch bald schlossen
wir Kontakte, radebrechten. Wo sie ein Schwein geschlachtet hatten,
zogen wir mit dem Schweinekopf davon, aus dem sich herrliche Sülze
machen ließ.
Eines
Tages fragte mich ein sowjetischer Offizier nach einem Schneider. Ich
brachte ihn zu meiner Mutter, die sehr erschrocken war, weil sie noch
nie eine Reithose genäht hatte. Aber es klappte, und wir hatten
wieder Zusatzverpflegung. Später kamen Offiziere der sowjetischen
Kommandantur mit Stoffballen und Fotos ihrer Frauen, nach denen meine
Mutter nähen sollte. Wer weiß, ob es dann gepasst hat. Aber
von den Stoffballen blieb immer etwas übrig.
Wir
hatten seit einigen Wochen Sommerzeit. Aber der sowjetische Stadtkommandant
hielt das für eine faschistische Einrichtung, und so wurde in Nossen
die Normalzeit wieder eingeführt. In der westlichen Nachbarstadt
Rosswein war der Kommandant anderer Meinung und ließ die Sommerzeit
bestehen. Dagegen wurde drei Kilometer weiter in der südlichen
Nachbarstadt Siebenlehn sogar die Moskauer Zeit mit zwei Stunden Unterschied
eingeführt.
So konnte man in den ersten Wochen einen Spaziergang unternehmen, und
früher ankommen, als man weggegangen war. An schlimmen Hunger kann
ich mich nicht erinnern. Meine Mutter hatte schon vorsorglich den Kreis
ihrer Kundinnen um einige Bauersfrauen aus den umliegenden Dörfern
erweitert. Zu ihnen gingen wir dann immer zur Anprobe – öfter,
als eigentlich nötig. Trotzdem war das Leben schwer genug. Im Herbst
gingen wir Kartoffeln stoppeln. Wenn ein Bauer ein Feld abgeerntet und
gründlich nachgelesen hatte, durften wir dann die wenigen übersehenen
Kartoffeln ausbuddeln. Da warteten dann so viele Leute am Feldrand,
dass man sich in die Quere kam.
Es dauerte einige Monate, bis wir wieder Gas bekamen. Eine elektrische
Kochplatte hatten wir nicht. So garten wir die Kartoffeln im Kachelofen
in der heißen Asche. Eine Art Soße kochten wir in einem
alten Topf auf der Glut. Was es in dieser armseligen Zeit zu kaufen
gab, war Molke – die Flüssigkeit, die bei der Quarkherstellung
übrig blieb. Wenn man sie kochte, konnte man noch eine winzige
Menge Quark gewinnen. Wir verschroteten aufgelesene Getreidekörner
in der kleinen Kaffeemühle und rührten sie in Molke an. In
unserem Ausziehtisch fixierten wir das Bügeleisen verkehrt herum
und buken auf der Unterseite in einer kleinen Pfanne eine Art Plinsen
aus diesem Brei.
Not macht eben erfinderisch. |
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