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Zwei
Reisen in den Iran blieben auch fest in meiner Erinnerung, weil sie
unterschiedlicher nicht sein konnten – das eine mal mit dem Schah,
das andere mal nach dessen Sturz mit den Ayatollahs.
Nach
dem Tode Walter Ulbrichts 1973 wollte dessen Nachfolger Erich Honecker
auch optisch andere Zeichen setzen. Er begnügte sich zunächst
mit dem Amt des Generalsekretärs der Partei. Vorsitzender des Staatsrats
wurde Willi Stoph, und dessen Funktion als Vorsitzender des Ministerrats
übernahm Horst Sindermann. Das blieb nicht lange so. Honecker übernahm
auch den Staatsrat, Stoph rutschte zurück auf den Ministerratsvorsitz,
und Sindermann wurde Volkskammerpräsident.
In
seiner kurzen Zeit als Regierungschef stattete Horst Sindermann dem
Iran einen offiziellen Besuch ab. Das war ein großer Erfolg. Zum
einen, weil Sindermann ein ausgesprochener Vollblutpolitiker war, der
mit seiner offenen und unkonventionellen Art auch auf andere sehr gewinnend
wirkte. Zum anderen, weil die Umstände sehr günstig waren.
Es begann schon damit, dass kurz zuvor BRD-Kanzler Schmidt in Teheran
war, aber nicht direkt, sondern nur auf dem Rückweg aus Indien.
Das nahmen ihm die prestigebewussten Iraner übel. Ein protokollarischer
Ausdruck dafür war zum Beispiel, dass die westdeutschen Journalisten
bei Schmidts Visite nicht mit zum Schah in den Palast durften, wir aber
bei dem Sindermann-Empfang.
Der
Schah wollte den Ölreichtum dafür nutzen, den Iran in ein
wirtschaftlich hoch entwickeltes Land für die Zeit nach dem Öl
auszubauen. Dafür betrieb er seine "Revolution des Schah und
des Volkes". Das hieß, dass die Großgrundbesitzer große
Teile ihrer Ländereien an arme Bauern verkaufen sollten, die dafür
staatliche Anleihen bekamen. Mit dem Kapital sollten die Grundbesitzer
dann Industrielle werden, so dass aus dem Adel eine Kapitalistenklasse
geworden wäre.
Das
Thälmann-Kombinat in Magdeburg hatte in der Nähe von Isfahan
bereits ein Walzwerk gebaut, mit dem man sehr zufrieden war, so dass
für die DDR weitere attraktive Aufträge lockten. Außenpolitisch
sollte das Land eine regionale Großmacht im Mittleren Osten werden.
Das hieß zwar enge Bindung an die USA, aber um politischen Spielraum
zu erhalten, auch eine Öffnung in anderer
Richtung. Aus iranischer Sicht war die DDR dafür ein günstiger
Partner. Sie war "kommunistisch", aber auch "deutsch",
was aus alter Tradition und hinsichtlich technischer Leistungsfähigkeit
einen guten Klang hatte. Wie real solche Überlegungen waren, wird
schon dadurch unterstrichen, dass der Schah der DDR einen offiziellen
Besuch abstatten wollte. Die Vorbereitungen dafür, einschließlich
Termin und offizielle Ankündigung, waren bereits erfolgt. Im "Neuen
Deutschland" war schon das vor offiziellen Staatsbesuchen übliche
Interview mit dem Schah erschienen.
Die
wachsenden Unruhen im Lande, die später zum Sturz des Schahs führten,
ließen den Besuch allerdings in letzter Minute platzen. Wir Journalisten
witzelten damals, die DDR-Staatssicherheit hätte wegen der nun
gegenstandslos gewordenen Sicherheitsprobleme Freudentänze aufgeführt,
während die für die Devisenwirtschaft zuständige Außenhandelsbank
halbmast flaggte. Als wir Journalisten in Teheran dem Schah im Empfangssalon
gegenüber standen, wurde mir bewusst, dass dies bereits der dritte
Kaiser war, den ich leibhaftig gesehen hatte. Zuvor waren es Äthiopiens
Haile Selassi gewesen sowie Bokassa, der kurzlebige Kaiser des Zentralafrikanischen
Kaiserreichs. Bis auf den japanischen hatte ich damit sämtliche
Kaiser erlebt, die es zu meinen Lebzeiten gegeben hat. Man darf doch
wohl auch einen solchen etwas abwegigen Gedanken anstellen.
Mein
zweiter Iran-Besuch fand dann wesentlich später 1988 statt, als
schon lange die shiitischen Ayatollas ihren "Gottesstaat"
beherrschten. Diesmal war es der DDR-CDU-Vorsitzende Gerald Götting,
der in seiner Eigenschaft als stellvertretender Vorsitzender des Staatsrates
einen offiziellen Besuch abstattete. Noch während des Flugs gab
es eine angenehme Überraschung: Mich hatte bei früheren Flügen
mit der Regierungsstaffel immer aufgeregt, dass es vom Frühstück
bis zum Bier alles Westprodukte waren, die an Bord serviert wurden.
Als ob es kein gutes DDR-Bier gegeben hätte! Diesmal war alles
Ost, und natürlich um kein Jota schlechter. War man endlich vernünftiger
geworden? Nein. Im Sommer 1989 machte ich meinen letzten Regierungsstaffelflug,
mit Werner Krolikowski zum FRELIMO-Parteitag nach Mocambique, und da
gab es wieder nur Westprodukte. Des Rätsels Lösung: Gerald
Götting war kein Politbüromitglied, und da stand ihm diese
"gehobene" Verpflegung nicht zu.
Vor
diesem zweiten Iran-Besuch war ich mir ziemlich unsicher. Sonst hatte
ich mir immer bestimmte Vorstellungen von dem betreffenden Land gemacht,
und das
traf dann im Großen und Ganzen auch zu. Aber ein Land in den Händen
fanatischer islamischer Geistlicher, die allem den Kampf ansagten, was
wir unter Fortschritt verstanden – würde ich ins Mittelalter
reisen?
Es
gab ja ein striktes Alkoholverbot. Aber ich wollte auf mein Bier für
die Bettschwere nicht verzichten. Da wir als Staatsdelegation nicht
durch den Zoll mussten, nahm ich mir für jeden Tag eine Flasche
mit. Das wäre nicht nötig gewesen, sagten unsere Botschaftsleute.
Sie brauten zu Hause selbst Bier, unter anderem mit Bio-Malz aus der
Apotheke, und es schmeckte nicht schlecht. Es gab auch einen guten Schnaps.
In Teheran gibt es in einem Stadtviertel eine armenische Minderheit,
die ihn für sich herstellt. Das war dem Regime bekannt, wurde aber
toleriert, wenn er unter den Armeniern blieb. Doch unsere Botschaft
hatte einen guten Draht.
Es
war also nicht ganz so schlimm, wie ich gedacht hatte. In der Hotelhalle
sah ich hübsche Iranerinnen. Sie trugen den obligatorischen Tschador,
einen schwarzen Umhang, der auch das Haar bedeckte. (Die Frauen unserer
Diplomaten mussten das auch tragen, wenn sie es auch mit einem dezenten
Blau und einem etwas modischeren Schnitt taten.) Die Iranerinnen waren
geschminkt und unter dem Tschador trugen sie Jeans.
Als
wir durch die Straßen Teherans bummelten und mit Leuten ins Gespräch
kamen, gab es keinerlei Fremdenfeindlichkeit, wie ich befürchtet
hatte, sondern viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Teheran ist
eine ziemlich hässliche Stadt ohne architektonische Reize. Ganz
anders ist es in Isfahan, wo wir schon mit Sindermann waren und jetzt
auch mit Götting hinflogen. Der von Schah Abbas im 17. Jahrhundert
angelegte Königsplatz, der Garten der Vierzig Säulen, die
blaue Schah-Moschee mit ihren brillanten Fayence-Flächen ist eine
Einmaligkeit. Isfahan sei die Hälfte der Welt, sagten die alten
Perser. Wir wurden vom Provinzgouverneur empfangen. Das war alles andere
als ein religiöser Würdenträger. Es war ein ausgesprochener
"Macher", der uns voller Besessenheit erzählte, welche
Projekte der Entwicklung man betreibe, welche Probleme es dabei gibt,
und der auch mit kritischen Bemerkungen zur Regierung in Teheran nicht
sparte.
Es
war also keine Reise ins Mittelalter. Die Macht der Ayatollas ist überall
spürbar und überzieht das Land mit einem Schleier. Aber darunter
gibt es überall normales Leben, das sich gewiss mehr und mehr durchsetzen
wird. |
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