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Als
ich 1959 nach Bagdad kam, begann gerade der Fastenmonat Ramadan. Ich
wollte nicht anecken und rauchte nicht auf der Straße -bis ich
merkte, daß ich der einzige war. Wenn das Nationalgetränk
Arrak getrunken wurde – ein Anisschnaps ähnlich dem griechischen
Ouzo oder dem bulgarischen Mastika – und ich auf das Alkokaholverbot
im Koran verwies, kam die lächelnde Antwort, das sei doch Medizin.
Auch anderen Religionen gegenüber bestand diese liberale Haltung.
Selbst in der schlimmsten Zeit Saddam Husseins gab es in der Stadt Bagdad
57 Kirchen, größtenteils katholische, die ungehindert agieren
konnten. Dagegen wäre es im benachbarten Saudi-Arabien, bei dem
die USA kaum Menschenrechte einklagen, schon ein todeswürdiges
Verbrechen, einen christlichen Gottesdienst abzuhalten.
Diese in der arabischen Welt ungewöhnliche Trennung zwischen Staat
und Religion wird warscheinlich so nicht bleiben. Auch schon vor Saddam
Hussein herrschten im Irak immer die Sunniten, während die religiös
viel fundamentalistischeren Shiiten zwar die Bevölkerungsmehrheit
stellten, aber ohne politischen Einfluß blieben. Das hat sich
nach dem amerikanischen Überfall bereits verändert und wird
sich wahrscheinlich noch weiter verschärfen. Schon jetzt ist der
Süden des Landes weitgehend fundamentalistisch. Ein Moslem würde
sagen, nur Allah weiß, wie sich das noch auswirken kann.
Jetzt, im Herbst 2004, durchlebt der Irak das schlimmste Kapitel seiner
Geschichte. Noch nie gab ea so viele Hingemordete, noch nie ist das
Land in seiner Entwicklung so weit zurückgeworfen worden. Auch
wenn man einige Zeit dort gelebt hat und viele seiner Menschen kennt,
bleiben die Ereignisse sehr zwiespältig.
Auf
der einen Seite ist es verständlich, daß viele gegen das
Okkupationsregime bewaffneten Widerstand leisten. Ob Saddam-Hussein-Anhänger
oder nicht - die Iraker haben ein hoch entwickeltes Ehrgefühl,
das genauso wie die religiösen Gefühle immer wieder mit Füßen
getreten wird. Hinzu kommt, daß dort immer schon alles mit viel
größerer Schärfe genommen wurde als in anderen arabischen
Ländern. Mitunter sprach man von den Preußen unter den Arabern.
Auf der anderen Seite befremdet, wie sich dieser blutige Widerstand
immer stärker auch gegen die eigenen Landsleute richtet, selbst
gegen Frauen und Kinder.
Dennoch: Das alles wäre nicht geschehen, hätten die USA mit
ihrer Lüge von den Massenvernichtungswaffen das Land nicht mit
diesem Krieg überzogen. Wenn Saddam Hussein auch zu allen Teufeln
zu wünschen war - er war nicht der einzige Diktator in dieser Welt.
Andere, wie Chiles Pinochet, wurden von den USA erst in den Sattel gehoben.
Mit dem Irak war ich emotional sehr verbunden, weil es mein erster Auslandsaufenthalt
war. Was ist bloß daraus geworden!
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