Gegen den Kolonialismus

Nach dem schönen Urlaub begann dann in Daressalam wieder der Alltag. Einen wesentlichen Teil meiner Berichterstattung bildeten natürlich die Entwicklungsprozesse in Tansania und in anderen afrikanischen Staaten. Nicht zuletzt auch das, was es bei der sich immer weiter entwickelnden Zusammenarbeit mit der DDR gab. Besonderes Gewicht hatte aber der Befreiungskampf im südlichen Afrika.

 
 

Als ich Schulkind war, bestand die afrikanische Landkarte nur aus wenigen Farben. Rot waren die ehemaligen deutschen Kolonien (die natürlich wieder gewonnen werden mussten), gelb die britischen, blau die französischen und grün die portugiesischen Kolonien.

Inzwischen war die Karte sehr bunt geworden, weil seit Anfang der sechziger Jahre ein Land nach dem anderen seine Unabhängigkeit erringen konnte. Dieser Prozess fand dann eine jähe Unterbrechung.

  So begrüßten wir unsere Freunde zum neuen Jahr (Ivo war zur
Augenbehandlung in der DDR).
 

Portugal war wirtschaftlich viel zu schwach, um auf neokolonialistische Weise weiter herrschen zu können, deshalb klammerte es sich in Angola, Mocambique und Guinea-Bissau weiter an den klassischen Kolonialismus. Im heutigen Simbabwe herrschte das südrhodesische Rassisten-Regime, und Südafrika wie auch Namibia standen unter der Apartheid. Der später so gefeierte Nelson Mandela war als "Terrorist", als Strafgefangener auf der Insel Robben Island eingekerkert.

Tansania war sozusagen der Vorposten des unabhängigen Afrika. Von der Organisation für Afrikanische Einheit hatte hier das Befreiungskomitee seinen Sitz, das die solidarische Hilfe der unabhängigen afrikanischen Staaten bündelte. In Daressalam unterhielten auch die meisten Befreiungsbewegungen ihre Hauptquartiere oder Verbindungsbüros. So die FRELIMO von Mocambique, der südafrikanische ANC und die namibische SWAPO, ZAPU und ZANU von Simbabwe. Dr. Neto, der Präsident der angolanischen MPLA, wohnte hier, wenn er nicht im Kampfgebiet war. Jinga, die Tochter seiner Schwester, die deutsch sprach, weil sie in Wien aufgewachsen war, besuchte mit unseren Söhnen die DDR-Schule.

Die Vertreter der Befreiungsbewegungen, die man im Westen als "Terroristen" verschrie (das änderte sich natürlich, als sie später Staatspräsidenten oder Minister waren), lebten im Exil unter ziemlich ärmlichen Verhältnissen. Wenn ich sie auf diplomatischen Empfängen traf, hatte ich den Eindruck, dass sie froh waren, wieder einmal die Abendbrotfrage gelöst zu haben. Der SWAPOChef und spätere Staatspräsident Namibias, Sam Nujoma, "borgte" sich bei mir 20 Shillinge.

Für meine Berichte über den Befreiungskampf nutzte ich die Bulletins der Bewegungen und Gespräche mit den Kämpfern, die gerade von der Front gekommen waren. Das hatte in der DDR eine sehr starke Resonanz, weil dort das solidarische Empfinden mit dem kämpfenden Afrika sehr ausgeprägt war. (Ganz anders als heute im marktwirtschaftlichen Deutschland, in dem Afrika fast vergessen zu sein scheint.)

Besser als Berichte aus zweiter Hand wäre natürlich das eigene Erleben gewesen. Aber das war nicht so einfach. Für Mocambique scheiterte das zunächst am 2. Vizepräsidenten Tansanias, Rashidi Kawawe, der für die Verbindung zu den Befreiungsbewegungen zuständig war und einen Ruf als fanatischer schwarzer Rassist hatte. Kurz zuvor war ein Hauptmann der portugiesischen Luftwaffe mit seiner Maschine nach Tansania geflogen, um sich der FRELIMO anzuschließen. Das war eine aufsehenerregende Demonstration. Doch als Weißer wurde er kurzerhand aus Tansania ausgewiesen. Kawawe weigerte sich auch, einen "Weißen" über die Grenze zu lassen.

Dr. Neto, der spätere erste Präsident Angolas, bot mir dann an, über Sambia nach Angola zu kommen. Wenn ich mir einen umfassenden Überblick verschaffen wolle, müsse ich mindestens drei Monate veranschlagen, sagte er. Doch das zerschlug sich, weil bald darauf Sambia wegen eines Zwischenfalls seine Genehmigung zurückzog, Gäste der MPLA über die Grenze zu lassen. Es hatte eine Vereinbarung gegeben, dass sich Kämpfer der MPLA nur unbewaffnet in Sambia aufhalten dürfen. Doch eine Grenzpatrouille der Armee stieß auf eine bewaffnete Gruppe, die mit einem kanadischen Gast aus Angola kam.

Ausgelöst durch ein entsetzliches Ereignis änderte sich dann die Sachlage für Mocambique. Im Februar 1970 war der Präsident der FRELIMO, Dr. Eduardo Mondlane, einem Mordanschlag zum Opfer gefallen. In dem dreiköpfigen Führungsgremium, das dann an die Spitze trat, kam es zu schweren Auseinandersetzungen, weil einer versuchte, die Macht an sich zu reißen. Tansanias Präsident Nyerere versuchte zunächst einen Ausgleich, was aber misslang. Dann tat er das einzig Vernünftige und schlug sich voll auf die Seite des Armeechefs Samora Machel und des zweiten FRELIMO-Mannes Marcelino dos Santos. Diese hatten nun endlich nach langer Zeit die Möglichkeit, direkt mit Nyerere alle angehäuften Probleme zu klären. Dazu gehörte auch, dass nun die FRELIMO ungehindert jeden Gast über die Grenze nehmen konnte.

Nun begannen die Vorbereitungen. Auf Wunsch der FRELIMO musste alles geheim bleiben. Die einzigen, die ich ins Bild setzte, waren unser Generalkonsul und die Ärztin der NUTA-Klinik, die mir ein Medikamentenkästchen zusammenstellte, für den Notfall auch eine Spritze mit Antibiotika. Als ich Lebensmittel einkaufte – größere Mengen an Tütensuppen und auch Säuglingsnahrung – stieß ich prompt auf erstaunte DDR-Leute, denen ich sagte, ich hätte einen größeren Trip durch Tansania vor. Das wichtigste war, Fußmarsch zu trainieren. Ich ließ also das Auto stehen und ging alles im Sturmschritt zu Fuß. Prompt hielten Autos von Bekannten. "Ist Dein Auto kaputt? Sollen wir Dich mitnehmen?" Leider stellte sich dann heraus, dass ich viel zu wenig trainiert hatte. Vor allem hätte ich mit Schuhen und Strümpfen durchs Wasser gehen und mir die Blasen schon in Daressalam holen müssen.

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