Das Ende des Berufslebens

 
 

Als sich die Wende abzeichnete, gab es noch die Hoffnung, eine reformierte DDR könne weiterbestehen. Dieser Illusion gab sich auch die Leitung des Rundfunks hin. Inzwischen hatte es erste Kontakte mit westdeutschen Stationen gegeben. Dabei wurde erklärt, dort käme man mit viel weniger Leuten aus, wir seien überbesetzt. Also müsse der DDR-Rundfunk billiger werden. Wie sich später erwies, war das völliger Unsinn. Denn bei uns zählte alles als Rundfunk, auch die Kantine und die anderen sozialen Einrichtungen, der Kraftfahrpark mit Werkstatt und die Betriebshandwerker. Im Westen war das verpachtet oder man nutzte Fremdfirmen. Im Gegensatz zu uns beschäftigte man dort auch viele freie Mitarbeiter, im Fernsehen sogar fremde Firmen zur Produktion von Filmen. Da kam man natürlich auf eine viel kleinere Zahl von Festangestellten.

Aber es bestand die Losung: Wenn der DDR-Rundfunk überleben wolle, müsse er abbauen. So wurden nun alle, die 60 oder älter waren, also auch ich, aufgefordert, in den Vorruhestand zu gehen. Das war mit einer regelrechten Erpressung verbunden. Wir blieben dem Rundfunk verbunden, erhielten 70 Prozent unserer bisherigen Nettoeinkünfte, bei Gehaltserhöhungen dann entsprechend mehr, sagte man uns. Dadurch seien wir sozial abgesichert und hätten deshalb auch keinerlei Anspruch auf eine Abfindung. Sollten wir dem Vorruhestand nicht zustimmen, bekämen wir bei einer Entlassung keinerlei Unterstützung. Doch die DDR-Verordnung wurde nicht in den Einigungsvertrag übernommen. Vom Rundfunk wurden wir ans Arbeitsamt abgeschoben, das die Bezüge auf 65 Prozent reduzierte, natürlich ohne Gehaltserhöhungen im Rundfunk. Mit Hilfe unserer Gewerkschaft, der IG Medien, haben wir dagegen geklagt, sogar bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Doch ohne Erfolg. Ein Glück, dass Rosel noch ihre Arbeit im Arbeitsamt hatte.

Dabei ging es den meisten anderen noch viel schlechter. Zunächst sendete der Rundfunk ja noch weiter. Doch dann wurde der ultrarechte CSU-Politiker Mühlfenzel eingesetzt, Rundfunk und Fernsehen der DDR "abzuwickeln". Und das geschah mit Brachialgewalt. Einigen, die von früher her Verbindungen hatten, gelang es, Fuß in den regionalen Sendern und Studios zu fassen, aus denen dann die neuen Landesanstalten entstanden. Doch die meisten wurden arbeitslos. Sie sind "gemühlfenzelt" worden, sagte man. Geradezu menschenverachtend ging man mit den Mitarbeitern des Deutschlandsenders um, der sich inzwischen zu einem Kulturprogramm entwickelt hatte. Es war festgelegt worden, dass der Deutschlandsender mit dem Westberliner RIAS zum Deutschland-Radio Berlin zusammengelegt wird. Das sah so aus: Die Mitarbeiter des Deutschlandsenders mussten sich versammeln. Dann wurde einer nach dem anderen in ein leeres Zimmer geschickt, in dem nur ein Telefon stand. Ohne ein Wort der Erläuterung oder Begründung sagte dann eine anonyme Stimme aus Köln, ob er übernommen wird oder nicht. Es waren weniger als ein Dutzend, die bleiben konnten.

 
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