Nach Bagdad

 
 

Ende 1958 machte mir mein Intendant ein interessantes Angebot. Er hatte gerade den Irak besucht, wo eine Revolution mit dem Sturz des Königregimes eine recht fortschrittliche Entwicklung einleitete. Der Direktor des dortigen Rundfunks erzählte ihm, dass es eine deutschsprachige Sendung gäbe, die aber ausschließlich von Westdeutschen gestaltet würde. Auf Grund der antiimperialistischen und neutralen Haltung des Landes sei es aber wünschenswert, wenn sich auch die DDR beteilige. In einem Rundfunkabkommen über die Zusammenarbeit wurde deshalb u.a. festgehalten, dass ein DDR-Journalist nach Bagdad kommt, der zugleich als Korrespondent für den DDR-Rundfunk arbeiten könne.

Das war natürlich ein tiefer Einschnitt für mich. In mehrfacher Hinsicht. Denn das war ein ziemlicher Wandel in meiner journalistischen Arbeit. Ich musste auch in sehr kurzer Zeit mein mageres Schulenglisch aufpolieren, wozu ich mir aus unserem Pressarchiv ein dickes Bündel der "Times" holte und zu Hause immer den britischen Soldatensender BFN hörte.

Vor allem hatte ich kurz zuvor Rosel, meine künftige Frau, kennen gelernt, und damals stand noch völlig in den Sternen, ob und wie sich das weiter entwickeln würde.Sie arbeitete im Außenhandelsunternehmen DIA Textil und war zuvor Gebrauchswerberin im Konsum gewesen. So konnte sie mir helfen, durch ihre Beziehungen sogar im tiefsten Winter leichte Sommersachen zu kaufen.

Im Unterschied zu den heutigen Protzbauten war Bagdad damals noch eine typisch orientalische Stadt, in der man fast den Geist des Kalifen Harun al-Rashid zu spüren glaubte. Enge Basargassen mit allen Wohlgerüchen Arabiens, Gold- und Kupferschmiede mit ihrem eifrigen Gehämmer. Auf der Straße liegende Teppiche, über die man die Autos rollen ließ, um den Flor zu festigen. Eselskarren, die sich durch die Menschen drängten. Ich habe das so bewusst erlebt, weil ich kreuz und quer fast nur zu Fuß gelaufen bin, mit meiner Schreibmaschine in der Hand auch die vier Kilometer bis zum Rundfunk. In Berlin hatte man mir gesagt, dass ich vom irakischen Rundfunk Geld bekomme, sicher zu wenig. Einen Übergangsbetrag hatte ich in der Tasche, und wenn alles klar sei, solle ich mich melden. Also musste ich erst mal sparen, so gut es ging. Zuerst habe ich zwei Wochen in einem billigen Hotel gewohnt. Dann fand ich ein möbliertes Zimmer bei einer libanesischen Dame, bei der auch ein bulgarischer Korrespondent wohnte.

Radio Bagdad hatte mehrere fremdsprachige Programme auf Kurzwelle: Neben deutsch auch englisch, französisch und indische Sprachen. Grundlage für uns waren die englischen Texte.

In der deutschen Redaktion waren neben mir noch eine im Irak verheiratete deutsche Dame sowie ein BRD-Bürger, der als Lehrer an der Schule der westdeutschen Botschaft arbeitete. Mir ist nicht bekannt, dass es irgendwo anders eine vergleichbare "gesamtdeutsche" Einrichtung gegeben hat. Das war wohl schon etwas Außergewöhnliches. Doch die Zusammenarbeit war sehr sachlich, verlief ohne Probleme. Natürlich lagen wir uns politisch gelegentlich in den Haaren. Und das mit einer recht überraschenden Auswirkung: Werner Kranz, mein damaliger Koexistenz-Partner, hat mich neulich über das Telefonbuch ausfindig gemacht.

Wir haben uns nach 40 Jahren wiedergetroffen. Er war inzwischen Direktor verschiedener Goethe-Institute im Ausland, zuletzt Schuldirektor in der BRD gewesen, lebt heute als wohlbestallter Pensionär im Teutoburger Wald. Viele meiner damaligen Argumente hätten ihm zu denken gegeben, sagte er. So hätte ich dazu beigetragen, dass er vom CDU-Anhänger zum SPD-Mitglied wurde und in seiner reaktionären Gegend als der "rote Kranz" verschrien sei. Wir sind jetzt befreundet und duzen uns.

Das Interessanteste war für mich die Begegnung mit einem ganz anderen Menschenschlag. Dabei fällt es mir schwer zu beurteilen, was davon arabisch und was islamisch ist. Es gibt natürlich auch negative Züge. Dazu gehört oft ein fehlender Realitätssinn. Allzu leicht macht man den Wunsch zum Vater des Gedankens, berauscht sich an irrealen Wunschvorstellungen. Auch die untergeordnete Stellung der Frau gehört dazu. Sehr unangenehm mit ihrem Protzgetue ist die neureiche arabische Bourgeoisie. Immer wieder beeindruckte mich aber bei den einfachen Leuten die innere Heiterkeit, die selbst unter den schlimmsten Lebensbedingungen besteht. Großartig auch die Hilfsbereitschaft und die Gastfreundschaft. Wenn bei der Hitze ein Auto im Stau einen Vergaserbrand hatte, lief nicht alles davon, sondern die Umstehenden kamen hinzu und versuchten, den Brand mit ihren Jacken zu ersticken. Als wir über Land fuhren und kurz anhielten, um etwas zu trinken, hielt jeder Vorüberfahrende an und fragte, ob wir Hilfe brauchten.

Für einen unerwarteten Heiterkeitserfolg sorgte ich gleich in den ersten Tagen. Durch unseren Redaktionssaal lief gelegentlich ein Junge, um Bestellungen für die Kantine aufzunehmen. Wer etwas zu Trinken bestellte – Tee oder Kaffee – fragte automatisch die anderen: "Stischrab" (Was trinkst Du)? Um nun mit meinem gerade aufgeschnappten arabisch zu glänzen, sagte ich für Kaffee "Gachba", so, wie ich es verstanden hatte und wunderte mich, warum die Männer lachten und die Frauen rot anliefen. "Gachba" hieß Nutte, Kaffee hätte "Gachwa" geheißen.

Der Irak war damals ein militärisch regiertes Land unter Brigadegeneral Abdul Kerim Kassem. "Diktatur" möchte ich zumindest für die erste Phase nicht sagen. Parteien und andere politische Organisationen waren zwar offiziell nicht zugelassen, agierten aber völlig offen. Großen Einfluss hatten die Kommunistische Partei und die von ihr stark geprägten Gewerkschaften. Das rührte vor allem auch daher, dass die Unterdrückungsmaßnahmen des gestürzten Regimes immer als "Kampf gegen den Kommunismus" hingestellt wurden. Wie wackelig das war, zeigt zum Beispiel, wie eine linke irakische Journalistin eines Tages mit dem Schreckensruf in unseren Raum kam, sie habe gerade gehört, dass die Kommunisten nicht an Gott glauben. "Das darf man doch niemandem sagen!"

Die DDR hatte zu dieser Zeit noch keine diplomatischen Beziehungen zu nichtsozialistischen Ländern, weil dann die BRD ihre Beziehungen sofort abgebrochen hätte. Doch im Irak hatte das kaum praktische Auswirkungen. Wir hatten offiziell eine Handelsvertretung, die aber wie eine Botschaft behandelt wurde, zumal sie ja de facto auch eine war. Denn neben dieser Handelsvertretung bestand noch eine Handelspolitische Abteilung", die dann wirklich den Handel betrieb. Im allgemeinen Sprachgebrauch wurden wir sogar bevorzugt: Die DDR hieß "Alemannija demokratije" (Demokratisches Deutschland), die Bundesrepublik "Alemannija gharbije" (Westdeutschland). Am 7. Oktober 1959 wurde in der Bagdader Rashid-Straße ein Attentat auf Abdul Kerim Kassem verübt. Sein Fahrer wurde getötet, er selbst nur verletzt.
Das Datum habe ich mir deshalb so genau gemerkt, weil er sich gerade auf dem Weg zum Empfang zum Jahrestag der DDR in unsere Vertretung befand.

Der Attentäter war der spätere Diktator Saddam Hussein. Er konnte entkommen und durchschwamm auf der Flucht den Tigris. Um das Ereignis zu würdigen und seine ungebrochene Fitness zu demonstrieren, hat er das Durchschwimmen erst kürzlich unter riesigem Propagandaaufwand wiederholt. Inzwischen war in unsere deutsche Redaktion noch eine Westberlinerin gekommen. Sie war nach dem Krieg als Au-pair-Mädchen nach England gegangen und hatte dort einen Iraker geheiratet, der Vorsitzender der kommunistischen Studentengruppe war. Doch es zeigte sich, wie tief verwurzelt islamische Gewohnheiten auch bei angeblich so fortschrittlichen Leuten sein können. Nach dem Attentat war Ausnahmezustand mit nächtlicher Ausgangssperre.

Da wir in dieser Zeit aber arbeiten mussten, fuhr uns der Rundfunk nach Hause. Es ist frappierend, wie viele Leute die Araber in einem Auto unterbringen. Als Ausländer wurden wir bevorzugt, indem wir nur zu zweit vorn neben dem Fahrer sitzen mussten. Inständig bat sie mich, dass ich mich zwischen sie und den Fahrer setzen solle, für den Fall, dass ihr Mann unsere Ankunft sieht. Ich selbst galt da wohl als geschlechtsneutral. Schon zuvor hatte ihr Mann beim Rundfunk protestiert, weil durch den Ausnahmezustand viele Soldaten im Funk stationiert waren. Sie lagen auf Feldbetten entlang der Wege. Durch ihre Position hätten sie vielleicht drei Zentimeter unter den Rock schauen können. Als sie uns mit ihrer fünfjährige Tochter besuchte, wusch ich gerade im Garten unser Auto und hatte dabei eine Turnhose an. Sie kam erst dann durch das Tor, als ich mich umgezogen hatte – des Kindes wegen, für das so etwas "eb", also anstößig war.

 
  Zurück zur letzten Seite
Zur nächsten Seite
 
Zur Startseite
Vorwort zum Geleit
Kindheit und Jugend
Journalistische Anfänge
Jahre im Irak
Nach Bagdad
Ein Telegramm aus Berlin
Zu dritt in Bagdad
Nun zu viert
Der Rausschmiss
Zwischenstation
Jahre in Afrika
Jahre in Afrika II
Jahre in Afrika III
Weiter unterwegs1
Weiter unterwegs 2
Weiter unterwegs 3
Persönliche Bilanz
Zeitungsbeiträge und andere Dokumentationen
Presseresonanz auf die Memoiren von Peter Spacek
 
Eine Mail an Peter Spacek senden
Zum Gästebuch
Zum Downloadbereich
Links und Informationen
Zum Impressum
 
 
 
 
 
 
  Reiseportal

Bequem buchen, Zeitersparnis und geschonte Nerven! Erleben Sie die Welt des Reisens! mehr
  Conrad Electronic

Lieferung in nur 2 Tagen - Deutschlands größte Technikauswahl aus 70.000 Produkten! mehr
  1&1 Internet.profi

Mehr als ein Internetzugang: Das Komplettpaket für Ihre komfortable
Kommunikations- und Organisationszentrale!mehr
  Vodafone

How are you? Lassen Sie sich verzaubern von der neuen Handy-Dimension bei Vodafone!
mehr
  T-Mobile-Handys

Handys, PDAs und alles, was Sie für das mobile Internetvergnügen brauchen zu topaktuellen Konditionen! mehr
  1&1 E-Shop

E- Shops für Anfänger und Profis - ab 19,- EUR / Monat! mehr
  0700-Rufnummer

Nur noch eine Rufnummer für alle Anschlüsse - persönlicher geht's nicht! mehr
  E-Plus-Handys

Günstiger mobil telefonieren: faire Tarife für jeden Geschmack. Soooo viel Handy für soooo wenig Geld! mehr
 
T-ISDN

T-ISDN: Anschluss, Komfortanlagen, Telefone und ISDN-Karten, alles supergünstig! mehr