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Im
Jahre 1972 folgte ein ziemlicher Einschnitt. Ich hatte einen Einjahreslehrgang
an der Parteihochschule beim Zentralkomitee der SED zu absolvieren.
Für Auslandskorrespondenten war das so vorgesehen. Nun ist vom
Studieren noch keiner dümmer geworden. Aber dieses Studium war
doch recht zwiespältig. Philosophie machte viel Freude. Wir hatten
hervorragende Professoren, und in den Vorlesungen und Seminaren lernte
man, dort weiter zu denken, wo man früher mit Denken aufgehört
hatte. Aber Fächer wie "Ökonomie des Sozialismus"
wurden mir zur Qual. Was "Wissenschaftlicher Kommunismus"
sein soll, habe ich nie begriffen. Ob ich eine Stunde oder zehn Stunden
Selbststudium betrieb – das Ergebnis blieb sich gleich. Außerdem
war mir klar, dass man mich ohnehin nicht an die Wirtschaft der DDR
heranlassen würde. So musste ich mir in der Seminargruppe sagen
lassen, dass ich am Anfang bei der Philosophie recht gut war, jetzt
aber spürbar nachließe und aufpassen müsse, dass ich
nicht zum Problem werde.
Noch
überraschender war für mich die allgemeine Atmosphäre.
Wir sollten ja nicht nur studieren, war uns am Anfang gesagt worden,
sondern auch erzogen werden – etwas merkwürdig für einen
42jährigen. Zu diesem Zweck mussten wir auch in die Kampfgruppe.
Ich kam mir dort vor wie Schwejk im dritten Weltkrieg. Beim Schießen
erwies ich mich als Naturtalent. Allerdings musste ich meine Fernbrille
aufsetzen, weil sonst das Ziel verschwamm . Dadurch ergaben sich nun
Probleme in extremer Nähe, indem sich über der Kimme noch
eine zweite spiegelte. Als mich jemand fürsorglich fragte, ob alles
in Ordnung sei, drehte der sich kopfschüttelnd um, als ich das
bejahte, aber hinzufügte, ich müsse nur noch sehen, ob ich
die untere oder die obere Kimme nehme. Beim Waffenreinigen griffen ohne
jeden Vorwurf immer hilfreiche Hände herüber, weil ja das
Kollektiv gewinnen sollte, und ich hätte das behindert. Eines Tages
hatten wir früh um fünf Uhr Alarm. Ich versuchte, das kleine
Sturmgepäck an meiner schmalen Taillenweite unterzubringen, was
schon für sich ein komisches Bild gewesen sein muss. Am Bahnhof
Jannowitzbrücke kam mir ein Mann entgegen, blieb stehen, schaute
mich von oben nach unten an und sagte: "Du armes Schwein!"
Wie Recht er hatte.
Meine
Mitstudenten waren größtenteils Sekretäre von SED-Kreis-
oder Bezirksleitungen, auch Mitarbeiter aus dem Apparat des Zentralkomitees.
Vom Rundfunk her war ich gewöhnt, dass man auch unter Genossen
sehr offen über alle Probleme sprach, dass wir auf das schimpften,
was wir als falsch empfanden. Vor allem war das die Informationspolitik
in der DDR, unter der wir zu leiden hatten. Ganz abgesehen davon, dass
Journalisten ohnehin ein lockeres Mundwerk haben. Hier aber wurde alles,
was von oben kam, mit geradezu religiöser Inbrunst aufgenommen.
Mitunter fühlte ich mich mehr in einem Jesuitenorden als in einer
Partei. Auf der anderen Seite musste ich aber auch erkennen, dass wir
als Journalisten zwar mitunter klug daherreden, sie aber an Ort und
Stelle eine mühevolle Arbeit leisteten, um uns voran zu bringen.
Wir
hatten auch gelegentlich Gastvorlesungen. Einmal sprach der Chefideologe
der KP Italiens, von der ich wusste, dass sie in einigen gravierenden
Fragen andere Positionen als die SED vertrat. Während die SED in
der EG und im Europaparlament nur eine Konzentration des Großkapitals
gegen die Arbeiterklasse sah, wogegen man mit allen Mitteln kämpfen
müsse, wollte die italienische Partei durch eine möglichst
starke Linksfraktion in diesem Parlament fortschrittliche Positionen
stärken. Ich tat nun etwas Ungehöriges, denn die Widersprüche
innerhalb der kommunistischen Bewegung wurden eigentlich mehr verkleistert
als offen diskutiert. Ich fragte ihn nach diesen Überlegungen.
Plötzlich drehten sich alle Köpfe zu mir und die Blicke schienen
mich zu durchbohren. Da sagte Hanna Wolf, die ob ihrer dogmatischen
Schärfe ansonsten gefürchtete Rektorin der Hochschule laut
im Präsidium: "Eine sehr interessante Frage". Und plötzlich
lächelten mich alle an. Es war geradezu gespenstisch
Dennoch
habe ich die Parteihochschule zur Überraschung meiner Seminargruppe
als einer von wenigen mit einem "Sehr gut" absolviert. Aber
das lag an dem Abschlusskolloquium, bei dem ich zum Glück nicht
irgendetwas Dogmatisches herunterbeten musste, sondern ein Thema hatte,
bei dem ich meiner Lust am Polemisieren freien Lauf lassen konnte. Die
besonders zensurbestimmende Abschlussarbeit konnte ich über die
FRELIMO schreiben, und fand damit großen Beifall bei dem zuständigen
Lehrstuhl. |
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