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Ich
kann eigentlich von Glück reden, dass es mir durch den Zeitpunkt
meiner Geburt, durch mein halbwegs gesichertes Rentnerdasein erspart
bleibt, mich den heutigen Verhältnissen anpassen zu müssen.
Wie ich in dieser Bundesrepublik angekommen bin – es hat keinerlei
praktische Bedeutung. Ich muss mich nirgends arrangieren, auf niemanden
einen guten Eindruck machen, nicht versuchen, irgendwo unterzukommen.
Für die Jüngeren meines Schlages, die irgendwie Geld verdienen
müssen, ist das viel schwerer. Deshalb hüte ich mich auch,
über andere zu rechten. Ich genieße das Privileg, frei und
ohne Konsequenzen über die Vorgänge um mich urteilen zu können.
Es
gibt vieles, was mir gefällt: Die größere Vielfalt an
kulturellen Möglichkeiten, das bessere Angebot an lebenswerten
Dingen, die höhere Produktivität, die Freizügigkeit in
vielen Bereichen. Entgegen einer früher ideologisch etwas eingeschränkten
Enge macht es mir viel Freude, mit Leuten zu reden, die anders denken
als ich. Auch wenn man ihre Meinung nicht teilt, es bereichert.
Eines
halte ich allerdings für das Grundübel dieser Zeit: Es ist
der Umstand, dass so ziemlich alles im gesellschaftlichen Leben ausschließlich
davon bestimmt wird, wie sich das Kapital verwertet, welche Freiräume
es noch durchdringen kann – mit Millionen von Arbeitslosen, mit
perspektivlosen Jugendlichen, mit der Armut in großen Teilen der
Welt. Oft hat man den Eindruck, die Regierung sei nur der Erfüllungsgehilfe
der Unternehmerverbände. Mir bleibt der Gedanke unerträglich,
wenn dies das Nonplusultra menschlicher Entwicklung sein soll. Wenn
auch ein erster Anlauf für eine bessere Gesellschaftsordnung fehlgeschlagen
ist, es muss andere Möglichkeiten geben. Sicher ohne eine führende
Partei und ohne eine herrschende Ideologie und ohne eine Verstaatlichung
als Allheilmittel. Ob man das Sozialismus oder anders nennt –
ich werde es nicht mehr erleben.
Kurz
nach dem zweiten Weltkrieg verkündeten die Vereinten Nationen die
Deklaration der Menschenrechte. Sie umfasste sowohl die individuellen
bürgerlichen Rechte wie das Recht auf Freizügigkeit oder Meinungsfreiheit
als auch soziale Rechte wie das Recht auf Arbeit, auf Bildung, auf ein
Dach über dem
Kopf. Jedes Jahr, wenn im Dezember der Jahrestag dieser Deklaration
kam, pries die DDR völlig zu Recht ihre Verwirklichung der sozialen
Rechte, blieb aber schwerhörig bei den anderen. Umgekehrt war die
BRD schwerhörig bei den sozialen Rechten, weil das der Marktwirtschaft
entgegen liefe, würdigte aber die in ihr verwirklichten individuellen
Menschenrechte. Wäre es nicht wenigstens ein erstrebenswertes Ziel,
beides wieder zusammenzuführen? |
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