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Politische
Lehrjahre
Das
war natürlich nicht nur durch die gesamten Lebensumstände,
sondern auch politisch eine sehr bewegte Zeit. Meine Entwicklung von
einem durch die Nazi-Ideologie geprägten Jungen in seiner braunen
Pimpfen-Uniform zu einem sozialistisch denkenden und handelnden jungen
Menschen nachzuempfinden: da waren so viele Zickzacklinien, Fortschritte
und Rückschritte, dass es schon für mich selbst schwer fällt,
nach einer so langen Zeit alles zu begreifen. Noch schwieriger, das
jemandem zu vermitteln, der diese Zeit nicht mit durchlebt hat. Hinzu
kommt, dass das ja in einem Alter geschah, in dem man sein Denken und
Handeln weniger von seinen eigenen Erkenntnissen ableitet, sondern mehr
von dem, was andere sagen, was die Kumpels tun.
Im
Mai 1945 war das für mich wie für die meisten keine Befreiung,
sondern ein verlorener Krieg. Zu begreifen, dass damit ein furchtbares
Verbrechen sein Ende gefunden hatte, brauchte seine Zeit. Aber wie weiter?
In
unserer Stadt bildete sich als Vorläufer der FDJ ein antifaschistischer
Jugendausschuss, in den ich aus Neugierde meine Nase steckte. Das war
ein geselliger, ziemlich unpolitischer Zusammenschluss von Mädchen
und Jungen meines Alters. Das war noch zusätzlich dadurch interessant,
dass uns der sowjetische Stadtkommandant ein großes Radio spendiert
hatte, während sonst alle Radios abgeliefert werden mussten. Wir
lernten dort tanzen, machten Ausflüge, debattierten über alles
Mögliche.
Gegen
den Zwang und die Intoleranz, die in der faschistischen Zeit herrschten,
war mir nun alles erstrebenswert, was in Richtung Freizügigkeit,
Vielfalt des Denkens, Freiheit in jeder Hinsicht ging. Um aktiv etwas
zu tun, wurde ich Anfang 1946 Mitglied der Liberal-Demokratischen Partei.
Das erwies sich aber nach und nach als sehr enttäuschend. Die meisten
Mitglieder waren Geschäftsleute, denen es nicht um liberale Ideale,
sondern um ihre wirtschaftlichen Interessen ging. Das war nicht meine
Welt.
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In dem sehr schweren Nachkriegswinter hing eines Tages am Rathaus ein
Aushang, dass sich die Mitglieder der demokratischen Parteien treffen,
um für hilfsbedürftige alte Leute zu sammeln. Am Treffpunkt
erschienen viele von der SED, keiner von der CDU, einer von der LDP
– ich. Als ich das auf der nächsten Versammlung zur Sprache
brachte, hieß ich dann "der Kommunist mit dem LDP-Abzeichen".
Da trat ich aus.
Es
gab ein Problem mit unserer Lebensmittelkarte. Anfangs gab es noch eine
Karte mit den niedrigsten Rationen für "Sonstige", also
für Leute, die nicht arbeiteten. Damit wir besser gestellt waren,
erhielten wir die "Kinderkarte" mit etwas höheren Rationen,
obwohl wir aus dem Alter heraus waren. Schüler über 18 Jahren
bekamen paradoxerweise zu ihrer Kinderkarte noch die Raucherkarte für
die Zigarettenzuteilung. Dann wurde die Sonstigen-Karte abgeschafft,
und plötzlich waren unsere Rationen niedriger als die von Gleichaltrigen,
die nicht arbeiteten – die Bürokraten hatten das nicht bedacht.
Ich schrieb deshalb an alle FDJ-Gruppen der sächsischen Oberschulen,
dass wir uns in einer gemeinsamen Aktion an die Fraktionen des Landtags
wenden sollten. Von CDU und LDP erhielten wir freundliche Sympathieerklärungen,
die allerdings nichts brachten. Von der SED schrieb Otto Buchwitz, dieses
Problem betreffe nicht nur Sachsen, sondern die gesamte sowjetische
Besatzungszone, man werde sich deshalb an zentraler Stelle in Berlin
für uns verwenden. Es hat dann auch nicht lange gedauert, bis wir
eine bessere Karte hatten.
So gut wir konnten, leisteten wir auch soziale Hilfe. Damals kostete
Oberschule noch immer Schulgeld. Weil viele Väter im Krieg geblieben
oder noch in Gefangenschaft waren, wurde das für manche Mutter
zum Problem. In meiner Eigenschaft als FDJ-Sekretär musste ich
mit dem Rektor gelegentlich nach Dresden zur "Sozialen Studienhilfe"
fahren, wo wir versuchten, so viele Freistellen wie möglich durchzubringen.
Doch es gab ein Limit, und das deckte nicht alle dringlichen Fälle
ab.
So
bildeten wir eine Laienspielgruppe, übten das ziemlich anspruchslose
Stück "Flachsmann als Erzieher" ein und zogen damit durch
die Nachbarstädte und über die Dörfer. Es kam erstaunlich
viel Geld zusammen, womit wir dann noch einigen den Schulbesuch ermöglichen
konnten.
Für
mich selbst schuf ich mir ein Taschengeld, indem ich für die Kreisausgabe
Meißen der "Sächsischen Zeitung" kleine Meldungen
über Ereignisse in Nossen verfasste – der Anfangspunkt meines
journalistischen Werdegangs. Weil unsere stark angewachsene FDJ-Gruppe
in unserer Kleinstadt eine beträchtliche Größenordnung
darstellte und es eine ziemliche Rolle spielte, ob wir bei irgendwelchen
Aktionen mitwirkten oder nicht, wandte ich auch das in klingende Münze
um. Von der Stadtverwaltung ergatterte ich 15 Jahresfreikarten fürs
Schwimmbad, die wir an besonders Bedürftige verteilten.
An
anderen Schulen gab es mitunter Probleme zwischen FDJ und Junger Gemeinde
oder den früher gewählten Schülerräten. Bei uns
nicht. Die FDJ gab den Ton an, ohne dass die anderen irgendwie beeinträchtigt
wurden.
1948
hatten wir einen neuen Rektor bekommen, Dr. Johannes Grosse. Im Gegensatz
zu sein em sehr konservativen Vorgänger, der im Geiste noch bei
Kaiser Wilhelm stand, war das ein politisch sehr vielschichtiger und
agiler Mann. Er kam von der Herrnhuter Brüdergemeinde, einer evangelischen
Gemeinschaft, und war über die Sozialdemokratische Partei in die
SED gekommen. Religiöser Sozialist" nannte er seine Position.
"In den Nazi-Jahren war er zwangspensioniert. An die Zeit mit ihm
denke ich mit größter Freude zurück. Jede Woche einmal
lud er die Abiturientenklasse zu sich in die Wohnung ein und las uns
ein Drama von Schriftstellern vor, die in seiner Jugendzeit den Fortschritt
verkörperten. Das waren u.a. Gerhard Hauptmann, Georg Kaiser, Ibsen
oder Friedrich Wolf. Diese Abende bereicherten nicht nur mein Weltbild.
Durch
die Diskussionen danach wurden Gedankengänge wach, die mir noch
heute viel bedeuten, vor allem durch die von ihm vorgelebte Toleranz.
Wenn man bedenkt, wie aufnahmefähig ein Mensch in diesem Alter
ist und wie sehr er in dieser Zeit geprägt wird, kann ich nur größte
Dankbarkeit dafür äußern.
Ich
glaube, vieles von der inneren Lebendigkeit, die ich noch heute spüre,
ist damals geweckt worden.
Leider musste ich später erfahren, dass so ein Freigeist wie Dr.
Grosse in der 1949 gegründeten DDR mit ihrem immer stärker
reglementierten Schulsystem in zunehmende Schwierigkeiten kam. Nach
einigen Jahren quittierte er den Schuldienst und verbrachte die letzten
Jahre seines Lebens als Dorfpfarrer.Später an der Universität
hatte ich in Diskussionsabenden noch einen anderen religiösen Sozialisten
kennen gelernt: Prof. Emil Fuchs von der theologischen Fakultät,
den führenden Kopf dieser Richtung. Die religiösen Sozialisten
unterschieden sich von Marxisten nur dadurch, dass sie ihre religiöse
Bindung behielten, bereicherten aber sehr das politische Leben. Die
DDR hat sich leider sehr viel dadurch vergeben, dass sie solche Menschen
immer mehr verdrängt hat.
Doch
zurück zu meiner Schulzeit. Da ich durch meine Aktivitäten
nun doch etwas im Vordergrund stand, wurde ich durch Genossen der SED
immer wieder in Diskussionen gezogen. Das Schlimme war – so empfand
ich das damals: Ich fand keine Argumente, die ich ihnen entgegensetzen
konnte. Ich will es nicht in die Länge ziehen, die dieser Prozess
eigentlich hatte. Aber im Mai 1948 wurde ich schließlich Mitglied
der SED. Den Ausschlag dafür gaben nicht irgendwelche ideologischen
Überlegungen. Mich überzeugte, dass es größtenteils
die Genossen der SED waren, die nicht wie andere herumnörgelten,
sondern sich mit allen Kräften für die Nöte der Menschen
einsetzten.
Noch im selben Jahr wurde ich für 14 Tage auf die Kreisparteischule
nach Meißen geschickt. Was für eine neue Welt tat sich für
mich auf, als ich die von Stalin formulierten Grundzüge der Dialektik
oder die marxistische Krisentheorie des Kapitalismus kennen lernte.
Nun glaubte ich, alles zu verstehen. Erst später wurde dann deutlich,
wie versimpelt das doch war. |
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