Was für ein Sozialismus war das?

 
 

Dieses Kapitel ist das schwerste für mich. Auch heute noch habe ich mehr Fragen als Antworten. Die DDR mit ihrem Sozialismus ist nicht nur untergegangen, sie ist geradezu kläglich untergegangen. Waren das sich häufende Fehler am Ende, oder war das eine Fehlkonstruktion von Anfang an? War es ein kämpfenswerter Kampf, der nur verloren ging? Meine gesamte produktive Zeit habe ich in dieser Periode zurückgelegt. Es war mein Leben. Soll ich nun etwa sagen, dass es ein verfehltes Leben war?

Als Ursachen für das Untergehen der DDR werden oft die wirtschaftliche Schwäche und die mangelnde Demokratie genannt. Von Wirtschaft verstehe ich nicht viel. Natürlich wusste ich, dass die Produktivität im Westen weitaus höher war, dass dringend nötige Investitionen unterblieben, einige Bereiche sogar regelrecht auf Verschleiß gefahren wurden. Besonders deprimierend war der Verfall der Innenstädte, der sich sehr aufs Gemüt legte. Es gibt aber auch eine andere Seite. Die Betriebe waren nach dem Ideologieverständnis der SED Hochburgen der Arbeiterklasse. Deshalb hing vieles an ihnen, was anderswo kaum vorstellbar wäre: In größeren Betrieben Kulturhäuser, sonst wenigstens Zirkel für künstlerisches Schaffen, wenn das die Leute wollten. Es gab Betriebsferienheime, Kinderferienlager, Betriebskindergärten, subventioniertes Essen. In marktwirtschaftlich rechnenden Unternehmen hätte man sich diesen Luxus nie leisten können. Die DDR hatte an ihrem Ende Schulden in Höhe von etwa 20 Milliarden Valuta-Mark. Allein die Stadt Berlin hat jetzt das Vierfache davon.

Vieles hätte besser sein können, wenn das viel genannte Leistungsprinzip richtig praktiziert worden wäre. Aber mit der "zweiten Lohntüte", den 20 Pfennigen für eine U-Bahn-Fahrt oder den fünf Pfennigen für ein Brötchen, den subventionierten Waren, den extrem niedrigen Mieten und anderen Leistungen hatte jeder Vorteile, die überhaupt nicht von seinem eigenen Tun abhingen. Oft wurde der Plan auch nur mit dem Bleistift erfüllt. Die Jugendzeitung "Junge Welt" schrieb über einen jungen Baufahrer, den seine Kollegen zwingen wollten, mehr Fuhren aufzuschreiben, weil so eine Bleistiftrechnung ja auch rundum aufgehen musste. "Ich will mein Geld aber ehrlich verdienen", sagte er. Wie man mir erzählte, gab das im Politbüro einen Aufruhr. Das sei eine Beleidigung der Arbeiterklasse, hieß es. Nur der ehemalige FDJ-Vorsitzende Egon Krenz und der FDGB-Vorsitzende Harry Tisch hätten verhindern können, dass der Redaktion Schlimmeres als ein arger Rüffel widerfuhr.

Bei der Demokratie sah es innerhalb der Betriebe noch am besten aus. Man konnte schon den Mund aufmachen und, wenn die Gewerkschaftsarbeit funktionierte, auch etwas verändern. Heute kann es schon schlimm werden, wenn man vielleicht den Juniorchef etwas schief ansieht. Aber sonst? Die einzige Möglichkeit, gegen negative Entscheidungen von Behörden anzugehen, bestand in "Eingaben". Sie wurden zwar ernst genommen und haben auch häufig etwas bewirkt. Aber es gab keinen Rechtsanspruch.

Im Jahre 1946, da war ich noch in der LDP, gab es die ersten und letzten regelrechten Wahlen für die Landtage, Kreistage und Kommunalvertretungen. Mit dem Wahlkampf und der Polemik in den Zeitungen war das ein hoch interessante Zeit. Auch da errang die SED in Sachsen die Mehrheit. Doch dann folgten die Einheitslisten der Nationalen Front, die alles zu einer bloßen Formfrage machten. Das Grundproblem bestand meines Erachtens in der natürlich nicht freiwilligen Übernahme sowjetischer Methoden. Im alten Russland hatte es nie demokratische Traditionen gegeben, keine bürgerlichen Revolutionen wie in Frankreich und im übrigen Europa. Die Oktoberrevolution 1917 stülpte das neue System auf feudale Verhältnisse. Das prägte natürlich sehr stark den weiteren Entwicklungsweg in der Sowjetunion.

Aber bei uns? Kurz nach dem Kriege veröffentlichte die KPD ein Dokument über einen besonderen deutschen Weg zum Sozialismus, sicher auch mit Zustimmung Moskaus. Da stand sogar darin, dass man das sowjetische Modell nicht nachahmen wolle. Doch das hielt nicht lange vor. 1948 wurde die SED nach sowjetischem Vorbild zur Partei neuen Typus deklariert, die führende Rolle der KPdSU anerkannt. Da war der besondere deutsche Weg vorbei. Natürlich wird mir das erst heute so richtig bewusst. Aber nach meinem Empfinden war das die alles entscheidende falsche Weichenstellung. Allerdings: Auf der anderen Seite wäre die DDR ohne Rückendeckung durch die Sowjetunion nicht lebensfähig gewesen. Es ist eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt.

 
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