| Im
politischen Bereich wurden durch ihre Artikel eine Reihe grundsätzlicher
Entwicklungen in der sowjetischen Besatzungszone und dann in der DDR
eingeleitet. Später hörte das auf, weil das als sowjetische
Einmischung ausgelegt worden wäre.
Ein Beispiel dafür:
Unser
Dresdner Landeskorrespondent schrieb einen Artikel über die Arbeit
der Nationalen Front in Sachsen. Nationale Front war so eine Art Dachorganisation
der Parteien und Massenorganisationen. Der Artikel enthielt Lobenswertes
und auch Kritisches.
Wegen der kritischen Beispiele, die unser Korrespondent vom Sekretär der Nationalen Front, einem Mann namens Müller, erfahren hatte, wurde dieser scharf in die Mangel genommen, und zwar vom Landesvorsitzenden der SED, Lohagen, der zugleich Landesvorsitzender der Nationalen Front war. Darauf hin erschien von unserem Dresdner Korrespondenten ein weiterer Artikel: "Es ist gemüllert worden". Das hatte zur Folge, dass eine Tagung des Zentralkomitees der SED einberufen wurde, Lohagen seine Funktionen verlor, und für die gesamte SED eine Kampagne.
"Kritik
und Selbstkritik als Entwicklungsgesetz der Partei" eingeleitet
wurde. Abgesehen von dem ziemlich Absolutistischen dieser Methode war
das Ziel natürlich nicht schlecht. Doch ewig hielten die Prinzipien
von Kritik und Selbstkritik nicht vor.
Die
drei Rundschau-Jahre waren eine schöne Zeit. Die immer so hoch
gepriesene und manchmal zur Phrase gewordene deutsch-sowjetische Freundschaft
hatte dadurch für mich einen sehr lebendigen Inhalt. Freilich gab
es auch andere Erfahrungen. Zwei meiner Klassenkameraden an der Oberschule
waren nach längerer sowjetischer Haft mit kahl geschorenem Kopf
aus Bautzen wiedergekommen. In unserer Kleinstadt hatten sie Hitlers
Jungvolk angeführt. Aber 15jährige Jungen als Kriegs- oder
Nazi-Verbrecher?
Doch
zurück zu unserer Zeitung. Die Chefredaktion bestand ausschließlich
aus sowjetischen Offizieren. Auch die Abteilungsleiter waren sowjetisch.
Der deutsche Anteil begann dann ab stellvertretendem Abteilungsleiter.
(Ich war zum Schluss Stellvertreter des stellvertretenden Abteilungsleiters.)
Die
Redaktionsarbeit wurde zum großen Teil durch Befehle des Chefredakteurs
geregelt, wobei das für uns aber nur formelle Bedeutung hatte.
Ob es sich um eine Dienstreise nach außerhalb handelte, um eine
Gehaltserhöhung oder um den Urlaub – alles geschah mit einem
solchen Befehl. Es konnte aber auch heißen: "Befehl Nummer
soundso des Chefredakteurs der Täglichen Rundschau. Ich befehle,
dem Mitarbeiter Peter Spacek meinen Dank und meine Anerkennung auszusprechen."
Es war frappierend, wie hervorragend deutsch die sowjetischen Chefs
sprachen. Eines Tages lief mir zufällig die Redaktionssekretärin
Kubarewa über den Weg. Sie hatte einen Seitenabzug von der Wochenendbeilage
in der Hand, in der eine Anleitung zum Selbernähen von Blusen enthalten
war. Sie fragte mich: "Hier steht Armloch. Muss es nicht Ärmelloch
heißen? Hat nicht Armloch (sie war ein etwas ältliches Mädchen
und ihr Gesicht lief dabei puterrot an) eine ganz spezielle Bedeutung?"
Die sowjetischen Offiziere kamen alle von der Politabteilung der Sowjetarmee.
Das hätten also alles ausgesuchte Stalinisten sein müssen.
Denn das war noch zu Lebzeiten Stalins. Und im politischen Leben der
DDR galt damals die "stalinsche Härte", eine zugespitzte
Schärfe auch bei Diskussionen mit den eigenen Genossen. Ich habe
aber in meiner späteren Entwicklung kaum wieder so viel menschliche
Wärme gespürt, wie damals in der "Täglichen Rundschau".
Das lag wahrscheinlich sehr stark daran, dass es sich nicht um Politruks
aus dem Parteiapparat handelte, sondern dass sie wegen ihrer Sprachkenntnisse
und ihrer Herkunft aus dem kulturellen Bereich ausgewählt waren.
Wenn die sowjetischen Chefs etwas kritisierten, geschah das sehr einfühlsam
und freundlich. Wenn sie miteinander im Gespräch waren, und ein
Deutscher stand dabei, sprachen sie aus Höflichkeit auch untereinander
deutsch.
Während
es für Mitarbeiter des Staatsapparats und für Journalisten
anderer Zeitungen auch vor der Mauer streng verboten war, ohne besonderen
Auftrag Westberlin zu besuchen, forderten sie uns geradezu dazu auf.
Wo könne man sonst mit einer 20-Pfennig-S-Bahnkarte den Kapitalismus
so hautnah studieren?
Besonders
gern erinnere ich mich an Oberst Bernikow, einen der stellvertretenden
Chefredakteure. Im Zivilberuf war er Germanistik-Professor an der Moskauer
Lomonossow-Universität, ein bedeutender Heine-Experte. Er war das
achte Kind aus einer Bauernfamilie, und seine Intelligenz stand ihm
nicht im Gesicht geschrieben. Doch sobald er den Mund aufmachte, kam
daraus ein Feuerwerk von Geist und Witz. Auch später, als er wieder
in Moskau war, hatte ich noch Verbindung mit ihm.
Eines
Tages lief bei der Zeitung alles schief. Es bestand höchste Gefahr,
dass die Termine für die Auslieferung nicht gehalten werden. Sobald
eine Seite fertig gesetzt war, wurde sie abgezogen. Der Abzug ging nach
oben zum Kollegiumsdienst, den ein sowjetischer Chef und ein deutscher
Mitarbeiter bildeten. Wenn der Abzug unterschrieben war, konnte dann
die Mater für den Druck geprägt werden. An diesem so unglücklichen
Tag hatte Bernikow Dienst, und er kam schimpfend und schreiend in die
Setzerei gestürmt. Der deutsche Chef vom Dienst, der für die
Herstellung verantwortlich war, schrie zurück, dass die Seiten
viel zu lange oben blieben. So standen sich die beiden wie Kampfhähne
gegenüber, die sich gegenseitig die Schuld zuwiesen. Schließlich
schrie der Chef vom Dienst: "Da hört ja Scheiße auf
zu stinken!" Darauf Bernikow: "Da hört ja Scheiße
auf zu stinken? Das ist gut, das muss ich mir merken", und schrieb
es in sein Notizbuch. Als er das Buch weggesteckt hatte, schrie er weiter.
In Berlin fand eine Außenministerkonferenz der vier Großmächte
statt. Mein Abteilungsleiter gab mir einen großen Karton mit Briefen,
die Bürger der DDR und Betriebskollektive an den sowjetischen Außenminister
Molotow geschrieben hatten. Für die Zeitung solle ich daraus eine
Zusammenstellung machen.
In
den meisten Briefen stand das Übliche – mit einer Ausnahme.
Er stammte von Frau Kreikemeier, der Frau eines verhafteten und verurteilten
DDRSpitzenfunktionärs. Während der Nazi-Zeit hatten die Gebrüder
Field als Vertreter einer linken amerikanischen Hilfsorganisation in
Frankreich deutschen Emigranten, vor allem Kommunisten geholfen und
vielen das Überleben gesichert. Nun wurde aus Moskau behauptet,
was sich später als unwahr erwies, die Gebrüder Field seien
Agenten des amerikanischen Geheimdienstes gewesen. Jeder, der mit ihnen
zusammengearbeitet hatte, kam nun unter den gleichen Verdacht. Neben
mehreren anderen Prominenten war das auch der alte deutsche Kommunist
Kreikemeier, der in der DDR Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn
geworden war.
Frau
Kreikemeier schrieb, ihr Mann sei unschuldig, er habe immer treu zur
Sache der Partei gestanden. Sie bitte Genossen Molotow, sich dafür
einzusetzen, dass ihrem Mann Gerechtigkeit widerfahre. Die später
bekannt gewordenen Zusammenhänge kannte ich damals natürlich
nicht. Ich ging davon aus, dass die Verhaftungen zu Recht erfolgt waren,
wenn es mir auch zu viele Repressalien gegen verdiente alte Genossen
waren. Aber es ging einem doch unter die Haut, so unvermittelt in ein
solches Schicksal gezogen zu werden. (Wie ich später hörte,
ist Ernst Kreikemeier in der Haft gestorben, während die anderen
nach Stalins Tod wieder freigekommen sind.) Ich ging mit dem Brief zum
Chefredakteur und sagte ihm, dass er mit den anderen Zuschriften wohl
nichts zu tun habe. Was daraus geworden ist, weiß ich nicht. |