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Neben
Namen und Geburtstag gab es auch die Spalte "Citizenship"
(Staatsangehörigkeit). Dort stand allen Ernstes "Doubtful
nationality" (zweifelhafte Nationalität). Es war paradox:
Wir mussten tatsächlich zum Zahnarzt. Ulf hatte eine sehr schmerzhafte
Fistel an einem Milchzahn. Als wir durchs Hafengelände liefen,
hielt neben uns ein alter Blechschlitten von Auto. Der Mann fragte,
ob er uns mitnehmen könne, es sei noch sehr weit bis zum Hafentor.
Er habe uns schon öfter gesehen. Er sei der Vorarbeiter beim Entladen
des Schiffes neben uns. In Avonmouth gebe es gar keinen Zahnarzt,aber
im Nachbarort. Er werde uns dort absetzen. Während der Fahrt griff
er ein Thema auf, das ich in diesen Tagen immer wieder hörte. England
werde nach und nach zu Grunde gehen, sagte er, weil niemand mehr richtig
arbeite. Das Land brauche eine Regierung, die den Leuten endlich wieder
das Arbeiten beibringt. Als ich ihn fragte, wohin er denn jetzt am Vormittag
fahre: "Na, nach Hause! Frühstücken!"
Der
Streik, der unseren Aufenthalt verlängerte, war zwar vorüber,
wirkte aber noch nach. Die Hafenarbeiter, die unser Schiff entluden,
hatten eine Lohnerhöhung erkämpft. Doch es gibt eine traditionelle
Schere zum Einkommen der Kranführer, die in einer anderen Gewerkschaft
sind, und diese Schere hatte sich nun etwas gemindert.
Also kamen die Arbeiter pünktlich um Acht, setzten sich hin und
lasen Zeitung. Denn die Kranführer protestierten dadurch, dass
sie erst um Neun kamen. Bei allem Verständnis für die Kampfformen
der englischen Arbeiter: Unser Schiff kostete durch seine bloße
Existenz jeden Tag 15.000 Mark. Und wir blieben 14 Tage im Hafen für
eine Arbeit, die bei normalem Schichtbetrieb nur zwei Tage hätte
dauern dürfen.
Wir
nutzten die Zeit für gelegentliche Ausflüge nach Bristol.
Ich weiß nicht, wie berechtigt das Wort von den sturen und zugeknöpften
Engländern ist. Aber in der Gegend um Bristol muss das ein besonderer
Menschenschlag sein. Wenn ich einen Mann, der in einer Grube arbeitete,
nach dem Weg fragte, kam der herausgestiegen, brannte sich eine Pfeife
an und begann ein Schwätzchen. Als ich zunächst zur Erkundung
mit dem Bus allein nach Bristol fuhr, saß neben mir eine ältere
Frau. Ich fragte sie, wo man aussteigen müsse, um im Zentrum zu
sein. Sie erklärte das und fügte hinzu, dass es zwei Buslinien
nach Bristol gebe – eine durchs Tal und eine oben über die
Berge. Als wir am nächsten Tag in einem kleinen Supermarkt einkauften,
kam diese Frau auf uns zu und sagte zu Rosel: "Sie sind sicher
die Frau von diesem jungen Mann. Wissen Sie, er hat mich im Bus gefragt,
wo man in Bristol aussteigen müsse, um im Zentrum zu sein. Ich
habe ihm auch erklärt, dass es zwei Buslinien gibt – eine
durchs Tal und eine über die Berge." In dem Laden stoppte
jedwede Geschäftigkeit. Alles lauschte gespannt auf dieses Gespräch.
Die Engländerin erzählte uns, sie habe auf dem Postamt für
Aufregung gesorgt. Weil sie es nicht wusste, habe sie nach der Höhe
des Portos für einen Brief gefragt. Eine unverkennbare Engländerin,
die auf einem englischen Postamt nach dem Porto fragt – das war
für alle unbegreifbar.
In
Bristol besuchten wir das damals berühmte Musical "Hair"
als Gastsspiel der hervorragenden Londoner Inszenierung. Weil so ein
schlechtes Wetter war, war Rosel etwas ängstlich, ob sie in Stiefeln
ins Theater gehen könne. Es stellte sich heraus, dass wir die einzigen
"fein" Angezogenen waren. Außer mir trug niemand einen
Schlips. "Hair" hat eigentlich keine durchgehende Handlung,
besteht aber aus mitreißenden und politisch wirksamen Songs gegen
das Establishment. Vor der Pause standen alle Darsteller plötzlich
splitternackt auf der Bühne. Nach der Pause kam ein Bobby auf die
Bühne und sagte, wir seien alle verhaftet, weil wir an einer obszönen
Veranstaltung teilgenommen hätten Alles, was wir von jetzt an sagten,
könne gegen uns verwendet werden. Das gehörte mit zur Aufführung.
Um
etwas mehr von England zu sehen, unternahm ich eine eintägige Bahnfahrt
nach London. Weil das für uns auch eine finanzielle Frage war,
nahm ich nur Uwe als den Ältesten mit. Wir machten eine Stadtrundfahrt,
besuchten das berühmte Wachsfigurenkabinett, ließen uns auf
dem Trafalgar Square die handzahmen Tauben auf den Kopf steigen. Mehr
war zeitlich nicht drin. Als wir aufs Schiff zurückkehrten, wollten
Uwes Brüder wissen, ob wir die Königin gesehen hätten.
Da wir das verneinen mussten, war das Thema für sie erledigt. Sie
hatten nichts verpasst.
Unser
nächster und letzter Aufenthalt vor Rostock war Kopenhagen, allerdings
nur einen einzigen Tag. Der Passbeamte sagte auch, dass wir nicht an
Land dürften. Aber er fügte gleich hinzu: "Wenn Sie zum
Zahnarzt müssen, dann vergessen Sie Ihren Pass nicht." Wir
schlenderten durch die Fußgängerzone, sahen vor dem Schloss
die Wachablösung der Garde mit ihren Fellmützen, machten einen
Bummel durch den Vergnügungspark "Tivoli". Am Abend kurz
vor der Ausfahrt kam tatsächlich die Polizei aufs Schiff, um sich
zu vergewissern, dass wir wieder an Bord sind. |
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