Beim Rundfunk

 
 

Die Arbeit, die man mir nun antrug, war beim Rundfunk der DDR. Es gab im Sommer 1955 noch eine Art Gesamtrundfunk mit Berlin I und Berlin II. Ich wurde stellvertretender Leiter des Jugendfunks. Im Frühjahr 1956 profilierten sich dann die einzelnen Sender: Radio DDR, Berliner Rundfunk und Deutschlandsender. Mir wurde die Leitung des neugebildeten Jugendfunks von Radio DDR übertragen.

Selten habe ich mich in meiner Arbeit so unwohl gefühlt. Ich war ein Zeitungsmann. Rundfunk hatte ganz andere journalistische Methoden. Selbst ein ganz normal geschriebener Kommentar durfte keine "Schreibe", sondern musste eine "Rede" sein – mit anderem Satzaufbau, der dem natürlichen Sprechen entspricht. Noch schlimmer war es, als ich zum erstenmal mit dem Mikrofon arbeitete. Als ich danach meine Stimme vom Band hörte, war ich geradezu entsetzt und wollte das nie wieder tun. Mich tröstete auch nicht, als mir andere erklärten, so höre man mich immerzu, nur ich selbst hätte durch die körperliche Resonanz einen anderen Eindruck. Das Entsetzen über meine Stimme lag so tief, dass ich das Mikrofon lange Zeit vermied und mich lieber mit dem Verfassen von Sendemanuskripten befasste. Zum Glück konnte ich das als Chef halbwegs dirigieren.

Den Inhalt unserer Arbeit zu beschreiben, fällt mir heute schwer. Jugendfunk damals – das war alles andere als später "DT 64" oder "Sputnik" oder "Fritz". Selbst normale Schlager zu bringen, erforderte einen zähen Kampf gegen unsere Musikchefs. Jugend solle Jugend- oder Volkslieder singen. Natürlich gab es auch interessante Reportagen und mitunter witzige Beiträge. Aber in der Grundtendenz blieb alles sehr belehrend und könnte mir heute überhaupt nicht mehr gefallen.

Nach langen Verhandlungen gelang es uns, die Dresdner Flugzeugwerke zu besuchen, um eine Sendung über eine Jugendbrigade zu gestalten. Ich hatte die etwas naive Vorstellung, die Jugendlichen müssten immerzu begeistert sein, eine so außergewöhnliche Arbeit zu haben. Sie empfanden es jedoch als eine Arbeit wie jede andere, was ja auch völlig normal war. Dennoch war der Besuch hoch interessant. In Dresden entstand die B 152, die erste Düsenpassagiermaschine der DDR. Wenn alles so gut gelaufen wäre, wie es geplant war, wäre es die dritte ihrer Art in der Welt gewesen. In der Zwischenzeit wurde in Lizenz die sowjetische zweimotorige Propellermaschine IL 14 produziert, mit einigen Weiterentwicklungen als IL 14 P.
Eigentlich sprach vieles für einen Flugzeugbau in der DDR. Während wir sonst bei der Spaltung Deutschlands den Kürzeren gezogen hatten, war es hier umgekehrt. Die meisten Flugzeugwerke befanden sich im Osten, so dass es einen guten Facharbeiterstamm gab. Außerdem hatten wir hervorragende Konstrukteure, die nach einer mehrjährigen Arbeitsverpflichtung aus der Sowjetunion zurückgekehrt waren. Der berühmteste war Prof. Brunolf Baade, einst Chefkonstrukteur von Junkers und Konstrukteur der legendären Ju 52. (Deshalb wohl auch die Bezeichnung B 152.) In der rohstoffarmen DDR war es außerdem ein verführerisches Argument, was im Außenhandel ein Kilo Aluminium kostet und was ein Kilo Flugzeug. Der tragische Absturz war dann ein schwerer Schlag. Auch spätere Untersuchungen haben ergeben, dass es nicht an der Maschine lag. Die Ursache war, dass dem Piloten mit einem sehr starken Sinkflug ein Manöver aufgetragen wurde, für das es in dieser Testphase noch viel zu früh war. Bald darauf wurde die Produktion völlig abgebrochen, was jedoch mit dem Absturz nichts zu tun hatte. Die Sowjetunion hatte ihre zuvor geäußerte Absicht zurückgezogen, größere Mengen der B 152 abzunehmen. Und eine entsprechende Stückzahl ist natürlich die elementarste Vorraussetzung für eine sinnvolle Produktion. Ein schöner Traum war ausgeträumt.

Ein Glanzpunkt unserer Jugendsendungen waren die von der FDJ veranstalteten Jugendforen "Auf jede Frage eine Antwort", auf denen es sehr lebhaft zuging und von denen wir die interessantesten Ausschnitte sendeten. Hauptakteure dabei waren Hans Modrow, damals Vorsitzender der Berliner FDJ, der Chefredakteur der Jugendzeitung "Junge Welt", Joachim Herrmann, und der Vorsitzende des Staatlichen Rundfunkkomitees, Prof. Gerhart Eisler. Später kamen noch Experten von anderen Bereichen hinzu.

Vor allem Gerhart Eisler erwies sich dabei als ein glänzender Rhetoriker, der den gesamten Saal immer wieder hinriss. Ein Ausschnitt, den wir sendeten, war die Frage eines Jugendlichen, warum Karl May in der DDR verboten sei (was er später nicht mehr war). Ein Vertreter vom Volksbildungsministerium antwortete sehr grundsätzlich, dass es bei Karl May nicht nur religiösen Fanatismus, sondern auch schlimmen Chauvinismus und dergleichen gäbe, was ein sozialistischer Staat nicht tolerieren könne. Darauf Gerhart Eisler, der zunächst unter dem Jubel des Saales sämtliche Namen von Hadschi Halef Omar hersagte: Er habe als Jugendlicher Karl May nicht nur gelesen, sondern geradezu verschlungen. "Trotzdem ist ein halbwegs ordentlicher Mensch aus mir geworden. Vielleicht nicht ganz so ordentlich, wie der verehrte Kollege vom Volksbildungsministerium. Aber immerhin ganz ordentlich".

Nachdem in der Entwicklungsgeschichte von Radio DDR die Unterhaltungsabteilung zunächst in Leipzig geblieben war, wurde sie dann Ende der fünfziger Jahre in Berlin eingerichtet. Mein Intendant trug mir an, die Leitung zu übernehmen. Der Umgang mit Künstlern sei recht kompliziert, meinte er, und mit meiner ruhigen und sachlichen Art sei ich dafür sicher besonders gut geeignet. Wir gestalteten verschiedene Studiosendungen, zum Beispiel ein aus heutiger Sicht nicht besonders gut gelungenes Funkkabarett. Vor allem konzentrierten wir uns auf große öffentliche Veranstaltungen, bis dann später das sich ausbreitende Fernsehen solche Rundfunkveranstaltungen sinnlos machte.

Damals gab es das Projekt, ein Urlauberschiff für den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) zu bauen. Das sollte nicht aus dem Staatshaushalt finanziert werden, sondern durch freiwillige Leistungen. Diesem Anliegen widmeten wir eine recht aufwendig angelegte Veranstaltungsreihe "Auf großer Fahrt". Dabei traten das damals legendäre Rundfunk-Tanzorchester Leipzig auf sowie die bekanntesten Schlagerstars der DDR. Als ständige Mitwirkende hatten wir die "Vier Brummers" aus Dresden gewonnen, eine mit ihren witzigen und zeitkritischen Songs damals überall beliebte Gruppe. Als musikalischen Auftakt für jede Veranstaltung schrieben sie ein Lied, in dessen Refrain es hieß: "Darum schiffe mit dem FDGB". Mir war nicht ganz wohl, denn ideologische Hardliner hätten das als eine Beleidigung für die kampfgestählte Klassenorganisation der Arbeiterklasse hinstellen können. Bei der ersten Veranstaltung saßen in der ersten Reihe Mitglieder des FDGB-Bundesvorstands. An der bewussten Stelle lachten die FDGB-Oberen aus vollem Halse.

 
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