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Für
mich ergab sich nun die Frage, wie es mit meinen 15 Jahren weiter gehen
sollte. Weil die ehemaligen Mitglieder der Nazi-Partei zunächst
aus dem Schuldienst ausscheiden mussten, wurden Neulehrer eingestellt.
Das Mindestalter war aber 16 Jahre. Dann suchte ich nach einer Lehrstelle,
z.B. als Elektriker, fand aber keine. Unser Fleischer, der mich irgendwie
in sein Herz geschlossen hatte, hätte mich gern als Lehrling genommen.
In dieser schlimmen Zeit, in der wegen des Essens alles Bäcker
oder Fleischer werden wollte, war das ein großherziges Angebot.
Aber das war nicht nach meinem Geschmack. Um nicht herumzugammeln, schlug
ich mich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Zunächst arbeitete ich
als Hilfsarbeiter bei einem Dachdecker, musste Kalk und Ziegel die Treppen
hoch schleppen, dem Gesellen zureichen. Ähnlich wie bei der Autobahnbrücke
wird mir heute ganz schwindlig, wenn ich daran zurück denke, wie
sorglos ich damals auf den Dächern herumgeturnt bin. Der Winter
setzte dann dieser Arbeit ein Ende.
Anschließend arbeitete ich als Pressensteher in der Nossener Papierfabrik
für 48 Pfennige Stundenlohn, wobei der Lohn einer Woche
nicht einmal für eine Schachtel Zigaretten auf dem Schwarzmarkt
gereicht hätte. Um den Weg abzukürzen, ging ich immer quer
über das Bahngelände und konnte dort jeden Tag ein paar Briketts
klauen. Als Zuteilung bekamen wir damals aus Rohbraunkohle gepresste
Nasspresssteine, die kaum Heizkraft hatten. Ich erinnere mich, dass
wir es in dem schlimmen Nachkriegswinter im Wohnzimmer auf gerade mal
vier Grad Celsius brachten.
In
der Papierfabrik war das keine körperliche Arbeit. Ich hatte nichts
zu tun, musste nur aufpassen, dass der Nassfilz nicht verrutschte und
die Papierbahn nicht einriss. Da wurden die acht Stunden zur Ewigkeit,
vor allem in der Nachtschicht. Anknüpfend an meine Anfänge
in der Lehrerbildungsanstalt verkürzte ich die Zeit mit dem Lernen
von Englisch-Vokabeln. Dabei überraschte mich Studienrat Cyrener,
vorher Mathematik-Lehrer an der Oberschule, der auch in der Papierfabrik
arbeitete. Weil er Mitglied der Nazi-Partei gewesen war, durfte er zunächst
nicht wieder in den Schuldienst. (Nicht viel später wurde er Dozent
an der Bergakademie Freiberg).
Er
drängte in mich, doch zur Oberschule zu gehen und ließ auch
meine Einwände mit den kaum vorhandenen Voraussetzungen nicht gelten.
In Mathematik würde er mich auf den nötigen Stand bringen,
für das andere müsste ich selbst sorgen. Ich erwähne
das deshalb so ausdrücklich, weil ich ohne ihn später meinen
erfolgreichen Lebensweg nicht hätte gehen können.
Das
war zunächst gar nicht einfach. Denn der im sächsischen Schuldienst
ergraute und in seinen starren Paragraphen lebende Rektor der Oberschule
war bei meinem Besuch sichtlich erschrocken. Er hatte einen solchen
Seiteneinstieg noch nie erlebt. Weil ich mich aber trotz seiner Ablehnung
nicht von ihm abwimmeln ließ, sagte er schließlich, das
übersteige seine Kompetenzen, das müsse der Kreisschulrat
entscheiden.
In
meiner jugendlichen Unbekümmertheit fuhr ich ohne Anmeldung und
ohne Termin nach Meißen. Doch ich hatte Glück. Nach fünf
Minuten saß ich beim Schulrat. Dieser – ein Funktionär
neuer Art – fand meine Absicht großartig und wollte sie
unbedingt unterstützen. Ob ich das allerdings schaffen könne
– das müsse die Schule entscheiden. Ich solle einen Antrag
an das Lehrerkollegium schreiben, sagte mir dann der Rektor.
Da
in unserer Kleinstadt nahezu jeder jeden kannte, suchte ich jeden mir
bekannten Oberschullehrer auf, um ihn für mein Vorhaben zu gewinnen.
Mit Erfolg: Ich wurde "versuchsweise" aufgenommen. Ich glaube,
ich habe nie wieder in meinem Leben so hart gearbeitet wie in der folgenden
Zeit. Die drei Monate, die noch bis zum Schuljahresbeginn blieben, von
früh bis spät abends Mathematik, dass ich manchmal glaubte,
das Gehirn setze aus. Dazu Englisch und mit Privatstunden auch Russisch.
Da
ich als 16jähriger in eine Klasse von 14jährigen kam und noch
so in Fahrt war, habe ich dann nach dem ersten Jahr eine Klasse übersprungen
– von der 9. in die 11. Klasse. Da entstand allerdings ein neues
Problem. Nach einer Verordnung des sächsischen Bildungsministeriums
wurde der Unterricht von Latein an Oberschulen abgeschafft. Dort, wo
er bereits begonnen hatte, sollte er aber zu Ende geführt werden.
So kam ich nun von einer Klasse ohne in eine Klasse mit Latein.
Mein
Antrag, davon befreit zu werden, wurde abgelehnt, denn der Rektor war
auch der Lateinlehrer und das ging ihm gegen den Strich. So blieb mir
nichts anderes übrig, als gegen meine ursprüngliche Absicht
nicht in den in den sprachlichen, sondern in den Zweig für Naturwissenschaften
zu gehen, weil da Latein kein direktes Prüfungsfach beim Abitur
war. Außerdem habe ich mich in diesem Fach mehr von Spickzetteln
als von wirklichem Wissen genährt. Die Drei in Latein war dann
auch meine schlechteste Abi-Note.
Natürlich wäre ein solcher Sprung heute nicht wiederholbar.
Denn abgesehen von meiner Motivation profitierte ich auch vom damaligen
Lehrermangel sowie von den Kälteferien im Winter, wenn sich die
Schule nicht heizen ließ. Aber dennoch: Während meine Klassenkameraden
acht Jahre Oberschule hinter sich hatten, habe ich das Abitur nach drei
Jahren geschafft, und zwar gut.
Darauf bin ich noch heute stolz.
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