In Simbabwe aufs falsche Pferd gesetzt

 
 

Die Veränderungen in Afrika überschlugen sich nun geradezu. Es folgten Angola und Guinea-Bissau. Aus dem rassistischen Südrhodesien wurde Simbabwe. Äthiopien hatte ich schon während meiner Korrespondentenjahre besucht, als dort noch Kaiser Haile Selassi herrschte. Jetzt gab es nach dem Sturz des Kaisers ein linkes Militärregime. Allerdings wurde das Land am Anfang noch von mörderischen inneren Unruhen erschüttert. Bald darauf folgte ein Überfall Somalias auf die vorwiegend von Somalis bewohnte Grenzprovinz Ogaden, so dass Äthiopien lange nicht zur Ruhe kam.

Nach Simbabwe hatte ich meinen Fuß schon 1969 gesetzt. Ich war damals in Sambia. Die Grenze zwischen Sambia, dem früheren Nord-Rhodesien, und Süd-Rhodesien wurde durch den Sambesi gebildet. Schon zu Kolonialzeiten wurde dort der Kariba-Damm mit einem riesigen Stausee und einem großen Kraftwerk errichtet. Über den Damm führte eine Straße, und genau in der Hälfte befand sich ein dick gemalter weißer Strich – die Grenze. Als ich mich dem Strich näherte, beäugte mich von der anderen Seite misstrauisch ein südrhodesischer Soldat. Schließlich verlor er sein Interesse. Das nutzte ich, um einfach mal so aus Jux meinen Fuß auf südrhodesisches Territorium zu setzen.

Meinen richtigen Besuch im freien Simbabwe absolvierte ich erst einige Zeit nach der Unabhängigkeit. Das hatte seinen Grund. Es gab im Lande zwei Befreiungsbewegungen: die von Robert Mugabe geführte ZANU und die ZAPU unter Joshua Nkomo. Die sonst in Afrika so klug handelnde und erfolgreiche DDR orientierte sich in diesem Fall falsch und setzte auf die ZAPU. Ein wesentlicher Grund dafür war offenbar, dass damals die scharfen Konflikte zwischen China und der Sowjetunion herrschten und die ZANU sich auf Peking eingeschworen hatte.

Als dann vor der Unabhängigkeit die Wahlen anstanden, warnte uns Mocambiques FRELIMO, dass wir falsch handeln. In Afrika spielen immer die ethnischen Bindungen eine entscheidende Rolle. Die ZANU war unter den Shona verwurzelt, der übergroßen Mehrheit im Lande, die ZAPU unter den Ndebele, einer Minderheit. Doch die DDR setzte weiter aufs falsche Pferd. Und natürlich gewann die ZANU mit Mugabe. In dieser Zeit starb der jugoslawische Präsident Tito, und viele Staatsmänner reisten nach Belgrad. Im "Neuen Deutschland" war zu lesen, Erich Honecker habe dort Robert Mugabe zur Unabhängigkeit beglückwünscht. Doch konkret hatte sich das so abgespielt, dass Mugabe knapp "Danke" sagte, sich auf dem Fuß herumdrehte und von dannen ging.

Allmählich haben sich die Beziehungen zwischen uns normalisiert. Als ich nach Simbabwe kam, war von den früheren Spannungen nichts mehr zu spüren. Aber es gab ein anderes Problem. Die Wirtschaft Simbabwes hing ausschließlich von den Weißen ab. Durch die internationalen Sanktionen, die gegen das Smith-Regime verhängt waren, hatte sich eine für afrikanische Verhältnisse recht stattliche Fertigungsindustrie entwickelt. Vor allem die von Weißen mit modernsten Methoden betriebenen Farmen bildeten das wirtschaftliche Rückgrat des Landes. Die FRELIMO schärfte der ZANU-Führung ein, sie solle unbedingt aus den Fehlern Mocambiques lernen. Dort waren durch übereilte Nationalisierungen schwerwiegende Probleme entstanden, dringend nötige Fachkräfte hatten das Land verlassen.

Als ich dort war, machte alles einen guten Eindruck auf mich. Simbabwe war ein für afrikanische Verhältnisse hoch entwickeltes Land. Geradezu demonstrativ bemühte man sich, Versöhnung zwischen Schwarz und Weiß zu zeigen. Im Stadtzentrum ritten zwei Polizisten nebeneinander – ein schwarzer und ein weißer. Im Fernsehen gab es bei den Nachrichten immer zwei Sprecher, und auch der Weiße hatte offenbar keine Mühe, "Genosse Mugabe" über die Lippen zu bringen.

Das blieb freilich nicht so. Zum einen gab es natürlich das prinzipielle Problem, dass die schwarze Bevölkerungsmehrheit auch die Früchte der Unabhängigkeit ernten wollte. Zum anderen machte sich unter der neuen Elite Korruption breit. Die führenden ZANU-Politiker legten sich eigene große Farmen zu. Mugabe entwickelte ein diktatorisches Regime. Es wurden anarchische Farmbesetzungen organisiert. Mit einer klugen Politik hätte Simbabwe eigentlich ein Modellfall für ein leistungsfähiges und rassenharmonisches Land werden können. Doch es ist leider genau das Gegenteil geworden.

 
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