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Im Chile der Unidad Popular

 
 

In Berlin begann dann meine Arbeit in der Hauptabteilung Außenpolitik, die für alle Sender des DDR-Rundfunks die außenpolitische Berichterstattung betrieb. Ich setzte meine Kommentierung afrikanischer Vorgänge fort, arbeitete mich aber auch für andere Bereiche in der dritten Welt ein. Damit begann auch, was dann die Arbeit der kommenden Jahre mit prägte – kürzere Reisen in diese Region.

Die erste erfolgte Anfang 1971 nach Chile mit einem anschließenden Abstecher nach Peru. Unmittelbarer Anlass war der 50. Jahrestag der Gründung der Kommunistischen Partei Chiles. Es ging aber auch darum, einem jüngeren Kollegen beim Einarbeiten zu helfen, der dann später als unser Lateinamerika- Korrespondent aus Santiago de Chile berichten sollte. Chile war nach dem Wahlsieg der Unidad Popular in einer begeisternden Aufbruchstimmung. Aber es war eine eigenartige Konstellation. Salvador Allende war Präsident geworden, weil er zwar die meisten Stimmen bekommen hatte, aber weniger als die Hälfte. Im Parlament hatten die gegnerischen Parteien zusammen die Mehrheit. Bei der Präsidialdemokratie, die dort ähnlich wie in den USA herrschte, konnte der Präsident zwar gegen das Parlament regieren, aber in Grenzen.

Eines der gravierendsten Probleme war die Landreform. Die vorherige Regierung hatte bereits eine ziemlich kraftlose Bodenreform beschlossen, die sie nur halbherzig durchsetzte. Der Regierung Allende blieb nichts anderes übrig, als dieses Gesetz nun mit aller Konsequenz anzuwenden. Ein besseres konnte sie nicht bringen, denn das wäre im Parlament nicht durchgekommen. So blieb ein schwerwiegendes Problem, dass einige Bauern zwar etwas Land bekamen, die Regierung aber keine Möglichkeit hatte, sie mit Technik zu unterstützen. Mit einer Gruppe von Kommunisten aus einem armseligen Vorstadtviertel machten wir uns auf den Weg, um in einem Dorf Bauern bei den Bestellarbeiten zu helfen. Es war schon herzerwärmend, wie die Genossen, die selbst ums eigene Überleben kämpfen mussten, für ihr weniges Geld einen Bus gechartert hatten und nun solidarische Hilfe leisteten.

Ein Flug nach Norden brachte uns in die Salpeterwüste. Arabische Wüsten hatte ich trotz ihrer unendlichen Weite immer als ausgesprochen reizvoll empfunden. Hier war aber ein solches schmutziges Grau, dass es dem Auge wehtat. Früher war dort Salpeter abgebaut worden, dessen Export Chile auf den ersten Platz in der Welt brachte. Mit der um den ersten Weltkrieg erfundenen synthetischen Herstellung von Stickstoff brach das jedoch zusammen. Es machte die Wüste noch gespenstischer, immer wieder halbzerfallene Geisterstädte zu sehen, in denen damals die Salpeterarbeiter gewohnt hatten.

Dann kam plötzlich ein außergewöhnlicher Anblick: Chucicamata, der größte Kupfertagebau der Welt. Ich kannte von uns zu Hause die Braunkohlentagebaue, die waren schon gigantisch genug. Aber dieses riesige Loch mit spiralenförmig angelegten Straßen nach unten für die genauso überdimensionalen Fahrzeuge sprengte alle Maßstäbe. Die Kupfergewinnung, die vorher ausländische Konzerne betrieben hatten, war unter Präsident Allende verstaatlicht worden. Weil das ein so zwingendes nationales Anliegen war, konnte auch die Opposition dem Gesetz ihre Zustimmung nicht verweigern. Als Generaldirektor begrüßte uns ein Kommunist. Die regierende Unidad Popular bestand aus sieben Parteien, von denen die kommunistische nach Allendes Sozialisten die zweitstärkste war.

Eine andere Form des Bergbaus lernten wir südlich der Hauptstadt in Concepcion kennen. Es war eine der üblichen Steinkohlegruben, in die wir mit dem Förderkorb einfuhren. Allerdings gab es auch hier eine Besonderheit: Die Stollen zum Kohleabbau erstreckten sich weit unter dem Stillen Ozean, mehrere Kilometer tief. Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl, wenn man weiß, dass über einem der Ozean rauscht. Und noch ein ungewohntes Bild. Als Gäste konnten wir uns anschließend duschen. Für die Bergarbeiter gab es so etwas nicht. Mit geschwärzten Gesichtern und in ihrer schmutzigen Arbeitskleidung mussten sie nach Hause gehen. Es ließen sich eben nicht alle sozialen Probleme sofort lösen.

Es waren viele gute und optimistisch stimmende Empfindungen, die wir aus Chile mitnahmen. Umso entsetzlicher, wie dann der Putsch unter General Pinochet diesem hoffnungsvollen Anfang ein blutiges Ende setzte.

 
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