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Der
jüngere Kollege, mit dem ich reiste, hatte Lateinamerikanistik
studiert, mit spanisch als Hauptsprache. Er bedrängte mich, wir
sollten doch versuchen, auf dem Rückweg über Madrid zu fliegen.
Eine solche Chance, Spanien zu sehen, werde er so schnell nicht wieder
finden. Nach Spanien, in dem noch der durch einen faschistischen Putsch
mit Hitlers Hilfe an die Macht gekommene General Franco herrschte?
In
der spanischen Botschaft in Lima wollte man uns sofort ein Transitvisum
geben. Um einen Irrtum zu vermeiden, der uns vielleicht Ärger gebracht
hätte, sagte ich sehr nachdrücklich, dass wir nicht irgendwelche
Deutsche, sondern solche aus der DDR seien. Jetzt sei er doch unsicher
geworden, sagte der Konsul. Er wolle vorsichtshalber in Madrid nachfragen.
Wir sollten am nächsten Tag wiederkommen. Doch es blieb dabei:
Wenn wir ein Ticket für den Weiterflug hätten, bekämen
wir auch ein Visum.
Zoll
und Passkontrolle in Madrid blieben eine reine Formsache. Viel Freundlichkeit
überall. Wir suchten ein Hotel, unternahmen eine Stadtrundfahrt,
bummelten durch die Straßen, besuchten den "Prado" mit
seiner riesigen Sammlung von Gemälden Goyas. Überall herrschte
eine völlig normale Atmosphäre. Wo war der Faschismus? Ich
suchte mir zunächst dadurch eine Gedankenhilfe, dass ich mir vorstellte,
ein Engländer sei 1938 nach Deutschland gekommen. Außer einigen
Hakenkreuzen hätte er sicher auch nichts vom Faschismus gespürt,
sondern ein wohlgeordnetes Leben.
Dann
sah ich am Aushang eines Kinos, dass es dort eine Woche des sowjetischen
Films gab. In einer Buchhandlung lag im Fenster eine "Geschichte
der Kommunistischen Partei Spaniens". Möglicherweise antikommunistisch.
Aber im Deutschland Hitlers wäre kein Buch unter dem Titel "Geschichte
der Kommunistischen Partei Deutschlands" vorstellbar gewesen. In
der Buchhandlung sah ich in spanischer Übersetzung ein Werk des
in der DDR lebenden sehr bekannten marxistischen Wirtschaftswissenschaftlers
Jürgen Kuczynski mit Fotos von Marx und Engels.
Wie
war das zu erklären? General Franco stand schon am Ende seines
Lebens und war eigentlich nur noch eine Symbolfigur. Inzwischen regierten
Leute, die alles daran setzten, dass Spanien aus seiner Isolierung herauskam,
sich in ein völlig normales kapitalistisches Land verwandle. Es
ging ihnen darum, den faschistischen Geruch los zu werden. Und das war
zu spüren. Vielleicht hat sich auch deshalb nach Francos Tod der
Übergang zu regulären demokratischen Verhältnissen so
reibungslos vollzogen.
Während
des Weiterflugs nach Berlin hatte ich ein psychologisches Problem. Mit
dem peniblen Zoll der DDR hatte ich nicht die allerbesten Erfahrungen.
Nach meiner ersten Afrikareise nach Sansibar und Kenia war ich bei der
Kontrolle eine Stunde festgehalten worden. Ich brachte Bücher und
Schallplatten mit, deren Titel ich säuberlich auf eine Liste geschrieben
hatte. Die Bücher über Afrika waren natürlich in Englisch,
und bei den Schallplatten war man sich nicht sicher, ob Marlene Dietrich
erlaubt sei. Im faschistischen Spanien war der Zoll sehr freundlich
und hatte mich gleich durchgewinkt. Und nun der Zoll in der sozialistischen
DDR?
Doch
die so sehr angestaute Luft musste ich ablassen. Mit formvollendeter
Höflichkeit sprach mich der Zollmitarbeiter an. Ich hätte
ja sicher nichts anderes als das, was auf meiner Zollerklärung
stehe. Das gehe in Ordnung. Doch ich hätte zwei Stangen Zigaretten,
eine sei nur erlaubt, die andere müsse verzollt werden. "Doch
aus Billigkeitsgründen verzichten wir darauf. Wir wünschen
Ihnen einen angenehmen Aufenthalt." Es fehlte nur noch das Schild:
"Wir stehen im Höflichkeitswettbewerb".
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