Autopanne in Kairo

 
 

In andere Länder zu reisen, könnte man angesichts der Reisebeschränkungen für die Masse der DDR-Bürger sicher als ein Privileg bezeichnen. Aber es gehörte nun mal zu meiner Berufsarbeit. Außerdem waren es gar nicht so wenige, die ins Ausland kamen, nicht nur Diplomaten und Außenhändler. Allein für Tansania kamen im Laufe der Jahre weit über hundert Experten zusammen, vor allem Lehrer. Es gab viele Ärzte, Monteure und andere Fachleute im Ausland. In Addis Abeba wohnten in meinem Hotel Kfz- Mechaniker aus Ludwigsfelde, welche die Garantiedurchsichten für die von uns gelieferten W-50-Lastwagten durchführten.

Leider habe ich kein Tagebuch geführt, aus dem ich alles herleiten könnte. Ich kann hier nur mein Gedächtnis strapazieren. Über alles zu berichten, wäre ohnehin zu viel. Ich will deshalb nur einiges herausgreifen, womit sich besondere Umstände verbinden.

Nach Syrien reiste ich für einige Tage im Gefolge des Volkskammerpräsidenten Horst Sindermann. Die zu Syrien gehörenden Golan-Höhen sind noch immer von Israel okkupiert. An der Demarkationslinie stehen UNO-Soldaten. Wir fuhren in die einst blühende Stadt Kuneitra, die sich genau an dieser Linie befindet. Es stand dort kein Stein mehr auf dem anderen. Israelisches Militär hatte vor dem Abzug alles dem Erdboden gleich gemacht. Es war ein Anblick, den ich nie vergessen werde. Die syrische Regierung rührt keine Hand für einen Wiederaufbau. Kuneitra soll als ein Mahnmal so stehen bleiben. einen Wiederaufbau. Kuneitra soll als ein Mahnmal so stehen bleiben. In Libyen war ich mit Werner Lamberz – wie bereits gesagt, vor dessen Hubschrauber-Absturz. Libyens Staatschef Ghaddafi ist immer wieder gut für furchteinflößende Schlagzeilen und für alle möglichen Überraschungen. Einem ausländischen Journalisten, der ihn interviewen wollte, drückte er den Koran in die Hand: "Hier haben Sie die Antwort auf alle Ihre Fragen". Das war’s. Natürlich möchte ich nicht von Ghaddafi regiert werden. Aber auf der anderen Seite habe ich in keinem anderen arabischen Land so viele soziale Fortschritte für die Bevölkerung erlebt. Die Ölmillionen werden nicht für Prunkbauten verwendet. Stattdessen gibt es einen hervorragenden Wohnungsbau mit niedrigen Mieten. Gesundheits- und Schulwesen sind vorbildlich für die gesamte arabische Welt. Was freilich bei einer Bevölkerungszahl von nicht viel mehr als zwei Millionen auch leichter erreichbar ist. Und was einen Reisenden auch überrascht: Mit den Taxifahrern muss man nicht feilschen. Sie nennen gleich den korrekten Preis.

In Kairo unterhielten wir unser Nahost-Büro mit einem ständigen Korrespondenten. In den siebziger Jahren gab es jedoch Ablösungsprobleme. Der vorgesehene neue Korrespondent, der die Funktion übernehmen sollte, konnte plötzlich nicht, der alte war nicht bereit, seinen Aufenthalt nochmals zu verlängern, und ein neuer Kandidat musste erst vorbereitet werden. Also beschlossen wir eine Ablösung auf Stottern durch verschiedene Kollegen für jeweils sechs Wochen. Das war nicht nur nötig, weil wir auf Berichte aus Nahost nicht verzichten konnten. Unser Büro hatten wir schon zur Zeit des ersten Präsidenten Gamal Abdul Nasser gemietet, mit den damals sehr günstigen Bedingungen, von denen der Hausbesitzer aber juristisch nicht herunter konnte. Jetzt würde die Miete mehr als das Zehnfache kosten, und deshalb konnten wir die Räume nicht unbesetzt lassen.

Ich hatte Kairo bis dahin nur von Kurzaufenthalten vor dem Weiterflug nach Afrika kennen gelernt. Jetzt konnte ich nun in aller Ruhe das Leben in dieser so quirligen Metropole genießen, auch die Mentalität ihrer Bewohner erfahren. Ich will dafür nur eine Episode herausgreifen, die mir sehr typisch zu sein scheint.

Nach den sechs Wochen hatte ich meinen Nachfolger vom Flugplatz abgeholt. Er war noch nie im Orient gewesen und wollte gern Abenteuer erleben, wie er mir sagte. Das konnte er gleich am ersten Tage haben. Ich machte mit ihm eine Stadtrundfahrt, um ihm Kairo zu zeigen. Plötzlich, es war etwas außerhalb, quittierte unser Auto den Dienst. Es war ein uralter FIAT, bei dem die Kupplung im Eimer war, wie ich vermutete. Das dringend nötige neue Auto sollte erst beim Einsatz des endgültigen Korrespondenten gekauft werden.

Ich erklärte meinem Nachfolger, dass wir uns sicher auf die arabische Hilfsbereitschaft verlassen könnten. Aber wahrscheinlich erst nach einiger Zeit. Denn es war der Fastenmonat Ramadan, und zu allem Überfluss noch die Zeit der Abenddämmerung, in der jeder nach Hause eilte, um wieder essen zu können. Doch schon nach wenigen Minuten hielt ein Auto. Ein in das Problem. In seiner Straße gebe es eine Autowerkstatt, der Besitzer sei ein guter Freund von ihm. Er schlage vor, dass einer von uns mitkomme, und der andere beim Auto bleibt. Der Werkstattchef besorgte in der Umgebung einen Abschleppwagen, wobei das die einzige unangenehme Ausnahme in diesem Kapitel blieb: Der Besitzer des Abschleppwagens verlangte unverschämte 30 Pfund für seinen Dienst. Ich sagte das in solchen Fällen übliche "Much mafisch" (er habe kein Gehirn), und mit Hilfe des Werkstattchefs halbierten wir auf 15 Pfund. Mein Nachfolger hatte sich übrigens in der Zeit, in der er beim Auto blieb, vor weiteren Hilfsangeboten kaum retten können. Es war wirklich die Kupplung. Die Werkstatt hatte keine vorrätig. In der Strasse gebe es zwar einen Ersatzteilladen. Aber der Eigentümer wohne nicht hier, sonst hätte man die Reparatur gleich ausgeführt.

Es war inzwischen nach zehn Uhr abends. Ich fragte meinen Helfer, er habe doch sicher den ganzen Tag gefastet und müsse nun endlich essen. Das schon, sagte er. Aber er sei ein strenggläubiger Moslem und er werde erst dann nach Hause gehen, wenn er sich absolut sicher sei, dass mit uns alles in Ordnung ist. Er hielt mir einen langen Vortrag über den Islam. Ich konnte ihm nur antworten, dass ich ja seiner Religion nicht angehöre, aber in diesen Stunden sehr viel gelernt habe.

Ein Taxifahrer brachte uns nach Hause und holte uns am nächsten Tag wieder ab, weil ich den Weg nicht kannte. So wenig hatte ich übrigens in Kairo noch nie für ein Taxi bezahlt. Das Auto war inzwischen zu einem sehr fairen Preis repariert. Nun gab es aber ein Problem: Wie sollte ich aus dieser mir völlig unbekannten Gegend wieder nach Hause finden, zumal ich nicht einmal den Kairoer Fernsehturm sah, der mir sonst immer als Orientierung diente? Ganz einfach, sagte der Taxifahrer. Er werde vor mir herfahren, und sobald ich mich orientieren könne, solle ich hupen. So geschah es, wir winkten uns zu, und ein großartiges Kapitel arabischer Hilfsbereitschaft fand sein Ende.

 
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