| |
Einmal
habe ich ein Interview mit mir selbst gemacht. Kurz vor den Ereignissen
am 17. Juni 1953 hatten SED und Regierung eine Änderung der Politik
unter dem Namen "Neuer Kurs" beschlossen. Damit wurden Verschärfungen
und Zuspitzungen zurückgenommen, die es bis dahin gegeben hatte.
So zum Beispiel, dass Bauern wegen der Nichterfüllung ihres Ablieferungssolls
in Haft genommen wurden. Wobei es kaum eine Rolle spielte, ob sie Produkte
horteten und verschoben oder ob sie unverschuldet ihre Erträge
nicht geschafft hatten. Man muss hinzufügen, dass das noch die
Zeit der Lebensmittelkarten und der Knappheit auf allen Gebieten war.
Ich wollte den Generalstaatsanwalt der DDR, Dr. Melsheimer, darüber
interviewen, welche Auswirkungen der "Neue Kurs" auf dem Gebiet
der Justiz hat.
Aber Dr. Melsheimer war krank, und das mir angebotene Interview mit dem stellvertretenden Generalstaatsanwalt hielt ich für unter der Würde der "Täglichen Rundschau". Also ließ ich mir von der Pressestelle die nötigen Informationen geben: Wie viele Urteile inzwischen kassiert wurden, wie viele sich bereits wieder auf freiem Fuß befinden, welche Urteile zur Zeit noch überprüft werden. Das Interview schrieb ich dann selbst. Mit den von mir verfassten Antworten wurde es Dr. Melsheimer ins Regierungskrankenhaus gebracht und erschien dann unter seinem Namen in der Zeitung. "Mein" Interview sorgte auch im Westen für Aufsehen und wurde dort viel zitiert: Der "Neue Kurs" sei offenbar doch nicht nur ein Propagandamanöver - wie die "Tägliche Rundschau" berichtete... usw.
Den
17. Juni 1953, den "konterrevolutionären Putschversuch",
wie es damals hieß, den "Volksaufstand", wie jetzt geurteilt
wird, habe ich auf eine merkwürdige Weise erlebt. Ich hatte an
diesem Tage Spätdienst, hatte lange geschlafen und war deshalb
völlig ahnungslos. Da ich im August als Berichterstatter zu den
Weltfestspielen nach Bukarest fahren sollte, war ich zur Vorbereitung
für 10 Uhr im Zentralrat der FDJ bei der internationalen Abteilung
verabredet. Ich wohnte in Pankow, und an meiner U-Bahn-Station Vinetastraße
wurden gerade die Gitter geschlossen. "Wir streiken", sagte
ein U-Bahner. Da ich es nun nicht schaffen würde, rief ich beim
Zentralrat an und verlangte die Anmeldung, weil ich mich dort mit einem
Kollegen treffen wollte, der auch mit nach Bukarest fahren sollte. In
der Anmeldung melde sich niemand, sagte mir die Zentrale. Das war mir
völlig unverständlich. Ich wusste doch nicht, dass ausgerechnet
dort, in der Straße "Unter den Linden", die Auseinandersetzungen
mit am schlimmsten waren.
Zu
Fuß ging ich nun von Pankow zum Redaktionsgebäude am Friedrichshain,
wobei es auf der Schönhauser Allee ziemlich ruhig war. Zu meiner
Überraschung befanden sich meine Kollegen nicht in ihren Redaktionsräumen,
sondern nahmen draußen im Hof ein Sonnenbad. In absoluter Ruhe,
weil in dieser Gegend nichts los war. Die "Tägliche Rundschau"
stelle ihr Erscheinen ein, war ihnen gesagt worden. Wahrscheinlich hatte
die politische Zentrale in Karlshorst sehr nervös auf die Ereignisse
reagiert. Doch da wurde ein Ruf weitergereicht: "Spacek soll zum
Chefredakteur kommen." Oberst Sokolow saß in Uniform hinter
seinem Schreibtisch. Sonst trugen die sowjetischen Chefs immer Zivil.
Er drückte mir das Flugblatt in die Hand, in dem der sowjetische
Stadtkommandant, Generalmajor Dibrowa, den Ausnahmezustand verkündete.
"Geben Sie das in die Setzerei zum Druck". "Was heißt
zum Druck", fragte ich zurück, "als Flugblatt?"
"Warum als Flugblatt?" sagte Oberst Sokolow ohne einen Gesichtsmuskel
zu verziehen. "Für die morgige Ausgabe der Zeitung!"
Ehe
ich in die Setzerei ging, lief ich natürlich zu meinen Kollegen
im Hof, die genau so froh waren wie ich. Warum der Chefredakteur diesen
so seltsamen Weg gewählt hat, die Nachricht vom Weiterbestehen
der Zeitung zu verkünden, blieb mir unerfindlich. Offenbar, das
spürte ich auch bei anderen Gelegenheiten, hatte ich bei ihm einen
Stein im Brett.
Nach
dem 17. Juni sagte mein sowjetischer Abteilungsleiter, ich solle einen
Leitartikel zur Frage der Wachsamkeit besorgen. Die "Tägliche
Rundschau" konnte so etwas nicht selbst schreiben, denn das wäre
als sowjetischer Standpunkt kommentiert worden. Wir mussten bei so etwas
unsere Autoren unter bekannten DDR-Politikern suchen. Doch beim Innenminister,
beim Justizminister, schließlich beim Berliner Polizeipräsidenten
– überall hatte ich kein Glück. Das war einfach zu erklären:
Die Parteiführung hatte noch keine offizielle Einschätzung
über den Charakter des 17. Juni vorgenommen, und da wollte sich
niemand in die Nesseln setzen.
Offenbar
stand mein Chef aber unter heftigem Druck durch die Politische Hauptverwaltung
in Karlshorst. So sagte er schließlich als letzten Ausweg, ich
solle Prof. Kaul fragen. Prof. Kaul war damals der berühmteste
Rechtsanwalt in der DDR. Er war vor allem durch politische Prozesse,
wie den Verbotsprozess gegen die KPD in der BRD bekannt geworden, aber
auch durch seine Rechtsauskünfte in Rundfunk und Fernsehen. "Jawohl,
das schreibe ich", sagte er mir am Telefon. "Ich werde vor
allem fragen, wo denn die Partei mit ihren Fahnen und Kapellen war."
Ich sagte ihm, er solle das ruhig fragen, aber nicht unbedingt in den
Artikel schreiben. Nach drei Stunden rief mich der Pförtner an.
Ein Brief sei für mich abgegeben worden. Es war der Leitartikel,
allerdings ohne Fahnen und Kapellen. Mein Chef war froh.
|
|