Nyereres Ujamaa-Sozialismus
 
In Tansania vollzog sich eine sehr interessante Entwicklung. Sie war das Werk von Präsident Julius Nyerere, den ich noch heute als einen der bedeutendsten afrikanischen Staatsmänner von höchster Integrität empfinde. Er stand nicht links, war durch und durch katholisch, wollte aber einen afrikanischen Kapitalismus verhindern. Die alte Stammesgesellschaft – so seine These – war sozial. Den Kapitalismus hätten die Kolonialisten gebracht. Man müsse an die alten Ideale anknüpfen,
Mit Miriam Makeba vor dem tansanischen Rundfunk.
 

sie freilich der heutigen Zeit anpassen. "Ujamaa" nannte er das, das Suaheliwort für Familie, das aber auch einen Klang von Sozialismus hat. Ein wesentliches Element bestand darin, die verstreut im Busch lebenden Familien in "Ujamaa"-Dörfern zusammenzufassen, weil sich nur so Schulen gründen und das Gesundheitswesen entwickeln ließen. Dann wurden die ausländischen Banken verstaatlicht. Um die Entwicklung einer einheimischen ürokratischen Kapitalistenklasse zu verhindern, wurden Staatsbeamten und Funktionären der regierenden TANU-Partei weiteinkommen verboten. Das betraf vor allem Mieteinnahmen. Jeder durfte nur das Haus besitzen, in dem er wohnte. Leider lief nicht alles so, wie es sich Nyerere erhofft hatte. Seine "Ujamaa"- Konzeption stützte sich ausschließlich auf subjektive Moralvorstellungen. Es gab nichts, was zu größerer Produktivität geführt hätte, Bürokratie breitete sich aus. So blieb das rohstoffarme Land in seiner Armut und musste schließlich, um wenigstens zu einigen Krediten zu kommen, das Diktat des Internationalen Währungsfonds schlucken.

Für uns hatte die "Ujamaa"-Politik unmittelbare Auswirkungen. Unser Hausbesitzer, ein Beamter im Außenministerium, hatte das Haus mit einem günstigen Kredit gebaut. Es war dort üblich, dass höheren Beamten ein solcher Kredit eingeräumt wurde. Er blieb in seinen bescheideneren Verhältnissen wohnen, um mit unserem Geld den Kredit zurückzuzahlen und sein Einkommen aufzubessern. Nun musste er, wenn er das Haus nicht verkaufen wollte, selbst einziehen, was er sehr ungern tat. Durch diese Konstellation ergab sich generell die außergewöhnliche Sachlage, dass es schwer wurde, Häuser zu mieten, aber sehr leicht, sie zu kaufen. Wir fanden schließlich ein Haus, das viel größer und komfortabler war, mit einem wunderschönen Garten, und nur die Miete von fünf Jahren kostete. Ein ausgesprochenes Schnäppchen, würde man heute sagen. Entgegen meinen Befürchtungen hatte der Rundfunk auch das Geld, das Geschäft zu tätigen.

In Daressalam lernte ich Miriam Makeba kennen, die "Stimme Afrikas", wie man sie nannte. Sie war schon in Südafrika eine bekannte Sängerin gewesen. Als man einen Film, in dem sie mitwirkte, in London propagieren wollte, nutzte sie die Gelegenheit, dem Apartheid-Staat zu entfliehen. Am Anfang kümmerte sich Harry Belafonte sehr um sie, trat gemeinsam mit ihr auf. Dann begann sie ihren eigenen Weg als ein internationaler Star. Mit ihren Liedern gegen die Apartheid rüttelte sie viele auf. Sie besaß gut ein Dutzend Pässe, weil es sich jeder afrikanische Staat zur Ehre anrechnete, sie als Staatsbürgerin zu haben.

Nun stand ich allerdings vor einem Problem. In der DDR kannte man diesen Weltstar nicht. Das Interview, das ich mit ihr hatte, konnte ich zunächst nur in der in Afrika vertriebenen Auslandsillustrierten der DDR verwenden, nicht aber für unseren Rundfunk, da es für die Hörer zu Hause keinen Anknüpfungspunkt gab. Für eine Chanson-Serie im Abendprogramm von Radio DDR schrieb ich deshalb eine zweistündige Sendung mit vielen ihrer Lieder. Sie hatte eine große Resonanz. Unsere Techniker schnitten meine Schallplatten mit ihren Aufnahmen um, die dann viel gesendet wurden. Ihr "Pata Pata" wurde zu einem regelrechten Ohrwurm. Ein bisschen bin ich stolz darauf, dass ich es war, der sie in der DDR so bekannt gemacht hat. Zu den Weltfestspielen 1973 kam sie nach Berlin und sang vor Tausenden.

 
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