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Zum
Glück blieb das bloße Theorie. Es gab nie Fliegeralarm und
nie einen Schuss. Sehr zum Ärger der französischen Journalisten,
die so um ihre Kriegsstory kamen. Dafür hielten sie sich an mir
schadlos. Über die internationalen Agenturen verbreiteten sie die
Meldung, dass die DDR in Äthiopien ein Doppelspiel treibe. Während
die DDR offiziell ein Verbündeter des Mengistu-Regimes in Addis
Abeba sei, verhandele ihr Abgesandter Peter Spacek mit dessen Gegnern,
den Separatisten in Eritrea.
Natürlich
war der ELF-Führung klar, dass es bei meiner Mission nicht nur
um Journalismus oder Bauernkongress ging. Sie lud mich deshalb zu einem
eingehenden Gespräch ein, damit ich unserer Führung ihre grundsätzlichen
Positionen übermitteln könne. Obwohl sich das Regime in Addis
Abeba antiimperialistisch und marxistisch gebe, bleibe es doch im Kern
ein kleinbürgerliches Militärregime, sagten sie. Überlegungen
wie nach einer Konföderation oder nach einer Autonomie könnten
sie nicht folgen, denn das würde bedeuten, ihr Schicksal und das
Schicksal Eritreas diesen Leuten anzuvertrauen. Die Tragik der eritreischen
Befreiungsbewegung bestehe darin, dass ihr natürlicher Verbündeter
das sozialistische Lager sei, wir das im Moment aber leider nicht so
sehen. Aber nur deshalb könnten sie sich doch nicht dem Imperialismus
zuwenden.
Dieses
Argument habe ich sehr oft auch bei anderen Begegnungen gehört.
Sehr ausgeprägt war das am Schluss meines Aufenthalts bei einem
Besuch in der Parteischule der ELF in der Nähe der sudanesischen
Grenze. Dort hat man mich fast auf Händen getragen, als bekannt
wurde, ein Vertreter der DDR sei gekommen. Dabei hat es mir sehr wehgetan,
dass durch diese Eritrea-Mission Hoffnungen geweckt wurden, die sich
nicht erfüllen ließen. Damals standen die Weltfestspiele
der Jugend in Havanna bevor. Ob ich nicht wenigstens dazu beitragen
könne, dass eine Delegation Eritreas eingeladen wird?
In
Eritrea hatte mich die schwerste Erkrankung meiner gesamten Tropenzeit
erwischt. Ich bekam einen schlimmen Durchfall, bei dem schließlich
fast nur noch Blut und Eiter kam. Mir wurde langsam ängstlich.
Der nächste Arzt war über hundert Kilometer entfernt. Nach
vergeblichen Bemühungen mit den üblichen Durchfallmitteln
gab mir im Krankenhaus in Mendeferra ein Gesundheitshelfer aus einem
großen Bonbonglas antibiotische Kapseln, deren Namen ich mir aufschrieb.
Nach einer reichlichen Woche war das Problem zum Glück gelöst.
Ich ging dann vorsichtshalber zur Tropenmedizin nach Buch. Aber man
sagte mir, sie hätten das auch nicht anders behandelt.
Nach
meiner Rückkehr berichtete ich schriftlich und mündlich der
Abteilung Internationale Verbindungen im ZK der SED. Man war dort sehr
froh, dass meine positiven Eindrücke dem Bild entsprachen, das
man sich am grünen Tisch gemacht hatte. Der für Afrika zuständige
stellvertretende Abteilungsleiter führte mich gleich zu Hermann
Axen, dem für die Außenpolitik zuständigen Politbüromitglied,
der noch über dem Außenminister rangierte. Das geschah wahrscheinlich
in der Hoffnung, dass ich auch ihn entsprechend beeinflussen könne.
Doch Axen verfocht die sowjetische Linie, ausschließlich auf Addis
Abeba zu setzen. Wahrscheinlich konnte er auch nicht anders. Dr. Willerding,
der für die dritte Welt zuständige stellvertretende Außenminister,
mit dem ich seit den Lamberz-Reisen einen guten Faden spann, teilte
dagegen völlig meine Meinung. Doch es gab keine Lösung.
Inzwischen
hat sich nun alles verändert. Unter den Fittichen der eritreischen
Bewegung hatte sich auch im Kernland Äthiopiens eine bewaffnete
Front gebildet, die dann schließlich Mengistu Haile Mariam stürzte.
Nach einer Volksbefragung erklärte Eritrea seine Unabhängigkeit.
Doch die einst befreundeten Bewegungen wurden zu Feinden, und es kam
um die Jahrhundertwende zu einem absolut sinnlosen Krieg zwischen Äthiopien
und Eritrea. Das tut einem besonders weh, wenn man durch eine so ungewöhnliche
Reise diesen Menschen besonders verbunden ist. |
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