Schattenboxen und Waschmaschine

 
 

Wie lebten die Chinesen? Was ist das für ein Menschenschlag? Das herauszufinden, war natürlich in einer kurzen Korrespondentenreise nicht möglich, noch dazu unter ständiger Betreuung. Ein kaum lösbares Problem war ja auch die sprachliche Verständigung. Aber auch die knappen Streiflichter waren interessant.

Als ich am ersten Abend einen kurzen Bummel längs der Ost-West- Hauptmadrigale in Peking unternahm, musste ich an einem Hutong-Viertel regelrecht Slalom um dort sitzende Chinesen laufen. Die Hutongs sind die traditionellen einstöckigen und von einer Mauer umgebenen Wohnbauten. Weil die Chinesen dort sehr eng leben, mit nur wenigen Quadratmetern pro Person, hat man an Sommerabenden das Wohnzimmer auf die Straße verlegt. Ganze Familien sitzen auf dem breiten Gehweg, trinken Tee oder spielen Brettspiele, der Wärme wegen die Hosenbeine oft hochgekrempelt. Ein anderes Bild in den weitläufigen Parks: Dort sitzen meist Rentner auf den Parkbänken. An die Äste der Bäume haben sie die Käfige mit ihren Wellensittichen oder Kanarienvögeln gehängt. Mitunter stößt man auf größere Gruppen, die nach einer dezenten Lautsprechermusik das traditionelle Schattenboxen üben, im Gleichklang die langsamen Bewegungen mit gebremster Kraft. Auch Jogger oder einzelne Gymnastik-Treibende habe ich dort häufiger gesehen als bei uns.

Mit der pragmatischeren Wirtschaftspolitik, die den Jahren der Kulturrevolution folgte, zeigten sich auch die ersten Anzeichen eines bescheidenen Wohlstands. Man formuliert dort gern vieles in leicht fassbaren Begriffen. So gab es früher die "Vier alten Errungenschaften": Thermosflasche, Uhr, Radio und Fahrrad. Jetzt folgten die "Vier neuen Errungenschaften": Ventilator, Fernseher, Waschmaschine und eventuell auch Kühlschrank. Bei meiner ersten Reise waren es aber ausnahmslos Waschmaschinen ohne Heizung, weil das sonst die damalige Stromversorgung nicht ausgehalten hätte.

Ein besonderes Kapitel sind die Radfahrer. Am Anfang wusste ich nicht, wie ich über die Straße kommen sollte. Nicht wegen der Autos, die auf den mittleren Spuren fuhren, sondern wegen der Radfahrer. Sie kommen wie eine Urgewalt: In jeder Richtung etwa 15 bis 20 nebeneinander, in pausenloser Folge. Ich studierte erst, wie das die Chinesen machen und praktizierte das, zunächst etwas ängstlich, genauso. Sobald eine kleine Lücke entstand, machte ich einen Schritt dorthin und wartete. Die Radfahrer fuhren nun links und rechts an mir vorbei. Bei der nächsten Lücke wieder einen Schritt, wieder dasselbe. Und so schaffte ich es schließlich, diesen Strom zu durchqueren.

Natürlich war jede einzelne Etappe dieser Reise ein großartiger Höhepunkt. Aber das würde ein ganzes Buch füllen, hier alles zu schildern: In Peking den Kaiserpalast mit seinen 999 Räumen, weil tausend nur dem Herrscher im Himmel zustehen; den Himmelstempel, wo der Kaiser für eine gute Ernte zum einzigen Wesen über ihm betete. Nicht weit von Peking waren es die Große Mauer und die Ming-Gräber. Von diesen Kaisergräbern sind übrigens erst zwei ausgegraben. Man wisse noch von vielen Schätzen unter der Erde, sagte man mir. Aber so lange sie dort blieben, seien sie sicher. Sie alle freizulegen und dann auch zu schützen übersteige die gegenwärtigen wirtschaftlichen
Möglichkeiten.

Da die schlimme Kulturrevolution gerade erst kurz zurücklag, interessierte mich, welchen Schaden die unwiederbringlichen Kulturdenkmale durch die randalierenden roten Revolutionsgarden erlitten hatten. Es war zum Glück nicht so schlimm, weil es auch verantwortungsbewusste Leute gab. Der Kaiserpalast in Peking war all die Jahre geschlossen geblieben, so dass dort niemand Unheil anrichten konnte. Im Pekinger Sommerpalast, in dem die Mao-Witwe immer ausritt, befahl sie, in einem Bogengang alte Bildnisse und Inschriften zu übermalen, weil sie feudalistisch seien. Man hat sie mit wasserlöslicher Farbe übermalt, die sich später leicht wieder entfernen ließ. In der Nähe von Hangzshou sah ich eine riesige vergoldete Buddha-Statue. Die Mao-Truppler hatten vom Bürgermeister verlangt, dass sie niedergerissen werden müsse. Der entgegnete, das sei doch ein Problem, das nicht nur hier, sondern überall im Lande bestehe, er wolle deshalb an Ministerpräsident Tschou En-Lai schreiben. Von dort kam die Antwort, das sei wirklich ein Problem, das man nicht unüberlegt lösen könne. Das Beste sei deshalb wohl, die Statue erst einmal einzumauern.

In Nanking brachte mich mein Betreuer mit einem Maler zusammen, der in der DDR studiert hatte. Seine Diplomarbeit waren Illustrationen zu Gedichtenvon Erich Weinert gewesen, für die er ein "Sehr gut" bekam. Jetzt hatte er sich wieder der traditionellen chinesischen Malerei zugewandt. Er kam richtig ins Schwärmen, als er nach langer Zeit wieder mit jemandem aus der DDR zusammen traf. Diese Erinnerung an die guten, alten Zeiten habe ich noch einige Male erlebt. In der deutschsprachigen Redaktion von Radio Peking kramte man alte Fotos heraus, weil dort in den Anfangsjahren auch Journalisten aus der DDR mitgearbeitet hatten. Inzwischen recht stattlich gewordene Arbeitskollegen sah ich nun auf den Fotos als ziemlich schlanke Jünglinge wiede r.

In der Unfallstation eines Pekinger Krankenhauses konnte ich mich mit der Kunst chinesischer Ärzte vertraut machen. Mittels Mikrochirurgie wurden dort abgetrennte Gliedmaßen wieder angenäht. Manchmal nutzte man den übrigen Körper als Ersatzteillager, indem Zehen amputiert wurden, damit man dem Patienten an einer zerstörten Hand wenigstens zu einem Daumen und einem Finger verhalf. Wegen der Besonderheiten eines Unfalls musste man jemandem die linke Hand am rechten Arm befestigen. Wenn er den Daumen bewegen wollte, wackelte der kleine Finger, bis sich die Nerven umgewöhnten. Und diese hervorragenden Ärzte mussten während der Kulturrevolution den Hof fegen, wie sie mir sagten.

Weil das nach vielen Jahren die erste China-Reise eines DDR-Journalisten war, gab unsere Botschaft eine Party für mich, mit den entsprechenden chinesischen Gästen. Ich sollte dort ein paar Worte sagen. Um das Besondere meines Besuchs herauszustreichen, zitierte ich die Redensart "Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer". Ich fügte hinzu, dass eine Schwalbe aber immerhin eine Schwalbe sei, und dass dieser einen Schwalbe gewiss noch viele folgen werden und damit auch der Sommer. Das hat allgemein gefallen, und ich habe das von unseren Leuten wie auch von Chinesen gelegentlich wieder gehört.

Bei späteren Chinareisen besuchte ich auch die erst kurz vorher ausgegrabenen Armee von Terrakotta-Kriegern in der Nähe der alten Kaiserstadt Xian, ein neu entdecktes Weltwunder, die Stadt Kanton, die an Hongkong angrenzende Sonderzone Zhenzhen sowie die Taiwan gegenüber liegende Insel Xiamen.
Bei einer meiner letzten Reisen lernte ich China von einer ganz anderen Seite kennen. An unserem Rundfunk- und Fernsehbüro klingelte es stürmisch. Ein im gleichen Haus wohnender norwegischer Journalist rief uns zu "Die Studenten marschieren zum Tian Anmen" und rannte weiter. Das hatte nichts mit den späteren tragischen Ereignissen am Tian-Anmen-Platz zu tun, die nach meiner letzten China-Reise lagen. Was war geschehen? China hatte bei den asiatischen Fußballmeisterschaften überraschend gegen Japan gewonnen. Wir mussten wegen eines Überspiels zum Rundfunk- und Fernsehgebäude, und dort zogen tatsächliche Tausende von Studenten mit lauten Sprechchören vorbei. Als sie uns als Ausländer erkannten, liefen einige auf uns zu, sagten "Japan" und machten Handbewegungen, als ob man jemandem den Hals umdrehe. Als wir später zurückfuhren, hätten wir an der japanischen Botschaft vorbei kommen müssen. Aber das war nicht möglich. Die Polizei hatte das gesamte Viertel mit mehreren Hundertschaften und quergestellten Autos abgeriegelt.

China und Japan – das ist ein sehr vielschichtiges und kompliziertes Thema. Auf der einen Seite beneiden die Chinesen Japan wegen dessen technischer und wirtschaftlicher Spitzenstellung. Warum hatte China nicht die gleichen Erfolge, obwohl die kulturellen Wurzeln in China doch viel tiefer liegen? Erst jetzt beginnt ja China mit dem Aufholen. Zum anderen hat China unter der japanischen Aggression in den dreißiger Jahren Entsetzliches erlitten. Hunderttausende von Chinesen wurden viehisch hingeschlachtet, allein in der Gegend von Nanking wurden über Zweihunderttausend ermordet. Inzwischen haben sich die offiziellen Beziehungen normalisiert und es gibt eine rege wirtschaftliche Zusammenarbeit. Doch wie man sieht, glimmt unter der Oberfläche noch vieles weiter, und schon so ein Auslöser wie ein Fußballspiel kann es zutage bringen.

Noch eine Episode zum Schluss: Von Shanghai nach Nanking fuhren wir mit der Eisenbahn. Da gab es eine segensreiche Einrichtung, auf die ich allerdings nicht eingestellt war. Die Reisenden hatten Gläser mit, in die sie Teeblätter gaben, und die Schaffnerin ging mit heißem Wasser durch. Das war allerdings kein Problem. Die Schaffnerin brachte mir eine Teetasse, und meine chinesischen Nachbarn gaben mir Tee. Diese Schaffnerin war ein bildhübsches Mädchen, und mir rutschte eine entsprechende Bemerkung heraus. Prompt ging mein Betreuer zu ihr. Der ausländische Freund Chinas habe festgestellt, dass sie ein hübsches Mädchen sei, sagte er ihr. Darauf habe sie geantwortet, sie sei ein völlig durchschnittliches Mädchen. Aber es ehre sie sehr, wenn der ausländische Freund Chinas so etwas sagt. So kann ein harmloser Flirt in China aussehen.

 
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