Nach Hause auf hoher See

 
 

Im Spätsommer 1970 ging dann der fünfjährige Afrikaeinsatz zu Ende. Wir hatten uns etwas Besonderes ausgedacht. Weil die Zeit nach der Rückkehr mit dem Wiedereinrichten in Berlin ohnehin kein richtiger Urlaub gewesen wäre, wollten wir diesen Urlaub auf hoher See verbringen. Wir nahmen eine Passage auf der "Stollberg", einem DDR-Frachtschiff von etwa 14.000 Tonnen. Frachtschiffe haben meistens zwei oder drei Kabinen für Passagiere, die oft sogar komfortabler sind als die Kabinen auf einem Passagierschiff.

Sieben Wochen hat die Fahrt gedauert, viel länger als geplant. Zum einen mussten wir um Südafrika fahren, weil der Suez-Kanal nach dem Nahostkrieg noch gesperrt war. Zum anderen gab es in den englischen Häfen einen Streik, der unseren Aufenthalt verlängerte. Doch keine einzige Stunde war langweilig. Anders als bei einem Passagierschiff konnte man zu jeder beliebigen Zeit auf die Brücke, um mit dem Kapitän einen Kaffee zu trinken. Die Seeleute waren froh, endlich jemanden zu haben, der die Geschichten noch nicht kannte, die sie zu erzählen hatten. Vor allem die Jungs haben die Fahrt genossen. Jeder fand bald seinen Freund, dem er bei der Arbeit zur Seite stehen konnte. Obwohl es die Jungfernfahrt war, wurde auf der "Stollberg" schon wieder eifrig gemalert. Die Jungs halfen dabei, so gut sie konnten. Zu Rosels Ärger immer wieder mit einem anderen Hemd. Das Schiff wurde automatisch gesteuert. Aber unseren Söhnen zuliebe wurde die Automatik abgeschaltet, und sie konnten die "Stollberg" eigenhändig steuern. Am Heck sah man dann im Wasser die Zickzacklinien als Resultat.

Mit uns reiste eine Engländerin. Sie hatte lange als Lehrerin in Kenia gearbeitet und kehrte nun zurück. Die DDR sei für sie ein Rätsel, sagte sie mir immer wieder. In Daressalam, wo wir zustiegen, hatte das Schiff länger als geplant gelegen. Ein Matrose hatte einen Unfall, und es wurde abgewartet, ob er aufs Schiff zurück könne oder im Krankenhaus bleiben müsse. Die Mannschaft nutzte die Zeit für einen "Subbotnik", einen freiwilligen Arbeitseinsatz. Schon das war für sie recht merkwürdig, aber noch mehr, dass auch der Kapitän wie alle anderen mitarbeitete. Auf englischen Schiffen, sagte sie, sei sogar die Offiziersmesse zweigeteilt. Der Kapitän speise dort zusammen mit dem Chief und dem 1. Offizier getrennt von den anderen Offizieren. Auf der "Stollberg" gebe es aber das für sie unerklärbare Phänomen, dass zwischen Offizieren und Matrosen ein ausgesprochen kumpeliges Verhältnis bestehe und trotzdem eine absolute Disziplin. Ob das mit Sozialismus zu tun habe?

 
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