Die Gefahren der Macht

 
 

Als Erich Honecker sein Amt antrat, soll er gesagt haben, er wolle das nur bis zum 65. Lebensjahr tun. Als er schließlich abgelöst wurde, war er 77. Dabei lässt sich ziemlich genau verfolgen, wie die unangefochtene Macht den Charakter total verändert. Zwei gute Bekannte von mir, Katja und Heinz Stern, waren Korrespondenten des "Neuen Deutschland" in Moskau, als Erich Honecker dort an der Parteihochschule studierte. Er kam öfter zu ihnen, weil er gern Pellkartoffeln essen wollte. Damals hätte man mit ihm noch Pferde klauen können, sagten sie. Als Honecker unter Ulbricht noch zweiter Mann war, gehörte bei einem offiziellen Sowjetunion-Besuch zum Programm auch eine Wolgafahrt. Auf dem Schiff war der Platz, wo sich die Oberen aufhielten, durch eine Kordel abgesperrt. Der stellvertretende Chefredakteur des ND, Harri Czepuk, der Honecker gut kannte, rief hinüber: "Was ist denn los, Erich? Dürft Ihr da nicht raus?" Woraufhin Honecker die Kordel entfernen ließ.

Auf dem Alex traf ich damals zufällig einen alten Bekannten von der "Täglichen Rundschau". Er erzählte mir, beim Zentralkomitee der SED sei gerade ein Institut für Meinungsforschung gegründet worden, dessen stellvertretender Chef er sei. Die neue Parteiführung unter Honecker lege großen Wert darauf, sehr realistisch über die Stimmung in der Bevölkerung informiert zu werden. Bei den parteiinternen Informationen werde zu viel Schönfärberei betrieben. Sehr lange hat dieses Institut nicht existiert. Es gab später das geflügelte Wort: "Der Generalsekretär liebt keine schlechten Nachrichten." Ein Rundfunkkollege, der in die Agitationsabteilung des Zentralkomitees versetzt wurde, erzählte mir haarsträubende Beispiele dafür, wie vor allem die Politbüromitglieder Günther Mittag und der für die Presse zuständige Joachim Herrmann regelrechte Arschkriecherei betrieben und wie gern das offenbar gesehen wurde.

Ein anderes Beispiel für diesen immer schlimmer werdenden Stil: Beim Staatsbesuch in Griechenland forderte Honecker den griechisch sprechenden DDR-Botschafter auf, beim Vieraugengespräch mit dem dortigen Regierungschef nicht nur zu dolmetschen, sondern auch Protokoll zu führen. Der machte ihn völlig zu Recht darauf aufmerksam, dass so etwas nicht geht, entweder das eine oder das andere. Daraufhin wurde er abgelöst. Im Außenministerium sorgte man dann wenigstens dafür, dass der sehr fähige Mann eine vernünftige Arbeit behielt.

Bevor Erich Honecker zu seinem Staatsbesuch nach Japan reiste, wurden als eine Geste zur Verbesserung des Klimas 10.000 "Mazda" importiert. Der Generaldirektor des Kombinats für Umformtechnik in Erfurt hatte dagegen eingewandt, es sei besser, stattdessen weitere 10.000 "Golf" einzuführen. Denn es gebe eine für uns sehr vorteilhafte Zusammenarbeit mit dem Volkswagenkonzern in vielerlei Bereichen, die sich dadurch noch weiter entwickeln ließe. Er wurde abgelöst. Die vielbeschworene führende Rolle der Arbeiterklasse war in Wirklichkeit die führende Rolle des Politbüros und des Generalsekretärs.

Eines rechne ich allerdings Erich Honecker nach wie vor hoch an – seine Außenpolitik. Es ist übrigens bezeichnend: Was auch der DDR nachträglich angekreidet wird, die Außenpolitik ist nie dabei. Als sowohl in der BRD wie in der DDR Mittelstreckenraketen stationiert waren, kam von Honecker konträr zu sowjetischen Positionen der Satz "Das Teufelszeug muss weg". Dazu gehören auch die Bemühungen, die Beziehungen zur BRD zu normalisieren. Und wenn auch die allgemeine Stimmung immer schlechter wurde – die Friedenspolitik der DDR fand in großen Teilen der Bevölkerung viel Zustimmung.

 
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