Foren und Muggen

 
 

Auf der anderen Seite gab es aber auch eine Art doppelter Informationspolitik. Es gab viele Foren, zu denen wir eingeladen wurden - in Betrieben, Bildungsstätten und sehr häufig bei der Armee. Das "Neue Deutschland" lesen wir selbst, sagte man mir manchmal bei der Begrüßung, um anzudeuten, dass man etwas anderes hören wollte. Das machte auch uns viel Spaß, weil wir so wenigstens etwas das Manko der Informationspolitik ausgleichen konnten. Ich bin dort völlig frei vom Leder gezogen, habe alle außenpolitischen Probleme in ihrer Vielschichtigkeit so dargestellt, wie sie waren. Mitunter löste das verdutzte Reaktionen aus, weil es so im "Neuen Deutschland" nicht stand, aber immer brachte es viel Beifall, so dass ich mich vor Einladungen nicht retten konnte. Es gab auch nie Beschwerden, dass wir uns nicht an die offizielle Linie gehalten hätten.

Natürlich lief das mitunter unterschiedlich ab. Beim Mot.-Schützen-Regiment in Oranienburg sollte ich bei denen sprechen, die für den Politunterricht in den Zügen zuständig waren. Das waren fast ausschließlich Unterleutnante und Leutnante. Am liebsten hatte ich provozierende Fragen, weil man darauf am interessantesten antworten konnte. Doch zu meinem Verdruss merkte ich bald, dass sie eigentlich nur gestanzte Antworten hören wollten, die sie aufschreiben und dann genauso gestanzt weiter vermitteln konnten. Mit einer Ausnahme: Unter ihnen saß völlig ungewöhnlich ein Gefreiter, der hochinteressante Fragen stellte. Wie das denn zu erklären sei, fragte ich anschließend den Verantwortlichen. Normalerweise betrieben diejenigen den Politunterricht, die auch militärisch den Zug führten, sagte er. Dieser Gefreite sei ein politisch sehr versierter Soziologiestudent von der Humboldt-Universität. Man hätte befürchtet, dass sich sein Zugführer und er das Leben gegenseitig zur Hölle machen könnten. Deshalb sei in diesem Zug ausnahmsweise er mit dem Politunterricht beauftragt worden. Das fand ich sehr vernünftig.

Einmal hatte mich mein Rundfunkvorsitzender an einen Lehrgang für Vorsitzende Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften und Buchhalter vermittelt. Ich hatte eine Stinkwut, weil ich an diesem Tage Nachtdienst hatte, eigentlich vorher ausschlafen wollte und nun schon um Fünf aufstehen musste. Und was sollte ich den Bauern über China erzählen? Doch ich war völlig perplex, was da für interessante Fragen kamen, sogar zu der schon fast wieder vergessenen Amoy-Quemoy-Krise. Als ich fertig war, brachte man mir einen Korb, den zwei Mann tragen mussten: Mit einem vollen Sortiment von Saale-Unstrut-Weinen und Bauernwürsten. Man baue natürlich auch Kartoffeln an, sagten sie, aber damit wollten sie mich verschonen.

Außer für den Rundfunk habe ich nebenbei auch für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften gearbeitet. Solche Nebeneinkünfte zu unseren nach westlichen Standards nicht gerade fürstlichen Einkommen nannte man im Berufsjargon "Muggen". Die in der DDR und auch nach der Wende sehr bekannte Liedermacherin Barbara Thalheim gab dem Buch über ihr Leben sogar den Titel "Mugge". Sie erklärt das Wort als eine Abkürzung für "musikalisches Gelegenheitsgeschäft".

Aber wir Journalisten sind ja keine Musiker. Ich kenne den Ursprung anders. Irgendjemand will als historischen Ursprung herausgefunden haben, dass früher die Leipziger Stadtpfeifer in den umliegenden Dörfern zum Tanz aufgespielt hatten und das dann "eine Mugge machen" nannten.

Aus Daressalam hatte ich noch für "Neues Deutschland" berichtet, in der ersten Zeit auch für unsere Nachrichtenagentur ADN. Dazu kam die DDR-Auslandsillustrierte, die in Englisch und Suaheli herauskam, für die ich auch Fotos lieferte.
Nach meiner Rückkehr gehörte die "Sächsische Zeitung" in Dresden zu meinen Hauptkunden. Die Bezirkszeitungen hatten ja weder die entsprechenden Experten noch den nötigen Informationsfluss, während wir in der Außenpolitik des Rundfunks Zugang zu allen Informationen hatten. So waren sie sehr froh, das Niveau ihrer Berichterstattung verbessern zu können.
Sehr geehrt fühlte ich mich, als mich die "Weltbühne" um eine ständige Mitarbeit bat. Das war die einzige Zeitschrift in der DDR, die nicht erst nach dem Neubeginn nach 1945 herauskam. Ihre Geschichte reichte bis weit in die Weimarer Republik zurück. Sie wurde durch ihren damaligen Chefredakteur Carl von Ossietzky und ihren Hauptautoren Kurt Tucholsky berühmt. Auch in der DDR hob sich das wöchentlich erscheinende Blättchen durch seine Themenwahl und seine journalistische Machart sehr wohltuend von dem Grau der übrigen Blätter ab. Die "Weltbühne" wurde vorwiegend von Intellektuellen gelesen, und ich hatte zu meinen Afrika-Beiträgen viele angenehme Reaktionen. Schade, dass sie die Wende nicht überlebt hat.

 
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