In Sansibar

 
 

Die Stadt Sansibar ist der reizvollste und romantischste Flecken Erde, den ich je gesehen habe. In engen, verwinkelten Gassen stehen uralte Häuser noch aus der Zeit der arabischen Sklavenhändler. Die Türpfosten und Türen sind kunstvoll mit geschnitzten Ornamenten, Koransprüchen und Messingbeschlägen verziert, genauso die Balkons. Da diese Schnitzerei vom Reichtum des Hausherrn zeugte, sagte man, sei zuerst die Tür in mühevoller Arbeit angefertigt und dann das übrige Haus darum gebaut worden. Nun ist das natürlich reizvoll für Touristen und für die Besitzer. Das waren arabische Sultansbeamte und Grundherren. Die afrikanische Bevölkerungsmehrheit wohnte außerhalb in Lehmhütten.Dass diese Rassenfrage so weitgehend mit der Klassenfrage übereinstimmte, war auch einer der wesentlichen Gründe für die Revolution.

Es ist übrigens Unsinn, wenn immer wieder behauptet wird, Sansibar sei gegen die Insel Helgoland eingetauscht worden. Das Sultanat Sansibar war nie in deutschem Besitz. Auf der Berliner Konferenz Ende des 19. Jahrhunderts hatten das kaiserliche Deutschland und England ihre Interessensphären auf dem afrikanischen Kontinent abgesteckt. Neben mehreren anderen Regelungen erkannte Deutschland dabei auch die britischen Ansprüche auf Sansibar an. Im Zuge dieses Gesamtgeschäfts erhielt Deutschland Helgoland.

Wenn ich aus Sansibar berichtete, saß ich im Studio des dortigen Rundfunks. Die Leitung ging zur örtlichen Station von "Cable & Wireless", einem britischen Telekommunikations-Unternehmen, von dort per Kurzwelle zur Zentrale nach London und dann über Kabel nach Berlin. Einige Hörer fanden es so frappierend, dass es möglich sei, mich aus Sansibar zu hören. Sie fragten deshalb beim Rundfunk in Berlin an. Nach einem meiner nächsten Berichte wurde deshalb ein Ingenieur interviewt, der den Leitungsweg erklärte. Heutzutage ist es eine Selbstverständlichkeit, dass man ein Ereignis an irgendeiner Ecke der Erde am selben Abend in Farbe im Fernsehen miterleben kann. So schnell entwickelt sich die Technik.

Die DDR hat in Sansibar sehr viel geleistet, allerdings auch manches Lehrgeld bezahlt. Das wichtigste waren Ärzte. Mit dem Sultan waren alle englischen und der größte Teil der indischen Ärzte weggegangen. Andere gab es nicht. So arbeitete bald mit anderen Ärzten auch Frau Dr. Radvanyi, die Tochter von Anna Seghers. Auf Sansibar lernte ich auch Markus Wolf kennen, den Chef der DDR-Auslandsspionage, ohne freilich zu wissen, dass es Markus Wolf war. Seine Legende war, dass er an der Spitze einer Gruppe von Volksbildungsexperten stand. Ich hatte mich allerdings gewundert, warum ihm unser Botschafter immer so ehrerbietig gegenübertrat. Als wir am Strand zum Baden waren, setzte er sich zu mir und sagte, er sei früher auch beim Rundfunk gewesen. Doch bei mir fiel kein Groschen, und ich reagierte nicht sonderlich darauf. Erst später fiel mir ein, dass Markus Wolf 1945 unter dem Namen Michael Storm der erste Kommentator beim Berliner Rundfunk war. Den falschen Namen hatte er genommen, weil er nicht mit dem Rucksack als Sohn eines berühmten Vaters, des Schriftstellers Friedrich Wolf, herumlaufen wollte.

Sehr geschätzt habe ich die Arbeit der Freundschaftsbrigade der FDJ. Das waren junge Leute, die nicht so komfortabel lebten wie wir, sondern im Grunde die Lebensbedingungen der Afrikaner teilten. Sie bauten in der Nähe der Stad das Dorf Bambi, wobei sie im Prozess der Arbeit junge Sansibarer zu Bauarbeitern ausbildeten.

Sehr verwundert war ich allerdings, dass nach der Wende im ORB-Fernsehen ein Bericht über Brandenburger Studenten kam, die während der Ferien auf Sansibar in eben diesem Bambi mithalfen, Schulmöbel zu bauen. Doch kein einziges Wort darüber, wie dieses Bambi überhaupt zustande kam, wer schon vor ihnen dort gewesen war. In Sansibar baute die DDR neben manchem anderen auch ein polytechnisches Zentrum auf, mit modernsten Werkzeugmaschinen. Dort sollten Oberschüler einen Einblick in die materielle Produktion bekommen.

Nun hat auch in der DDR der polytechnische Unterricht nicht das gebracht, was man sich von ihm erhofft hatte. Aber in Sansibar? Was soll eine polytechnische Ausbildung von Oberschülern in einem Land, das vorwiegend vom Export von Gewürznelken lebt und in dem es nie eine industrielle Entwicklung geben wird? Unsere Leute sprachen von Undankbarkeit, als sich das die Verantwortlichen eine Weile anschauten und dann das Zentrum in eine normale Lehrwerkstatt umwandelten. Doch das war sehr nützlich. Denn Handwerker wurden gebraucht.

Gegen Ende meines fast dreimonatigen Aufenthalts gab es eine überraschende Entwicklung: Die Republik Tanganjika und die Volksrepublik Sansibar – aus diesen beiden Elementen auch der neue Name - schlossen sich zur Vereinigten Republik Tansania zusammen. Sansibar behielt dabei weitgehend autonome Rechte. So wurden die von der DDR gelieferten Küstenschutzboote der eigenständigen Sicherheit Sansibars unterstellt, damit sie nicht zur gemeinsamen Marine kamen.

Eigentlich verlief alles ziemlich reibungslos. Aber es blieb ein Problem – die DDR. Sansibar hatte diplomatische Beziehungen, Tanganjika nichts. Damals bestand die Hallstein-Doktrin, wonach die BRD die Beziehungen zu jedem Lande abbrechen würde, das die DDR anerkennt. Für ein Entwicklungsland hing da sehr viel dran. Nach langen Verhandlungen stellte Präsident Nyerere schließlich die Frage, welches denn der höchste Status sei, den die DDR irgendwo in Afrika habe. In Ägypten ein Generalkonsulat, war die Antwort. Also einigte man sich darauf, dass die DDR auch in Daressalam ein Generalkonsulat errichten würde. Obwohl das keine diplomatische Anerkennung bedeutete, musste Tansania dennoch teuer bezahlen. Denn wegen dieses "unfreundlichen" Schritts zog die BRD bereits zugesagte wirtschaftliche Hilfe zurück.

 
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