In England

In England liefen wir Avonmouth an, den Hafen von Bristol. DDR-Reisenden wurde damals, vor dem Bestehen diplomatischer Beziehungen, der Landgang oft verweigert. Als gängiger Trick hatte sich herumgesprochen, dass man es entweder vor Religiosität nicht aushalte und unbedingt in eine Kirche müsse, oder dass man zum Zahnarzt muss.
Der Passbeamte, der aufs Schiff kam, erklärte mir, dass ein Verlassen des Schiffs nicht möglich sei, da wir kein Visum hätten. Er ließ aber auch durchblicken, dass man es so genau nicht mehr nehme, "wenn wir in Begleitung eines Schiffsoffiziers" seien. Für Rosel und mich übergab er ein vorgedrucktes Formular, auf dem das Verbot schriftlich festgehalten war.

 
 

DDR-Bürger waren 1970 in England von
"zweifelhafter Nationalität" Mit einem Klick auf das Bild gelangen Sie zur Großansicht
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Neben Namen und Geburtstag gab es auch die Spalte "Citizenship" (Staatsangehörigkeit). Dort stand allen Ernstes "Doubtful nationality" (zweifelhafte Nationalität). Es war paradox: Wir mussten tatsächlich zum Zahnarzt. Ulf hatte eine sehr schmerzhafte Fistel an einem Milchzahn. Als wir durchs Hafengelände liefen, hielt neben uns ein alter Blechschlitten von Auto. Der Mann fragte, ob er uns mitnehmen könne, es sei noch sehr weit bis zum Hafentor. Er habe uns schon öfter gesehen. Er sei der Vorarbeiter beim Entladen des Schiffes neben uns. In Avonmouth gebe es gar keinen Zahnarzt,aber im Nachbarort. Er werde uns dort absetzen. Während der Fahrt griff er ein Thema auf, das ich in diesen Tagen immer wieder hörte. England werde nach und nach zu Grunde gehen, sagte er, weil niemand mehr richtig arbeite. Das Land brauche eine Regierung, die den Leuten endlich wieder das Arbeiten beibringt. Als ich ihn fragte, wohin er denn jetzt am Vormittag fahre: "Na, nach Hause! Frühstücken!"

Der Streik, der unseren Aufenthalt verlängerte, war zwar vorüber, wirkte aber noch nach. Die Hafenarbeiter, die unser Schiff entluden, hatten eine Lohnerhöhung erkämpft. Doch es gibt eine traditionelle Schere zum Einkommen der Kranführer, die in einer anderen Gewerkschaft sind, und diese Schere hatte sich nun etwas gemindert.

Also kamen die Arbeiter pünktlich um Acht, setzten sich hin und lasen Zeitung. Denn die Kranführer protestierten dadurch, dass sie erst um Neun kamen. Bei allem Verständnis für die Kampfformen der englischen Arbeiter: Unser Schiff kostete durch seine bloße Existenz jeden Tag 15.000 Mark. Und wir blieben 14 Tage im Hafen für eine Arbeit, die bei normalem Schichtbetrieb nur zwei Tage hätte dauern dürfen.

Wir nutzten die Zeit für gelegentliche Ausflüge nach Bristol. Ich weiß nicht, wie berechtigt das Wort von den sturen und zugeknöpften Engländern ist. Aber in der Gegend um Bristol muss das ein besonderer Menschenschlag sein. Wenn ich einen Mann, der in einer Grube arbeitete, nach dem Weg fragte, kam der herausgestiegen, brannte sich eine Pfeife an und begann ein Schwätzchen. Als ich zunächst zur Erkundung mit dem Bus allein nach Bristol fuhr, saß neben mir eine ältere Frau. Ich fragte sie, wo man aussteigen müsse, um im Zentrum zu sein. Sie erklärte das und fügte hinzu, dass es zwei Buslinien nach Bristol gebe – eine durchs Tal und eine oben über die Berge. Als wir am nächsten Tag in einem kleinen Supermarkt einkauften, kam diese Frau auf uns zu und sagte zu Rosel: "Sie sind sicher die Frau von diesem jungen Mann. Wissen Sie, er hat mich im Bus gefragt, wo man in Bristol aussteigen müsse, um im Zentrum zu sein. Ich habe ihm auch erklärt, dass es zwei Buslinien gibt – eine durchs Tal und eine über die Berge." In dem Laden stoppte jedwede Geschäftigkeit. Alles lauschte gespannt auf dieses Gespräch. Die Engländerin erzählte uns, sie habe auf dem Postamt für Aufregung gesorgt. Weil sie es nicht wusste, habe sie nach der Höhe des Portos für einen Brief gefragt. Eine unverkennbare Engländerin, die auf einem englischen Postamt nach dem Porto fragt – das war für alle unbegreifbar.

In Bristol besuchten wir das damals berühmte Musical "Hair" als Gastsspiel der hervorragenden Londoner Inszenierung. Weil so ein schlechtes Wetter war, war Rosel etwas ängstlich, ob sie in Stiefeln ins Theater gehen könne. Es stellte sich heraus, dass wir die einzigen "fein" Angezogenen waren. Außer mir trug niemand einen Schlips. "Hair" hat eigentlich keine durchgehende Handlung, besteht aber aus mitreißenden und politisch wirksamen Songs gegen das Establishment. Vor der Pause standen alle Darsteller plötzlich splitternackt auf der Bühne. Nach der Pause kam ein Bobby auf die Bühne und sagte, wir seien alle verhaftet, weil wir an einer obszönen Veranstaltung teilgenommen hätten Alles, was wir von jetzt an sagten, könne gegen uns verwendet werden. Das gehörte mit zur Aufführung.

Um etwas mehr von England zu sehen, unternahm ich eine eintägige Bahnfahrt nach London. Weil das für uns auch eine finanzielle Frage war, nahm ich nur Uwe als den Ältesten mit. Wir machten eine Stadtrundfahrt, besuchten das berühmte Wachsfigurenkabinett, ließen uns auf dem Trafalgar Square die handzahmen Tauben auf den Kopf steigen. Mehr war zeitlich nicht drin. Als wir aufs Schiff zurückkehrten, wollten Uwes Brüder wissen, ob wir die Königin gesehen hätten. Da wir das verneinen mussten, war das Thema für sie erledigt. Sie hatten nichts verpasst.

Unser nächster und letzter Aufenthalt vor Rostock war Kopenhagen, allerdings nur einen einzigen Tag. Der Passbeamte sagte auch, dass wir nicht an Land dürften. Aber er fügte gleich hinzu: "Wenn Sie zum Zahnarzt müssen, dann vergessen Sie Ihren Pass nicht." Wir schlenderten durch die Fußgängerzone, sahen vor dem Schloss die Wachablösung der Garde mit ihren Fellmützen, machten einen Bummel durch den Vergnügungspark "Tivoli". Am Abend kurz vor der Ausfahrt kam tatsächlich die Polizei aufs Schiff, um sich zu vergewissern, dass wir wieder an Bord sind.

 
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