| |
Ich
war zwischendurch schon einmal wieder in Bagdad gewesen, bei einer der
Lamberz-Reisen. Wegen der zulässigen Flugstunden für den Piloten
mussten wir dort übernachten, und die Botschaft veranstaltete mit
uns am nächsten Vormittag eine Stadtrundfahrt. Trotz des riesigen
Ölreichtums hatte sich am äußeren Bild der Stadt wenig
verändert. Es gab keinen Prunk, keine Prachtbauten. Dafür
hatte sich das Leben der Bevölkerung beträchtlich verbessert,
auch Gesundheits- und Bildungswesen waren geradezu vorbildlich. Schon
beim Landeanflug waren mir große Bewässerungsanlagen aufgefallen,
die es vorher nicht gegeben hatte.
Der
nächste Besuch fand während des irakisch-iranischen Krieges
statt. Der Irak hatte diesen Krieg in der Hoffnung begonnen, durch den
Sturz des Schah-Regimes sei der Iran so geschwächt, dass man jetzt
seine Ziele durchsetzen könne. Diese Rechnung schien am Anfang
auch aufzugehen. Doch dann wendete sich das Blatt. Die iranische Armee
schlug zurück, und man stand sich wieder wie am Anfang am Shatt-el-Arab
gegenüber. In dieser Situation startete die irakische Regierung
eine Propaganda-Offensive und lud Journalisten aus verschiedenen Ländern
ein. Anlass dafür waren Autonomiewahlen, die im irakischen Kurdistan
stattfanden, was höchstwahrscheinlich eine sehr manipulierte Aktion
war.
Jetzt
überraschte mich der totale Wandel in jeder Hinsicht. Schon der
neue Flugplatz war eine genaue Kopie des Pariser Charles-de-Gaulle-Airports,
in dieser gigantischen Größe natürlich völlig untergenutzt.
In der Stadt ein aus dem Boden gestampftes System von Schnell- und Hochstraßen
sowie Unterführungen. Nach dem Verkehrschaos, wie ich es in Erinnerung
hatte, war das jetzt ein geradezu preußisch reglementierter Verkehr.
Mir blieb ein Rätsel, wie man das durchgesetzt hatte. Unser Haus,
in dem wir gewohnt hatten, gab es nicht mehr. Das ganze Viertel war
jetzt hermetisch abgeriegelt, weil es als Saddam-Hussein-Residenz diente.
Wir wurden von einem Palast zum anderen gefahren. Wie man mir erzählte,
sei der DDR ein Nachbau des Berliner Palastes der Republik angetragen
worden. Möglicherweise hätte das die devisengeile DDR sogar
getan. Aber es scheiterte schon an dem zu kurzen Termin.
Als
nächstes Ziel nannte man uns des Mahnmal des Unbekannten Soldaten.
Das
kannte ich. Es war ein sehr würdevoll gestalteter Bogen über
einem Platz mit einer ewigen Flamme darunter. Doch als wir dort vorbei
kamen, war es verschwunden Als wir weiterfuhren, erblickte ich in riesiger
Größe eine Art überdachtes Olympiastadion. Wollte sich
Bagdad etwa für die Olympiade bewerben? Doch es war das neue Mahnmal.
Ein kitschiger Bau mit viel Marmor und aufwendigen Wasserspielen. Im
unteren Geschoss befand sich eine Art Saddam-Hussein-Museum. Da war
die alte Erika-Schreibmaschine, mit der er einst seine Pamphlete geschrieben
hatte. Dazu Ehrengeschenke von überall her. Darunter auch eins
von der Nationalen Volksarmee der DDR. Ein NVA-Panzer auf einem Holzsockel.
Als
wir schließlich Babylon besuchten, kam ein Anruf: Es sei ein großartiger
militärischer Sieg errungen worden. Wir sollten sofort zurückkehren,
um uns selbst davon zu überzeugen. Mit Armeehubschraubern wurden
wir dann zur Front geflogen. Es war genau östlich von Bagdad. Fünf
Orte seien erobert, sagte man uns, ein weiterer sei eingeschlossen.
Auf meiner Landkarte fand ich nur den eingeschlossenen, ein kleines
Dorf. Ich bin kein Militärexperte. Aber hinter der iranischen Grenze,
die man überschritten hatte, befanden sich noch etwa 15 Kilometer
Wüste. Dann erhob sich plötzlich ein steil aufragendes Gebirgsmassiv.
Mein laienhafter Verstand sagte mir, dass es doch sinnlos sei, diese
Wüste zu erobern, wenn man nicht gleichzeitig in das Massiv vordringen
würde. Denn da läge man regelrecht auf dem Präsentierteller.
So war es auch. Wenige Tage nach unserer Abreise hatten die Iraner dieses
Stück Wüste zurück erobert. Ich weiß nicht, wie
viele Tote das gekostet hat. Aber dieser Operettenkrieg war offenbar
nur für uns Journalisten inszeniert, weil man eine Erfolgsmeldung
brauchte. Entsetzlich.
Auch
der Alltag in Bagdad hatte sich total verändert. Früher gehörte
es zum typischen Bild, dass in den vielen Straßencafes die Männer
beim Kaffee saßen und über Gott und die Welt debattierten.
"Abu Gachwa" nannte man sie, Vater des Kaffees, eine irakische
Abart des Spießbürgers. Wenn man jetzt mit jemandem ein Gespräch
führte und einen politischen Gegenstand anrührte, wechselte
er sofort das Thema oder man hörte ein Saddam-Hussein-Statement
im Miniformat. |
|