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Wiedersehen mit Mocambique

Nach der Unabhängigkeit bin ich noch einige Male in Mocambique gewesen. Was mich zunächst begeisterte, war der Enthusiasmus, mit dem die FRELIMO überall ans Werk ging. Bei einer Analphabetenrate von über 90 Prozent entstanden überall Schulen. Auch die wirtschaftliche Entwicklung machte Fortschritte, wozu auch die DDR spürbar beitrug. In Maputo wurde ein einfaches Radio aus der DDR nachgebaut. Ein Textilkombinat entstand, es gab sogar das Projekt, den W-50-Lastwagen aus Ludwigsfelde in Mocambique zu montieren und auch die Einzelteilfertigung nach und nach ins Land zu verlegen.

Dabei waren die ersten Schritte äußerst mühevoll. Afrikaner waren in der Kolonialzeit völlig an den Rand gedrängt. Taxifahrer, Verkäufer in den Geschäften, Kellner in den Restaurants – das waren alles Weiße, als ich unmittelbar nach dem Ende des Kolonialismus ins Land kam. Als ich ein Kraftwerk besuchte, gab es dort eine alte und eine größere moderne Turbine. Mit der alten konnten die Afrikaner umgehen. Die neue stand still, weil die Portugiesen, die sie handhaben konnten, gegangen waren. Ich war beim Chef der mocambiquanischen Eisenbahn und stellte ihm die einfallslose Journalistenfrage, worin bei ihm die größte Errungenschaft bestehe. Ohne einen Augenblick zu überlegen, sagte er, die bestehe darin, dass es keinen einzigen Tag gab, an dem die Bahn nicht gefahren sei. Denn Lokführer
und anderes technisches Personal  
waren ja vorher nur Weiße gewesen.Zu den wenigen Bodenschätzen des Landes gehörte Steinkohle, die für die DDR sehr reizvoll war, weil bei uns trotz der Lieferungen aus Polen daran Mangel herrschte. Da geschah eine schlimme Katastrophe. Bei einer Explosion in einer Grube im Steinkohlenrevier von Moatize, etwa 400 Kilometer im Landesinneren, waren über hundert Bergleute ums Leben gekommen. Eine Kommission von Experten aus der DDR kam zu dem Schluss, dass sich eine solche Katastrophe jederzeit wiederholen könnte, weil die Sicherheitsbedingen aus der Kolonialzeit unvorstellbar waren. Nun sprang die DDR mit einem riesigen Aufwand ein. Aus der DDR kamen Bergleute.
Eine der letzten Amtshandlungen der
Protokollabteilung des Ministerrats: Die Verleihung des mocambiquanischen Ordens "Internationa-listischer Kämpfer"

Zur Großansicht der Dokumente zum Orden bitte auf das jeweilige Bild klicken

Mocambiquaner wurden bei uns ausgebildet. Im stillgelegten Zwickauer Revier wurde sogar ein Teilbereich wieder aktiviert, um Ausbildungsmöglichkeiten zu schaffen.

In Moatize war das ein Bergbau, wie ich ihn noch nie erlebt hatte Die Lagerstätten waren nicht allzu tief, so dass es ein Grenzfall zwischen Grube oder Tagebau war. Deshalb hatte man die Stollen schräg in den Boden getrieben. Man fuhr also nicht ein, sondern stieg auf Leitern schräg herab.

 
 

Die Kohle wurde dann auf Förderbändern ebenso schräg nach außen gebracht. Um selbst herauszukommen, setzte man sich einfach mit auf das Band. Ich habe unsere Bergleute wirklich bewundert, die unter solchen harten Bedingungen mit ihren afrikanischen Kumpeln arbeiten mussten.

Freilich stand darüber kein guter Stern. Es herrschte Bürgerkrieg mit der zunächst von Südrhodesien und dann von Südafrika unterstützten RENAMO. Die Banditen hatten eine Eisenbahnbrücke und an mehreren Stellen auch die Gleise gesprengt, so dass der Abtransport der Kohle zum Hafen unterbunden war. Nur ein geringer Teil konnte per LKW ins benachbarte Malawi exportiert werden. Der Abbau wurde deshalb in der Zeit meines Besuchs auf die Menge reduziert, die nötig war, um die Grube am Leben zu halten.

Als ich in der Provinzhauptstadt Tete angekommen war, hatte mich auf dem Flugplatz eine junge Frau von der Informationsabteilung der Provinz empfangen. Sie war froh, dass ich gleich mit den Bergleuten weiterfuhr, sie also keine Probleme mit mir hatte. Doch ich sagte ihr, der Provinzgouverneur sei ein alter Freund von mir. Sie solle ihn bitte grüßen, und ich würde mich freuen, wenn er vielleicht eine halbe Stunde Zeit für mich hätte. Der Gouverneur hatte in Ilmenau Elektro-Technik studiert und war der Vorsitzende der Gruppe der mocambiquanischen Studenten in der DDR gewesen. Mit anderen Mocambiquanern hatte er bei uns zu Hause auf dem Sofa gesessen.

Nun passierte zunächst gar nichts. Doch am letzten Tage meines Aufenthalts war plötzlich Aufruhr. Die Sicherheit raste mit Blaulicht und Tatütata durch Moatize. Sie suchte den Journalisten aus der DDR. Der Gouverneur habe mich zum Abendessen eingeladen, und sie sollten mich hinbringen. Nach einer Stunde Autofahrt mit Blaulicht standen wir dann in Tete vor dem alten Palast des portugiesischen Gouverneurs. Es öffnete der Butler des alten Gouverneurs in seiner Livree. Seine Exzellenz sei noch unterwegs. Ich möchte bitte inzwischen in der Empfangshalle Platz nehmen. Und nun fiel ich von einer Enttäuschung
in die andere.

In Mocambique herrschte zu dieser Zeit nach Überschwemmungen und einer Dürre eine entsetzliche Hungersnot mit vielen Toten. Doch der Butler kam mit einem Servierwagen, auf dem ich u.a. zwischen fünf Sorten Whisky und vielem anderen auswählen konnte. In den Regalen stand japanische Unterhaltungselektronik vom Feinsten, alles sogar in mehreren Exemplaren.

Schließlich kam mein alter Kumpel. Am Esstisch saßen nach afrikanischer Sitte noch eine Reihe von Verwandten. Wer am Ruder ist, lässt auch die Verwandtschaft teilhaben. Auf dem Tisch stand unter anderem ein riesiger Berg gegrillter Garnelen. Die mocambiquanischen Garnelen sind ob ihrer besonderen Qualität weithin berühmt. Doch man bekam sie jetzt kaum noch an der Küste, weil alles exportiert wurde. Und nun hier, 400 Kilometer im Landesinneren? Er mache sich eigentlich gar nichts daraus, sagte er, aber wisse, dass ich so versessen darauf sei. Deshalb habe er sie einfliegen lassen: "Es gibt auch eine Solidarität der Gouverneure." Er empfand offenbar, was in meinem Kopf vorging. Ich solle ja nicht glauben, dass sie immer so essen. Das sei nur geschehen, weil ich gekommen bin. Da hatte ich meine Zweifel. Die Zeitwar offenbar vorbei, in der die FRELIMO noch versucht hatte, nach ihren alten Idealen zu leben.

Leider musste ich das häufiger erleben. Als ich das letzte Mal einen Kongress der FRELIMO besuchte, auch in der Zeit der Hungersnot, musste ich sehen, wie Dutzende der alten Buschkämpfer jeder einzeln in ihrer Mercedes-Limousine vorgefahren wurden. Der Präsident der Volkskammer, Horst Sindermann, war bei seinem Mocambique-Besuch vom Präsidenten der Nationalversammlung, Marcelino dos Santos, auch einem alten Freund von mir, in dessen Privatwohnung eingeladen worden. Sindermann war davon sehr unangenehm berührt. Er erzählte mir, mit welchem neureichen Protz dort alles eingerichtet war. So hingen zum Beispiel statt eines Elefantenzahns gleich fünf an der Wand.

Sicher ist verständlich, wie sehr mein Herz gerade an Mocambique hängt. Deshalb machen mir solche Veränderungen emotionell sehr zu schaffen. Gerechterweise muss man aber auch sehen, dass sich die Erinnerungen an die Zeit im Busch nicht jahrzehntelang romantisch verklären lassen. Und es macht sicher auch wenig Sinn, nach den sozialistischen Idealen zu fragen, die noch in der Zeit des bewaffneten Befreiungskampfes bestanden hatten. Wenn diese Idee hier bei uns in Europa zunächst fehlgeschlagen ist, warum soll sie dann ausgerechnet im fernen Afrika funktionieren?
Auf der anderen Seite gibt es aber auch bessere Nachrichten. Nach dem Ende des verheerenden Bürgerkriegs mit der vom rassistischen Südafrika unterstützten RENAMO gibt es wieder eine beachtliche wirtschaftliche Entwicklung, die das Land an einen der guten Plätze in Afrika bringt. Inzwischen ist es schon nahezu schuldenfrei. Je nachdem, wie agil die örtlichen Funktionäre sind, kommt auch die FRELIMO ihrer bewährten Tradition nach, die Bevölkerung für gemeinnützige Projekte zu mobilisieren.

Mit Mocambique verbindet mich schließlich noch eine besondere Ehrung. Wegen meiner aktiven Teilnahme am Befreiungskampf hatte man mir den Orden mit dem etwas pathetischen Namen "Internationalistischer Kämpfer" verliehen. Das geschah ziemlich am Ende der DDR. Da es bei uns die Regelung gab, dass ausländische Orden nur mit Zustimmung der DDR-Stellen angenommen werden dürfen, war dieser Akt eine der letzten Amtshandlungen der Protokollabteilung des Ministerrats gewesen.

 

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