An der Uni

 
 

Im Oktober 1949 begann mein Studium an der Leipziger Universität. Ich wurde an der Gesellschaftswissen-schaftlichen Fakultät immatrikuliert. Dort gab es Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Außenpolitik und – das studierte ich – Kulturpolitik. Damals herrschte noch der alte bürgerliche Studienbetrieb. In der Quästur hingen Aushänge der einzelnen Professoren: "Ich gedenke, im Wintersemester 1949/50 folgende Vorlesungen zu halten...". Da konnte man einfach hingehen und sich einschreiben. Mühelos hatte ich ein interessantes Programm von 50 Wochenstunden – bis hin zur Geschichte der griechischen Philosophie. Doch ältere Studenten machten uns darauf aufmerksam, dass so etwas natürlich nicht geht. Wir müssten uns vor allem auf die Vorlesungen konzentrieren, zu denen später Prüfungen stattfinden.

Das waren an dieser Fakultät marxistische Philosophie, politische Ökonomie und, bei der Kulturpolitik, Literaturwissenschaft. Da hatte ich das große Glück, einen der bedeutendsten Literaturwissenschaftler zu hören, den es in Deutschland gab: Professor Hans Mayer. Als Jude war er aus der Emigration zurückgekehrt. Das Manuskript für seine Vorlesungen, sagten wir scherzhaft, bestand aus einer Briefmarke. Er sprach völlig frei, aber druckreif in gestochenen Formulierungen. Deprimierend war für mich und andere, dass ich zunächst völlig überfordert in seinen Vorlesungen saß. Er nannte Namen, die ich nie gehört hatte, stellte daraus Ableitungen und Querverbindungen her, denen ich nicht folgen konnte. Aber dafür war ich ja schließlich an die Universität gekommen, um das zu studieren.

Hans Mayer war mit allen bedeutenden Geistern des DDR-Kulturlebens befreundet – Brecht, Anna Seghers, Arnold Zweig, Hanns Eisler, Johannes R. Becher. Es waren besondere Höhepunkte, wenn er sie zu Diskussionsabenden mit uns nach Leipzig einlud. Damals wurde die Forderung an unsere Schriftsteller erhoben, sich nicht nur der Vergangenheit zu widmen, sondern auch die Probleme des Aufbaus in der DDR literarisch zu gestalten. Johannes R. Becher war damals DDR-Kulturminister und auch Präsident des Schriftstellerverbands.


Ich fragte ihn auf einem dieser Diskussionsabende, warum man dieses Anliegen nur jungen Nachwuchsautoren überlässt, die Großen userer Literatur aber kein Beispiel dafür geben. An seine Argumente kann ich mich im Einzelnen nicht erinnern. Aber er hat mich ziemlich niedergedonnert.

Die Leipziger Universität war damals ein Hort des Geisteslebens, wie es ihn zu dieser Zeit kaum an einer anderen deutschen Universität gab. Neben Hans Mayer waren das vor allem der Philosoph Ernst Bloch, der Romanist Werner Krauss, der Ethnologe Julius Lips, der Ökonom Fritz Behrens, die Historiker Walter Markov und Ernst Engelberg, später auch der aus der Sowjetunion zurückgekehrte Physiker Gustav Hertz, der einzige Nobelpreisträger, den die DDR je hatte.

Leider blieb das nicht immer so. Leipzig hatte das Pech, in seiner örtlichen Parteiführung besondere Scharfmacher zu haben. Behrens und Markov wurden innerhalb der SED gemaßregelt. Die parteilosen Mayer und Bloch hatten diese bornierte Atmosphäre schließlich satt und wechselten in die BRD über. Dabei hat Hans Mayer das Literaturschaffen in der DDR auch weiterhin mit größter Sympathie verfolgt. Nach der Wende hat sich der damals schon über 90jährige und inzwischen Verstorbene entschieden gegen das Plattmachen vieler kultureller Einrichtungen im Osten ausgesprochen.

Nach etwa einem Jahr wurde eine Fakultät für Journalistik gebildet, und ich wechselte dorthin über. Ich weiß nicht, wie es sich später entwickelt hat. Aber zu meiner Zeit war das Studium nicht sehr ergiebig. Die deutsche Unart, zu jedem Gebiet vor allem dessen Geschichte ausgiebig abzuhandeln, überdeckte sehr stark, was wirklichen Nutzen hätte bringen können. Dann spielten natürlich die Presse der Sowjetunion und deren Geschichte eine erhebliche Rolle. Wie sehr dieses Studium noch in den Anfängen steckte, ergibt sich schon daraus, dass ich, der noch nie eine Zeitung von innen gesehen hatte, im letzten Studienjahr Hilfsassistent für "Theorie und Praxis der Pressearbeit" wurde. Dabei hatte ich Seminare bei Jüngeren zu halten und deren Seminararbeiten zu zensieren. Das Lukrative dabei: Zu meinen 130 Mark Stipendium bekam ich noch 120 Mark Gehalt. Paradoxerweise war ich mit meinen 130 Mark halbwegs ausgekommen, mit den 250 Mark aber nicht. Bei dem Stipendium hatte alles grundsätzlich zu unterbleiben, was nicht zum absoluten Lebensminimum gehörte. Mit dem Gehalt waren nun schon manche Extras möglich. Und das schlug zu Buche.

Gegen Ende des Studiums 1952 warteten wir voller Spannung auf eine Einsatzkommission aus Berlin, die uns Empfehlungen – sprich Anweisungen – überbringen sollte, wo wir dann arbeiten können. Wir waren 20 Absolventen.

Die meisten wurden zu Bezirkszeitungen geschickt. Offenkundig war das als eine Auszeichnung gedacht: Drei gingen zum "Neuen Deutschland"; drei, darunter ich, zur "Täglichen Rundschau".

 
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