»Tägliche Rundschau«

Die "Tägliche Rundschau" war im Mai 1945, kurz nach Kriegsende, als sowjetische Frontzeitung für die deutsche Bevölkerung erschienen. Vom Sowjetischen Hohen Kommissar für Deutschland herausgegeben, wurde sie bald ein äußerst niveauvolles Blatt. Ihr Kulturteil hatte einen glänzenden Ruf.

 
 

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Im politischen Bereich wurden durch ihre Artikel eine Reihe grundsätzlicher Entwicklungen in der sowjetischen Besatzungszone und dann in der DDR eingeleitet. Später hörte das auf, weil das als sowjetische Einmischung ausgelegt worden wäre.
Ein Beispiel dafür:

Unser Dresdner Landeskorrespondent schrieb einen Artikel über die Arbeit der Nationalen Front in Sachsen. Nationale Front war so eine Art Dachorganisation der Parteien und Massenorganisationen. Der Artikel enthielt Lobenswertes und auch Kritisches.

Wegen der kritischen Beispiele, die unser Korrespondent vom Sekretär der Nationalen Front, einem Mann namens Müller, erfahren hatte, wurde dieser scharf in die Mangel genommen, und zwar vom Landesvorsitzenden der SED, Lohagen, der zugleich Landesvorsitzender der Nationalen Front war. Darauf hin erschien von unserem Dresdner Korrespondenten ein weiterer Artikel: "Es ist gemüllert worden". Das hatte zur Folge, dass eine Tagung des Zentralkomitees der SED einberufen wurde, Lohagen seine Funktionen verlor, und für die gesamte SED eine Kampagne.

"Kritik und Selbstkritik als Entwicklungsgesetz der Partei" eingeleitet wurde. Abgesehen von dem ziemlich Absolutistischen dieser Methode war das Ziel natürlich nicht schlecht. Doch ewig hielten die Prinzipien von Kritik und Selbstkritik nicht vor.

Die drei Rundschau-Jahre waren eine schöne Zeit. Die immer so hoch gepriesene und manchmal zur Phrase gewordene deutsch-sowjetische Freundschaft hatte dadurch für mich einen sehr lebendigen Inhalt. Freilich gab es auch andere Erfahrungen. Zwei meiner Klassenkameraden an der Oberschule waren nach längerer sowjetischer Haft mit kahl geschorenem Kopf aus Bautzen wiedergekommen. In unserer Kleinstadt hatten sie Hitlers Jungvolk angeführt. Aber 15jährige Jungen als Kriegs- oder Nazi-Verbrecher?

Doch zurück zu unserer Zeitung. Die Chefredaktion bestand ausschließlich aus sowjetischen Offizieren. Auch die Abteilungsleiter waren sowjetisch. Der deutsche Anteil begann dann ab stellvertretendem Abteilungsleiter. (Ich war zum Schluss Stellvertreter des stellvertretenden Abteilungsleiters.)

Die Redaktionsarbeit wurde zum großen Teil durch Befehle des Chefredakteurs geregelt, wobei das für uns aber nur formelle Bedeutung hatte. Ob es sich um eine Dienstreise nach außerhalb handelte, um eine Gehaltserhöhung oder um den Urlaub – alles geschah mit einem solchen Befehl. Es konnte aber auch heißen: "Befehl Nummer soundso des Chefredakteurs der Täglichen Rundschau. Ich befehle, dem Mitarbeiter Peter Spacek meinen Dank und meine Anerkennung auszusprechen."

Es war frappierend, wie hervorragend deutsch die sowjetischen Chefs sprachen. Eines Tages lief mir zufällig die Redaktionssekretärin Kubarewa über den Weg. Sie hatte einen Seitenabzug von der Wochenendbeilage in der Hand, in der eine Anleitung zum Selbernähen von Blusen enthalten war. Sie fragte mich: "Hier steht Armloch. Muss es nicht Ärmelloch heißen? Hat nicht Armloch (sie war ein etwas ältliches Mädchen und ihr Gesicht lief dabei puterrot an) eine ganz spezielle Bedeutung?"

Die sowjetischen Offiziere kamen alle von der Politabteilung der Sowjetarmee. Das hätten also alles ausgesuchte Stalinisten sein müssen. Denn das war noch zu Lebzeiten Stalins. Und im politischen Leben der DDR galt damals die "stalinsche Härte", eine zugespitzte Schärfe auch bei Diskussionen mit den eigenen Genossen. Ich habe aber in meiner späteren Entwicklung kaum wieder so viel menschliche Wärme gespürt, wie damals in der "Täglichen Rundschau". Das lag wahrscheinlich sehr stark daran, dass es sich nicht um Politruks aus dem Parteiapparat handelte, sondern dass sie wegen ihrer Sprachkenntnisse und ihrer Herkunft aus dem kulturellen Bereich ausgewählt waren. Wenn die sowjetischen Chefs etwas kritisierten, geschah das sehr einfühlsam und freundlich. Wenn sie miteinander im Gespräch waren, und ein Deutscher stand dabei, sprachen sie aus Höflichkeit auch untereinander deutsch.

Während es für Mitarbeiter des Staatsapparats und für Journalisten anderer Zeitungen auch vor der Mauer streng verboten war, ohne besonderen Auftrag Westberlin zu besuchen, forderten sie uns geradezu dazu auf. Wo könne man sonst mit einer 20-Pfennig-S-Bahnkarte den Kapitalismus so hautnah studieren?

Besonders gern erinnere ich mich an Oberst Bernikow, einen der stellvertretenden Chefredakteure. Im Zivilberuf war er Germanistik-Professor an der Moskauer Lomonossow-Universität, ein bedeutender Heine-Experte. Er war das achte Kind aus einer Bauernfamilie, und seine Intelligenz stand ihm nicht im Gesicht geschrieben. Doch sobald er den Mund aufmachte, kam daraus ein Feuerwerk von Geist und Witz. Auch später, als er wieder in Moskau war, hatte ich noch Verbindung mit ihm.

Eines Tages lief bei der Zeitung alles schief. Es bestand höchste Gefahr, dass die Termine für die Auslieferung nicht gehalten werden. Sobald eine Seite fertig gesetzt war, wurde sie abgezogen. Der Abzug ging nach oben zum Kollegiumsdienst, den ein sowjetischer Chef und ein deutscher Mitarbeiter bildeten. Wenn der Abzug unterschrieben war, konnte dann die Mater für den Druck geprägt werden. An diesem so unglücklichen Tag hatte Bernikow Dienst, und er kam schimpfend und schreiend in die Setzerei gestürmt. Der deutsche Chef vom Dienst, der für die Herstellung verantwortlich war, schrie zurück, dass die Seiten viel zu lange oben blieben. So standen sich die beiden wie Kampfhähne gegenüber, die sich gegenseitig die Schuld zuwiesen. Schließlich schrie der Chef vom Dienst: "Da hört ja Scheiße auf zu stinken!" Darauf Bernikow: "Da hört ja Scheiße auf zu stinken? Das ist gut, das muss ich mir merken", und schrieb es in sein Notizbuch. Als er das Buch weggesteckt hatte, schrie er weiter.

In Berlin fand eine Außenministerkonferenz der vier Großmächte statt. Mein Abteilungsleiter gab mir einen großen Karton mit Briefen, die Bürger der DDR und Betriebskollektive an den sowjetischen Außenminister Molotow geschrieben hatten. Für die Zeitung solle ich daraus eine Zusammenstellung machen.

In den meisten Briefen stand das Übliche – mit einer Ausnahme. Er stammte von Frau Kreikemeier, der Frau eines verhafteten und verurteilten DDRSpitzenfunktionärs. Während der Nazi-Zeit hatten die Gebrüder Field als Vertreter einer linken amerikanischen Hilfsorganisation in Frankreich deutschen Emigranten, vor allem Kommunisten geholfen und vielen das Überleben gesichert. Nun wurde aus Moskau behauptet, was sich später als unwahr erwies, die Gebrüder Field seien Agenten des amerikanischen Geheimdienstes gewesen. Jeder, der mit ihnen zusammengearbeitet hatte, kam nun unter den gleichen Verdacht. Neben mehreren anderen Prominenten war das auch der alte deutsche Kommunist Kreikemeier, der in der DDR Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn geworden war.

Frau Kreikemeier schrieb, ihr Mann sei unschuldig, er habe immer treu zur Sache der Partei gestanden. Sie bitte Genossen Molotow, sich dafür einzusetzen, dass ihrem Mann Gerechtigkeit widerfahre. Die später bekannt gewordenen Zusammenhänge kannte ich damals natürlich nicht. Ich ging davon aus, dass die Verhaftungen zu Recht erfolgt waren, wenn es mir auch zu viele Repressalien gegen verdiente alte Genossen waren. Aber es ging einem doch unter die Haut, so unvermittelt in ein solches Schicksal gezogen zu werden. (Wie ich später hörte, ist Ernst Kreikemeier in der Haft gestorben, während die anderen nach Stalins Tod wieder freigekommen sind.) Ich ging mit dem Brief zum Chefredakteur und sagte ihm, dass er mit den anderen Zuschriften wohl nichts zu tun habe. Was daraus geworden ist, weiß ich nicht.

 
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