Was ist das für ein Beruf?

 
 

Journalisten gelten zwar als agil und entdeckungsfreudig, aber auch als etwas oberflächlich. Man sagt, ein Wissenschaftler wisse von wenigem viel, ein Journalist von vielem wenig. Auf die Spitze getrieben bedeute das, dass ein Wissenschaftlicher von überhaupt nichts alles versteht, ein Journalist von allem überhaupt nichts. Wenn ich heute im Fernsehen sehe, wie sich ganze Kavalkaden von Reportern und Kameraleuten gegenseitig auf die Füße treten, nur um von irgendeinem Politiker einen O-Ton zu erhaschen, wird es mir fast peinlich, zu diesem Beruf zu gehören. Noch mehr, wenn ich die Zeitungen mit den großen Buchstaben sehe, oder die bunten Journale, die nur davon leben, herauszufinden, welche Prominente mit wem fremdgehen.

So langweilig die journalistischen Produkte mitunter bei uns auch waren, so niveaulos waren sie nicht. Dabei spüre ich im Nachhinein allerdings einen gravierenden Mangel, den es heute gibt, und den auch wir hatten. Eigentlich wären es Journalisten der Ehre ihres Berufs schuldig, ergebnisoffen zu recherchieren, also unvoreingenommen das zu berichten, was sie herausfinden. Doch leider ist das nicht so. Bis auf verschwindend wenige Ausnahmen gehen sie mit einer vorgefassten Meinung heran. Was da hineinpasst, wird entsprechend gewürdigt. Was dem entgegensteht, verschwindet in der Versenkung oder wird heruntergespielt. Diesen Vorwurf müssen wir uns auch machen. Damals hieß das Klassenstandpunkt.

Ich hatte eigentlich Glück in mehrfacher Hinsicht. Mit der Entwicklung des Fernsehens stand der Rundfunk nicht mehr so im Brennpunkt. Fernsehen, ADN oder "Neues Deutschland" wurden von oben straff gegängelt. Wenn man es so nennen will, mussten wir uns selbst gängeln. Ein Botschafter könne mit der Zeitung unterm Arm ins Außenministerium gehen, um sich zu beschweren, wurde gesagt, mit dem Rundfunk nicht Da wir ja rund um die Uhr sendeten, gelang es uns mitunter, einen außenpolitischen Vorgang zu kommentieren, bevor aus dem "Großen Haus" ein Tabu kam, worauf wir dann sogar ziemlich stolz waren. Wenn es irgendwo im Ausland ein Ereignis mit einem DDR-Vertreter gab, gingen meine Kollegen von den anderen Medien dann hin, "um sich abzustimmen". Ich musste das nicht und habe es nie getan. Da das Fernsehen gelegentlich unsere Überspielleitungen für Mitteilungen mitnutzte, habe ich sogar erlebt, wie der Korrespondent Teile seines Beitrags aus Berlin durchdiktiert bekam.

Mein Glück lag vor allem im Gegenstand meiner Arbeit. Der Befreiungskampf im südlichen Afrika oder die Entwicklungsprobleme in den unabhängig gewordenen Staaten – da gab es nichts, worauf man irgendwie Rücksicht nehmen musste. Die Probleme waren so, wie sie waren. Ganz anders war das natürlich bei meinen Kollegen, die aus anderen sozialistischen Ländern berichteten. Schon gar nicht zu reden von der Innenpolitik, wo es darum ging, das grandiose Aufbauwerk zu würdigen. Als in einem Beitrag im Interesse der guten Sache Beispiele schlechter Arbeit beim Wohnungsbau in Hellersdorf kritisiert wurden, kam von oben sofort der Hammer: Wir lassen uns doch unser großartiges Wohnungsbauprogramm nicht kaputt reden!

In Peking hatten wir einen gemeinsamen Korrespondenten für Rundfunk und Fernsehen. Als ein bedeutsamer Parteitag stattfand, wäre das für ihn zu viel gewesen, und ich flog hin, um die Arbeit für den Rundfunk zu übernehmen. Da man in China nun mal vieles ganz anders machte als in der DDR, und solche Unterschiede bei uns lieber unter den Tisch gekehrt wurden, bekam er vom Fernsehen die Order, vom Rechenschaftsbericht nur den außenpolitischen Teil zu verwenden. Er tat mir leid. Denn von dem 150seitigen Bericht betrafen nur die letzten anderthalb Seiten die Außenpolitik, und das ziemlich nichtssagend. Die Passagen davor, über die ich berichtete, waren brennend interessant!

Ich ging davon aus, dass China weit weg ist, ganz andere Entwicklungsbedingungen und Dimensionen hat und deshalb auch eigene Lösungen finden muss, die nicht unbedingt mit denen in der DDR übereinstimmen. Deshalb hatte ich keinerlei Hemmungen, dreimal am Tage so zu berichten, wie sich die Probleme auf dem Parteitag reflektierten. Dazu gehörten das bei uns nicht opportune Thema des Trennens der Funktionen von Partei und Staat oder die Tatsache kontroverser Diskussionen, was auf SED-Parteitagen absolut nicht üblich war. In einem anderen Massenmedium als dem Rundfunk wäre eine solche Berichterstattung nicht möglich gewesen. Es gab keinerlei negative Reaktionen zu Hause. Die Kollegen lobten mich, auch von der chinesischen Botschaft kamen anerkennende Worte. Der Vorsitzende des DDR-Rundfunks hielt sich vorsichtshalber mit einer Äußerung zurück. Als ich anschließend die Berichte im "Neuen Deutschland" las, hatte ich allerdings den Eindruck, ich sei auf einem ganz anderen Parteitag gewesen.

Freilich gab es auch eine glanzvolle Periode im Journalismus. Das war in der Wendezeit, im 41. Jahr der DDR, als Hans Modrow Ministerpräsident war. Da gab es keinerlei Gängelungen von oben. Nicht mehr von der Agitationsabteilung, und noch nicht von den großen Medienkonzernen. Das sonst so viel gerühmte Westfernsehen war plötzlich langweilig gegenüber Fernsehen und Rundfunk der DDR. Es war angenehm überraschend, wie gut das unsere Leute plötzlich konnten. Das wäre auch ein Lichtblick für eine reformierte DDR gewesen.
Aber so ist es ja nicht gekommen.

 
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