Die Familie ist komplett

 
 

Am 10. November 1962 war dann unsere Familie vollständig. Unser Ivo wurde in Berlin geboren. Für den Namen hatte den Anstoß gegeben, dass es damals einen auch bei uns sehr populären jugoslawischen Schlagersänger Ivo Robic gab. Nicht, dass wir Fans von ihm waren. Da aber über meinen väterlichen Großvater auch unser Familienname von dort stammte, fügte sich diese Kopplung von Vor- und Familiennamen aus dem gleichen Sprachraum gut und hatte auch einen guten Klang.

Anfang 1964 war der Osten Afrikas in Aufruhr. In Sansibar wurde der Sultan gestürzt und musste die Insel verlassen. In Tanganjika und in Kenia rebellierten die Soldaten gegen ihre damals noch britischen Offiziere. Ich schrieb einen Brief an den Rundfunkvorsitzenden Gerhart Eisler, dass in der DDR ein großes Informationsbedürfnis bestehe, welches wir aber so nicht befriedigen könnten. Man müsse einen Sonderkorrespondenten hinschicken – zum Beispiel mich.

Das traf sich damit, dass sich die Volksrepublik Sansibar anschickte, diplomatische Beziehungen zur DDR aufzunehmen – das erste Land außerhalb des sozialistischen Lagers! Nun galt die Losung "Alle Kraft auf Sansibar". Eine Sonderkommission wurde eingesetzt, die Ministerpräsident Stoph leitete. Experten aus allerlei Bereichen machten sich auf den Weg. So wurde auch ich mit eingetaktet, ohne dass es den Rundfunk einen Pfennig kostete. Meine Aufgabe war, aus Sansibar zu berichten, beim dortigen Rundfunk, soweit es gewünscht war, Unterstützung zu leisten, und im Auftrage des Staatlichen Rundfunkkomitees der DDR ein Rundfunkabkommen abzuschließen.

Ich flog nicht allein. Schon im Außenministerium hatte man mir gesagt, mit mir reisten noch zwei Genossen "von einer anderen Dienststelle". Ich dachte an Stasi. Als wir in Schönefeld eincheckten, hatten die beiden die gleichen Anzüge an, trugen die gleichen Koffer. Sie seien "auf Ministerbefehl" ausgerüstet worden, sagten sie mir später. Zunächst blieben sie recht einsilbig. Wahrscheinlich wussten sie nicht, was sie mit mir anfangen sollten. Sie waren noch nie im Ausland gewesen.

Beim Zwischenaufenthalt in Kairo gingen sie mir mit ihrem Patriotismus auf den Docht. An den Pyramiden trennte ich mich zeitweilig von ihnen. Das seidumm von mir gewesen, meinten sie. Denn als sie an eine Stelle kamen, die mit einem Draht abgesperrt war, habe dort der Mann den Draht sofort geöffnet, als er hörte, dass sie aus der DDR kamen. Da hätten sie ihm natürlich eingutes Trinkgeld gegeben. Sie hatten keine Ahnung davon, dass die Jagd nach einem Bakschisch immer mit der Frage beginnt, aus welchem Land man komme, und dass es dann natürlich nur den halben Preis koste.

Als wir an einem Laden vorbeikamen, der "Tosca" von 4711 ausstellte, war der ganze Patriotismus plötzlich weg. "Mensch, Tosca!" rief der eine. "Meine Frau wird verrückt, wenn ich eine Flasche Tosca mitbringe". Und an mich die Frage, ob unser Geld dafür reiche? Ich sagte ihnen, dass wir natürlich teuer im Hotel essen könnten, aber viel billiger und für meinen Geschmack auch besser in einem arabischen Restaurant. Ich bestellte eine Mahlzeit mit am Grill abgehobeltem Fleisch, ähnlich wie beim Döner Kebab.

Mit langen Zähnen stocherten sie darin herum. "Was ist denn das für ein Gelumpe? Stell Dir vor, wir hätten jetzt ein Eisbein!" Und das einen Tag nach dem Verlassen der Heimat. Es kann schon zu einem Problem werden, wenn jemand zum erstenmal in der Fremde ist. Die beiden waren übrigens Majore der Nationalen Volksarmee, die vor diesem Einsatz noch schnell zum Oberstleutnant befördert wurden. In Sansibar sollten sie ein System für die Küstenverteidigung konzipieren. Und im Laufe der Zeit erwiesen sie sich auch als angenehme Kumpel.

 
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