Die
Kohle wurde dann auf Förderbändern ebenso schräg nach
außen gebracht. Um selbst herauszukommen, setzte man sich einfach
mit auf das Band. Ich habe unsere Bergleute wirklich bewundert, die
unter solchen harten Bedingungen mit ihren afrikanischen Kumpeln arbeiten
mussten.
Freilich
stand darüber kein guter Stern. Es herrschte Bürgerkrieg mit
der zunächst von Südrhodesien und dann von Südafrika
unterstützten RENAMO. Die Banditen hatten eine Eisenbahnbrücke
und an mehreren Stellen auch die Gleise gesprengt, so dass der Abtransport
der Kohle zum Hafen unterbunden war. Nur ein geringer Teil konnte per
LKW ins benachbarte Malawi exportiert werden. Der Abbau wurde deshalb
in der Zeit meines Besuchs auf die Menge reduziert, die nötig war,
um die Grube am Leben zu halten.
Als
ich in der Provinzhauptstadt Tete angekommen war, hatte mich auf dem
Flugplatz eine junge Frau von der Informationsabteilung der Provinz
empfangen. Sie war froh, dass ich gleich mit den Bergleuten weiterfuhr,
sie also keine Probleme mit mir hatte. Doch ich sagte ihr, der Provinzgouverneur
sei ein alter Freund von mir. Sie solle ihn bitte grüßen,
und ich würde mich freuen, wenn er vielleicht eine halbe Stunde
Zeit für mich hätte. Der Gouverneur hatte in Ilmenau Elektro-Technik
studiert und war der Vorsitzende der Gruppe der mocambiquanischen Studenten
in der DDR gewesen. Mit anderen Mocambiquanern hatte er bei uns zu Hause
auf dem Sofa gesessen.
Nun
passierte zunächst gar nichts. Doch am letzten Tage meines Aufenthalts
war plötzlich Aufruhr. Die Sicherheit raste mit Blaulicht und Tatütata
durch Moatize. Sie suchte den Journalisten aus der DDR. Der Gouverneur
habe mich zum Abendessen eingeladen, und sie sollten mich hinbringen.
Nach einer Stunde Autofahrt mit Blaulicht standen wir dann in Tete vor
dem alten Palast des portugiesischen Gouverneurs. Es öffnete der
Butler des alten Gouverneurs in seiner Livree. Seine Exzellenz sei noch
unterwegs. Ich möchte bitte inzwischen in der Empfangshalle Platz
nehmen. Und nun fiel ich von einer Enttäuschung
in die andere.
In
Mocambique herrschte zu dieser Zeit nach Überschwemmungen und einer
Dürre eine entsetzliche Hungersnot mit vielen Toten. Doch der Butler
kam mit einem Servierwagen, auf dem ich u.a. zwischen fünf Sorten
Whisky und vielem anderen auswählen konnte. In den Regalen stand
japanische Unterhaltungselektronik vom Feinsten, alles sogar in mehreren
Exemplaren.
Schließlich
kam mein alter Kumpel. Am Esstisch saßen nach afrikanischer Sitte
noch eine Reihe von Verwandten. Wer am Ruder ist, lässt auch die
Verwandtschaft teilhaben. Auf dem Tisch stand unter anderem ein riesiger
Berg gegrillter Garnelen. Die mocambiquanischen Garnelen sind ob ihrer
besonderen Qualität weithin berühmt. Doch man bekam sie jetzt
kaum noch an der Küste, weil alles exportiert wurde. Und nun hier,
400 Kilometer im Landesinneren? Er mache sich eigentlich gar nichts
daraus, sagte er, aber wisse, dass ich so versessen darauf sei. Deshalb
habe er sie einfliegen lassen: "Es gibt auch eine Solidarität
der Gouverneure." Er empfand offenbar, was in meinem Kopf vorging.
Ich solle ja nicht glauben, dass sie immer so essen. Das sei nur geschehen,
weil ich gekommen bin. Da hatte ich meine Zweifel. Die Zeitwar offenbar
vorbei, in der die FRELIMO noch versucht hatte, nach ihren alten Idealen
zu leben.
Leider
musste ich das häufiger erleben. Als ich das letzte Mal einen Kongress
der FRELIMO besuchte, auch in der Zeit der Hungersnot, musste ich sehen,
wie Dutzende der alten Buschkämpfer jeder einzeln in ihrer Mercedes-Limousine
vorgefahren wurden. Der Präsident der Volkskammer, Horst Sindermann,
war bei seinem Mocambique-Besuch vom Präsidenten der Nationalversammlung,
Marcelino dos Santos, auch einem alten Freund von mir, in dessen Privatwohnung
eingeladen worden. Sindermann war davon sehr unangenehm berührt.
Er erzählte mir, mit welchem neureichen Protz dort alles eingerichtet
war. So hingen zum Beispiel statt eines Elefantenzahns gleich fünf
an der Wand.
Sicher
ist verständlich, wie sehr mein Herz gerade an Mocambique hängt.
Deshalb machen mir solche Veränderungen emotionell sehr zu schaffen.
Gerechterweise muss man aber auch sehen, dass sich die Erinnerungen
an die Zeit im Busch nicht jahrzehntelang romantisch verklären
lassen. Und es macht sicher auch wenig Sinn, nach den sozialistischen
Idealen zu fragen, die noch in der Zeit des bewaffneten Befreiungskampfes
bestanden hatten. Wenn diese Idee hier bei uns in Europa zunächst
fehlgeschlagen ist, warum soll sie dann ausgerechnet im fernen Afrika
funktionieren?
Auf
der anderen Seite gibt es aber auch bessere Nachrichten. Nach dem Ende
des verheerenden
Bürgerkriegs mit der vom rassistischen Südafrika unterstützten
RENAMO gibt es wieder eine beachtliche wirtschaftliche Entwicklung,
die das Land an einen der guten Plätze in Afrika bringt. Inzwischen
ist es schon nahezu schuldenfrei. Je nachdem, wie agil die örtlichen
Funktionäre sind, kommt auch die FRELIMO ihrer bewährten Tradition
nach, die Bevölkerung für gemeinnützige Projekte zu mobilisieren.
Mit
Mocambique verbindet mich schließlich noch eine besondere Ehrung.
Wegen meiner aktiven Teilnahme am Befreiungskampf hatte man mir den
Orden mit dem etwas pathetischen Namen "Internationalistischer
Kämpfer" verliehen. Das geschah ziemlich am Ende der DDR.
Da es bei uns die Regelung gab, dass ausländische Orden nur mit
Zustimmung der DDR-Stellen angenommen werden dürfen, war dieser
Akt eine der letzten Amtshandlungen der Protokollabteilung des Ministerrats
gewesen.
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