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In
der ersten Novemberhälfte 1959 kam aus Berlin ein Telegramm: Unser
Uwe war am 7. November geboren. Das hat nun unser Leben völlig
verändert – zum Guten. Rosel hatte sich in der Zeit ihrer
Schwangerschaft sehr schwer durchbeißen müssen. Sie stand
völlig allein. Nach erheblichen Auseinandersetzungen war sie von
zu Hause weggegangen, hatte sich ein möbliertes Zimmer gesucht.
Ich hatte versucht, sie von Bagdad aus zu unterstützen, aber das
konnte nicht sehr erheblich sein. Nun bestand das Problem darin, dass
ich ja irakischer Staatsangestellter war und nicht einfach Urlaub nehmen
konnte. Endlich, im Januar 1960 war es dann so weit: Ich konnte beide
in Berlin in die Arme nehmen.
Rosel und ich sind beide am 19. Februar geboren, allerdings mit acht
Jahren Unterschied. Da lag es natürlich auf der Hand, dass wir
auch am 19. Februar heiraten wollten. Auf dem Standesamt in Weißensee
war man sehr freundlich und wollte das auch besonders nett ausrichten.
Da kam ein schlimmes Missgeschick: Rosel bekam eine schwere Nierenkolik
und musste sofort ins Krankenhaus. Für sich war das schon schlimm
genug, aber fast noch schlimmer: Ich konnte meinen Urlaub nicht ausdehnen.
In der DDR hätte aber niemand zugestimmt, dass nach der Operation
ein Fräulein Giese nach Bagdad reist, um dort einen Herrn Spacek
zu heiraten. Sie musste unbedingt Frau Spacek sein.
Also
blieb nur die Heirat im Krankenhaus. In Weißensee sagte man mir,
ich müsse nach Mitte gehen, weil dort das Krankenhaus liegt. Mitte
sei aber sehr überlaufen. Sie würden es gern für uns
tun, doch das setze voraus, dass sie von Mitte aufgefordert werden.
Ich könne das Angebot durchaus überbringen. Der Warteraum
zum Standesamt Mitte war total überfüllt. Leute, die herauskamen,
sagten, die frühesten Termine seien im Mai. Der Standesbeamte,
zu dem ich dann kam, war völlig nervös und schien zunächst
gar nichts zu begreifen. Schließlich fand er eine Liste, auf der
eine Aufstellung von Gründen war, die eine Trauung im Krankenhaus
ermöglichen. Nierenkolik befand sich nicht darunter. Der Standesbeamte
rief irgendwo an, von wo er die beruhigende Auskunft bekam, dass man
auch an Nierenkolik sterben könne.
Der
19. Februar war absolut nicht möglich. Von Weißensee wollte
er auch nichts wissen. Schließlich konnte ich den 20. Februar
herausschinden. Aber nur, wenn ich mit einem Auto für seinen schnellen
Transport sorge. Und: Mit einer ärztlichen Bescheinigung, dass
meine künftige Frau im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sei.
Das hat natürlich seine Logik, um eventuelle Erbschleicherheiraten
auszuschließen. Ich brauchte insgesamt drei solcher Bescheinigungen,
weil der Beamte jedes Mal mit der Formulierung nicht zufrieden war.
Zum
Glück konnte der Oberarzt eine Operation mit mehrwöchigem
Krankenhausaufenthalt vermeiden, indem es ihm gelang, den Stein in einer
mühevollen Prozedur mit einer Schlinge herauszuziehen – und
das an Rosels Geburtstag, einen Tag vor dem Hochzeitstermin.
Sie
lag noch völlig entkräftet im Bett, in einem Barchentnachthemd,
das nun als Brautkleid dienen musste. Das nächste Problem: Der
Beamte suchte im Krankenzimmer verzweifelt nach einem Rednerpult. Schließlich
begnügte er sich mit einem Rollkarren, den man übers Bett
ziehen kann, wenn ein Kranker isst. Dann kam seine sehr individuelle
und salbungsvolle Rede: Als Marxisten seien wir zwar nicht abergläubisch.
Aber manchmal spreche man vom Stein des Anstoßes. Diesmal sei
es ein kleiner Nierenstein. Möge er zu einem Baustein für
eine glückliche Ehe werden usw. usw. Dann setzte sich der Mann,
der überhaupt keine Zeit hatte, noch hin und erzählte, wie
dort jemand an einem Nierenstein gestorben, da jemand wegen eines Nierenleidens
zu Tode gekommen sei. Ich
war froh, als ich ihn endlich hinauskomplimentieren konnte. |
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