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Meinen
Besuch in Afghanistan habe ich in geradezu gespenstischer Erinnerung.
Als dort noch sowjetische Truppen waren, hatte die DDR als Solidaritätsgeschenk
eine Druckerei gebaut. Zu deren Einweihung flog ich mit einer Soli-Maschine
nach Kabul. Das Land erschien mir in zwei total gegensätzlichen
Welten zu leben. Unsere Gastgeber, die führenden Vertreter der
regierenden Demokratischen Volkspartei, wie auch andere Intellektuelle
machten den Eindruck von Menschen unseres Schlages. Ich hatte auch großen
Respekt, weil sie sich redlich mühten, die Lebensverhältnisse
der Menschen zu verbessern, vor allem das Bildungswesen zu entwickeln.
Dem diente auch unsere Druckerei.
Doch
das war eine verschwindende Minderheit. Die Masse des Volkes lebte im
tiefsten Mittelalter, wie ich es so bisher in keinem anderen islamischen
Land erlebt hatte. Die Häuser am Rande von Kabul waren von hohen
Lehmmauern umgeben, weil dort Wegelagerei und Blutrache noch zum normalen
Alltag gehörten. Mir lief es kalt den Rücken herunter, als
man uns in unserer Botschaft sagte, wir sollten am besten überhaupt
nicht auf die Straße gehen. Und wenn, dann nie allein, sondern
immer in einer möglichst großen Gruppe. Auf keinen Fall sollten
wir in ein bestimmtes Viertel gehen, und schon gar nicht in eine gewisse
Straße. Dann sollten wir immer laut deutsch reden, damit man uns
nicht für Russen hält.
Und
hier gab es eine in sozialistischer Richtung gehende Revolution? Als
uns das für die Ideologie zuständige Mitglied des Politbüros
empfing, fragte ich ihn, wie man denn unter diesen Bedingungen politische
Arbeit leiste? In Afghanistan sei Blutrache noch etwas völlig Normales,
sagte er als Beispiel. Diese Blutrache müsse man aber nicht unbedingt
selbst ausführen. Man könne auch jemanden dafür gewinnen,
der dann zum Blutsbruder wird. Wir sagen den Leuten, fuhr er fort, dass
wir uns in Blutrache mit den USA befinden und dass nun die Sowjetunion
zu unserem Blutsbruder geworden ist. Nein, das war für mich wirklich
nicht fassbar.
Ich
hatte mich immer gewundert, warum unser Korrespondent in Neu Delhi,
den wir gelegentlich nach Afghanistan geschickt hatten, so farblose
und wenig überzeugende Beiträge geliefert hatte. Jetzt war
mir das klar. Es war eine
schlimme Verantwortungslosigkeit gewesen, in diesem Land eine Revolution
auszulösen. Da die Schicht der Gebildeten sehr klein war, und diese
zum großen Teil links standen, war die Demokratische Volkspartei
sehr stark auch im Offizierskorps der Armee vertreten. Dadurch war es
überhaupt kein Problem, eines Tages die Panzer in Marsch zu setzen.
Doch das war doch keine Revolution! Auch solche eigentlich sehr dringenden
Probleme wie eine Bodenreform waren nicht im Volk verwurzelt, weil sie
den Traditionen des Islam widersprachen. Die Revolutionäre blieben
ein Fremdkörper. Dass dann noch die Sowjetunion die Lage total
verkannte und dieses totgeborene Kind mit militärischer Gewalt
am Leben halten wollte, hat die Situation noch verschlimmert. Wahrscheinlich
trug das auch zu ihrem eigenen Zusammenbruch bei. |
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