In Moskau und Leningrad

Ein großer Höhepunkt meiner Rundschau-Zeit war im Dezember 1953 eine Delegationsreise unserer Zeitung in die Sowjetunion, meines Wissens die erste Journalistenreise nach dem Krieg überhaupt. Sie fing schon recht putzig an: Schönefeld war damals noch sowjetischer Militärflugplatz. Für den spärlichen Zivilverkehr gab es eine kleine Baracke am Rande.

Wir sollten mit einer zweimotorigen Li 2, einem Lizenznachbau einer amerikanischen Douglas mit Zwischenlandung in Wilnius fliegen. Wir – das waren unsere 10köpfige Delegation sowie ein sowjetischer General und dessen Adjutant.
Doch Wilnius meldete schlechtes Wetter. Nach einigem Warten entschloss sich der Pilot schließlich, mehr Treibstoff zu tanken und bis Moskau durchzufliegen. Alles Gepäck wurde wieder ausgeladen und gewogen, jeder Passagier musste auf die Waage. Der Pilot, der mit Bleistift und Zettel daneben stand, sagte dann "Elf". Der General fing an zu diskutieren, aber der Pilot blieb hart, und so musste der Adjutant zurückbleiben.

Den Menschen in der Sowjetunion ist es nie besonders gut gegangen, und in diesen ersten Nachkriegsjahren war ihre Lage besonders schlecht. Aber davon haben wir kaum etwas gespürt. Für ausländische Delegationen gab es immer nur das Feinste. Wir wohnten in Luxushotels – in Moskau im Metropol, in Leningrad im Astoria. Von Kaviar zum Frühstück bis zu großen Abendmenüs gab es das Beste, was die Chefköche hervorzaubern konnten.

Im Vordergrund standen Besuche in den Zeitungsredaktionen "Prawda", "Iswestija", "Wjetschernaja Moskwa", "Leningradskaja Prawda". Es nannte sich Erfahrungsaustausch. Aber wir waren zehn Leute, von sowjetischer Seite waren es etwa genau so viele. Von jedem einen Toast mit ausgetrunkenem Glas – mehr brauche ich sicher nicht zu sagen.

Interessant waren auch die Betriebsbesichtigungen. Dazu gehörten das Moskauer Automobilwerk, der Maschinenbaubetrieb "Elektrosila" in Leningrad, wo die Turbinen für die gigantischen Kraftwerke gebaut wurden, und – das war zunächst verlockend – ein Besuch in der Moskauer Schokoladenfabrik „Krassnaja Oktjabr“, bei dem ich mir gründlich den Magen verdorben habe.


Vor der Moskauer Lomonossow-Universität,1953. Links im Bild Peter Spacek

Vor der Moskauer Lomonossow-Universität,1953. Links im Bild Peter Spacek

Beurteilung durch die "Tägliche Rundschau"
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Die letzte Ausgabe der "Täglichen Rundschau", Mit einem Mausklick auf das Bild gelangen Sie zur Großansicht
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Schokolade war damals bei uns noch Mangelware. Deshalb ging ich in ein Fachgeschäft, als wir am Ende unsres Aufenthalts unser Geld umsetzen wollten. Doch was ich kennen gelernt hatte, war nur übersüßte Vollmilchschokolade. Ob es keine bittere gebe? Gorkij hieß bitter. Der große Schriftsteller hatte sich dieses Pseudonym gegeben. Also musste doch bittere Schokolade "gorkij schokolad" heißen, dachte ich. Doch die Verkäuferin schaute mich völlig ratlos an, je öfter ich das wiederholte. Plötzlich ging ein Leuchten über ihr Gesicht, und sie brachte eine Schokoladentafel mit einem Bild von Puschkin. "Gorkij njet," sagte sie, "a Puschkin". Ich wusste doch nicht, dass es dortzulande "tschornyj schokolad" (schwarze Schokolade) heißt.

Besonders unvergesslich bleiben die kulturellen Erlebnisse dieser Reise. Wir waren auch im Zirkus und im Stereo-Kino. Aber herausragend waren die Abende im "Bolschoi" und im Leningrader "Kirow"-Theater. Was ich noch heute deutlich vor Augen habe: Im "Bolschoi"-Theater Prokoffjews Ballett "Romeo und Julia" mit der weltberühmten Primaballerina Galina Ulanowa. Sie war damals schon 45 Jahre alt, eigentlich weit über das aktive Alter einer Tänzerin hinaus. Doch auf der Bühne tanzte sie wie ein 16jähriges Mädchen.

Im Juni 1955 kam dann schließlich das unvermeidliche Ende der "Täglichen Rundschau". Denn eine sowjetische Zeitung in der als souverän deklarierten DDR – das ging nun wirklich nicht mehr.

Für uns waren das unvergessliche Jahre gewesen. Aber auch unseren sowjetischen Genossen ging es nicht anders. Sie hielten auch in der Sowjetunion eng zusammen, einer wusste, was die anderen tun. Unser Chefredakteur, Oberst Sokolow, wurde Chef der Außenpolitik der Armeezeitung "Krasnaja Swesda". Oberst Bernikow nahm seine Lehrtätigkeit wieder auf. Ein weiterer stellvertretender Chefredakteur war Oberst Pestow. Da er für die Honorare zuständig war, hatten wir ihm den Spitznamen Dr. h. c. Pestow gegeben – honoraris cnausa. Er wurde Chef einer deutsch-sprachigen Zeitung für Russlanddeutsche.

Als einige Jahre später ehemalige Kulturoffiziere in die DDR eingeladen wurden, war auch Oberst Kirsanow dabei, der als erster Chefredakteur noch vor meiner Zeit amtiert hatte, den ich deshalb nicht kannte. Er sagte mir, er freue sich, mich kennen zu lernen – Sokolow habe ihm viel über mich erzählt. Den letzten Tag hatte ich Dienst als "swerschnaja golowa", "frischer Kopf" in der Druckerei. Es hatte in der Vergangenheit mehrere Druckfehler gegeben, zuletzt einen besonders peinlichen: Statt "Antifaschistisches Komitee der Sowjetfrauen" stand "Antisowjetisches Komitee der Sowjetfrauen". Deshalb wurde dieser Dienst eingeführt, dass jemand, der an dem Tag vorher nichts anderes getan hatte, in der Druckerei das erste aus der Maschine kommende Exemplar von der ersten bis zur letzten Zeile durchlesen musste. Notfalls ließ sich dann auf der Druckplatte eine Stelle wenigstens unkenntlich machen.
Dieser letzte Dienst brachte mir dann ein schönes Souvenir: Von der letzten Ausgabe der "Täglichen Rundschau" besitze ich das allerletzte Exemplar, das aus der Druckmaschine gekommen ist.

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