Hinter der Mauer

 
 

Als wir in Berlin ankamen, war die Mauer gerade vier Wochen alt. Dieses Thema beherrschte nach wie vor die meisten Gespräche. Jetzt nach über 40 Jahren darüber zu schreiben, fällt ziemlich schwer. Es ist wie so oft bei bedeutenden Prozessen, dass im Nachhinein allgemeine Pauschalurteile gefällt werden, ohne die historische Situation zur Zeit des Geschehens zu bedenken. Es mag heute seltsam erscheinen. Doch abgesehen von den Menschen, denen dadurch Schlimmes widerfuhr, wie wegen zerrissener Familienbande, herrschte bei vielen eine recht zufriedene Stimmung.

Die DDR war zuvor einem ziemlichen Ausblutungsprozess ausgesetzt gewesen. Und das nicht nur wegen der weggegangenen Fachkräfte. Mit Hilfe des Währungskurses an den Wechselstuben wurde besonders Ostberlin regelrecht ausgeplündert. Die Friseursalons saßen voller Westberlinerinnen, die mit dem fünffachen Ertrag aus den Wechselstuben auch noch reichlich Trinkgeld geben konnten, ohne dass sie das belastete. In den Gaststätten war kaum Platz zu bekommen. Außerdem schickten Westberliner Gaststättenbesitzer Arbeitslose in den Osten, die hier billig Fleisch einkauften. In einem Jahr wurden fünfmal mehr Kinderwagen verkauft, als Kinder geboren wurden. Ein besonders schwerwiegendes Problem waren die Grenzgänger: Im Osten wohnen, im Westen arbeiten. Sie tauschten ihr Westgeld um, hatten dafür viel höhere Einkünfte als ihre östlichen Kollegen, nahmen aber auch die hiesigen sozialen Leistungen in Anspruch, ohne einen Handschlag dazu beigetragen zu haben. Das schuf viel böses Blut.

Es war dann geradezu wohltuend, wie sich das Warenangebot verbesserte, wie man zum Friseur oder Schneider gehen konnte, ohne ewige Wartezeiten in Kauf nehmen zu müssen. Das Leben wurde ruhiger, die allgemeine Atmosphäre viel entspannter. Aus heutiger Sicht mag das sehr rechtfertigend klingen. Aber die DDR wäre sonst wirklich verblutet. Dass diese Mauer, das Eingeschlossensein der DDR-Bürger, eigentlich schon das Ende der DDR einläutete, habe ich damals noch nicht so empfunden. Das zeichnete sich dann immer deutlicher mit den Mauertoten ab.

 
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