Begegnung im Busch:
Samora Moises Machel, Präsident der FRELIMO
(Zeitschrift Horizont, Ausgabe 33/1970)

Nur wenige außerhalb von Mozambique kennen ihn: Samara Maises Machel, Oberkommandierender der Befreiungsarmee und seit der letzten Tagung des Zentralkomitees im Mai als Nachfolger des ermordeten Dr. Mondlane auch Präsident der FRELIMO - der "Frente de Libertacao de Mocambique". Während andere Führer von Befreiungsbewegungen — Dr. Mondlane, Dr. Neto, Amilcar Cabral — viele Jahre außerhalb Afrikas verbrachten, dort studierten, mit revolutionären Organisationen in Verbindung standen, ist sein Name für die Außenwelt buchstäblich aus dem Nichts aufgetaucht. Es gibt kein Archiv, in dem man über ihn nachlesen könnte.

 
 

Und doch haben westliche Zeitungen schon verschiedentlich Legenden über ihn verbreitet. Weil sie in ihm den führenden Kopf hinter den zermürbenden Schlägen gegen die portugiesischen Kolonialisten sehen, nennen sie ihn voller ängstlichen Respekts "Mozambiques General Giap", nach dem berühmten vietnamesischen Heerführer und Sieger von Dien Bien Phu. Obwohl schon "General" falsch ist — die Befreiungsarmee kennt keine Dienstränge — wissen sie ansonsten über ihn nicht viel mehr zu berichten.
Ich war mit den Partisanen der FRELIMO tagelang durch den afrikanischen Busch marschiert, um das Gespräch überhaupt führen zu können: auf schmalen Trampelpfaden durch übermannshohes Elefantengras und

 
 

Dornengestrüpp, auf Einbäumen oder bis zu den Hüften im Wasser über reißende Flußläufe, vorbei an portugiesischen Militärstützpunkten, die noch immer das Leben im befreiten Gebiet bedrohen.

Stecknadel im Heuhaufen

Dabei blieb ungewiß, ob die Begegnung zustande kommen würde. Er habe

zwar zugesagt, sich mit mir zu treffen, versicherten meine Gefährten, doch schließlich sei Krieg, mit all den unberechenbaren Überraschungsmomenten. Schon an einem der ersten Tage hatte ich das miterlebt, als wir unversehens in einen portugiesischen Angriff gerieten. Außerdem fühlte ich mich fortwährend an das Wort von der Stecknadel und dem Heuhaufen erinnert: Das Gebiet, in dem die Befreiungsarmee operiert, ist fast doppelt so groß wie die DDR. Es gibt jedoch keine befahrbaren Straßen Angriff gerieten. Außerdem fühlte ich mich fortwährend an das Wort von der Stecknadel und dem Heuhaufen erinnert: Das Gebiet, in dem die Befreiungsarmee operiert, ist fast doppelt so groß wie die DDR. Es gibt jedoch keine befahrbaren Straßen -Sie wurden unpassierbar gemacht, um den Kolonialtruppen die Kampfbedingungen der Partisanen aufzuzwingen. Wie aber eine Begegnung herbeiführen, wenn er gerade an einem weit entfernten Frontabschnitt steckt und als einziges Fortbewegungsmittel die Füße bleiben? Meine Gefährten weideten sich deshalb an meiner Überraschung, als ich im dritten Camp, ihrer Einladung zum Tee folgend, an dem roh gezimmerten Kommandeurstisch plötzlich dem so lange Gesuchten gegenübersaß.
Außer einem dichten Bart und den zupackenden. Augen hat Samara Machel keine hervorstechenden Merkmale. Es ist schwer zu beschreiben, was ihn eigentlich von den anderen abhebt: seine Vitalität, die Ausstrahlungskraft seiner Persönlichkeit, die Warmherzigkeit, die ihn umgibt, sein aufmerksames Zuhören, aus dem er dann sofort Gegenfragen entwickelt und zum Kern vordringende Schlüsse zieht. Ehe ich überhaupt zu Wort kam, überschüttete er mich mit detaillierten Fragen nach der DDR. Kaderentwicklung und überhaupt das Erziehungswesen seien die Probleme, die der Befreiungsfront momentan am meisten unter den Nägeln brennen. "Was wir zu vermeiden suchen, ist Dogmatismus. Außerdem besteht die Gefahr, daß die Langwierigkeit unseres Kampfes zu einer Monotonie im Denken führen könnte." Die FRELIMO bemühe sich, aus den Erfahrungen anderer Völker zu lernen — vom Partisanenkampf in der Sowjetunion, in Kuba und besonders in Vietnam. "Wir behaupten nicht, auf alles eine Antwort gefunden zu haben. Wenn wir Freunde aus der DDR treffen, dann möchten wir das auch für uns nutzen."

Vom Bauernjungen zum Armeechef

Es erfordert viel Überredungskunst, ihn zum Erzählen seiner Lebensgeschichte zu bewegen. Sie sei recht belanglos, meint er, zumal er keineswegs von sich sagen könne, mit der Befreiungsbewegung groß geworden zu sein. Während er sonst, wenn es um Probleme geht, impulsiv und geradezu übersprudelnd erzählt, dem Dolmetscher — er spricht nur Portugiesisch – immer wieder ins Wort fällt, berichtet er von sich selbst stockend, mit trockener Sachlichkeit und auch nur das Allernötigste:
Als Bauernjunge ist er in der südlichen Provinz Gaza aufgewachsen, in einer landwirtschaftlich reichen Gegend mit Baumwolle und viel Viehzucht. "Aber wir Afrikaner blieben unterernährt, hatten keine Schuhe und kaum Kleidung, weil die Portugiesen Aufkaufpreise festsetzten, die unter dem Existenzminimum blieben. Als einer von wenigen konnte er eine Missionsschule besuchen. Später arbeitete er als Angestellter in der Hauptstadt Lourenco Marques, bezahlte von seinem schwerverdienten Geld Abendkurse für die Oberschule, ohne sie allerdings beenden zu können. "Möglichkeiten, sich politisch zu betätigen, gab es für uns nicht. Mit Fußball und Tanz versuchten uns die Portugiesen abzulenken."
Dann drangen auch nach Mozambique die Nachrichten vom Befreiungskampf im übrigen Afrika — im Kongo unter Patrice Lumumba, in Angola, wo ein Volkskrieg gegen die portugiesischen Kolonialisten begann. Er saß sozusagen fiebernd am Radio, las davon in Zeitungen, die er sich beschaffen konnte. „Zeitungen wurden damals meine ersten politischen Lehrbücher." Als er hörte, daß sich im benachbarten Tansania im Exil unter Dr. Mondlane die FRELIMO gebildet hatte, schlug er sich nach Daressalam durch. Seine Kameraden schickten ihn zur militärischen Ausbildung nach Algerien. Nach seiner Rückkehr bereitete er den bewaffneten Kampf vor, der dann am 25. September 1965 begann. Ein Jahr später wurde er Kommandeur der Befreiungsarmee.
"Ich bin aber kein Berufsmilitär. Oberhaupt würde man unseren Kampf falsch verstehen, wenn man nur die Quadratkilometer zählt, die wir kontrollieren, oder die Feinde, die wir getötet haben. Das Wichtigste ist für uns die politische Arbeit." Auch als ich ihn bitte, die militärische Situation zu umreißen, lenkt er das Gespräch sofort wieder auf das Leben in den befreiten Gebieten.

Jeder greift zum Gewehr

"Daß wir die beiden nördlichen Provinzen Cabo Delgado und Njassa nahezu in unserer Hand haben und auch schon weiter nach Süden vorgedrungen sind, heißt natürlich nicht, daß der Feind keine Möglichkeiten hätte, uns zu stören. Er nutzt seine Stützpunkte, um uns vor allem mit Flugzeugen anzugreifen. Manchmal auch mit Infanterie. Aber da zeigt sich eben der Charakter unseres Befreiungskampfes: Am Anfang verhielten sich große Teile der Bevölkerung noch passiv. Viele waren über die Grenze geflüchtet, um dem Terror der Kolonialtruppen zu entgehen. Jetzt wird es oft schon schwer, eine klare Trennungslinie zwischen Armee und Bevölkerung zu ziehen. Jeder ist bereit zu verteidigen, was wir errungen haben, so daß wir den Schutz der rückwärtigen Gebiete im wesentlichen den Milizverbänden und Frauenabteilungen überlassen und unsere Hauptkräfte an der unmittelbaren Frontlinie konzentrieren können." Eingehend erkundigt er sich nach den Eindrücken, die ich auf meinem Marsch bisher sammeln konnte. Er bricht in schallendes Gelächter aus, als ich ihm gestehe, wie abenteuerlich meine Vorstellungen beim überqueren der Grenze waren: daß Mir uns heimlich durch den Busch schleichen müßten, vielleicht nur nachts; daß ich ein halbverwüstetes und menschenleeres Land erwartet hatte, nie jedoch so viele Dörfer voll pulsierenden Lebens. Als einen der nachhaltigsten Eindrücke nenne ich ihm die Kolonnen, die mir überall begegnet waren — Männer und Frauen, die auf Kopf und Schultern schwere Lasten über Hunderte von Kilometern schleppen: Waffen für die Front, Medikamente, Lebensmittel, überhaupt beeindruckte mich das glänzend organisierte Versorgungssystem mit dem Export von landwirtschaftlichen Produkten im Austausch gegen Textilien und andere Gebrauchsgüter von jenseits der Grenze, überraschend war auch die Tatsache, daß die FRELIMO in der Lage: ist, den Bewohnern der befreiten Gebiete für ihre Kaschunüsse sogar das zu liefern, was man unter solchen Bedingungen als Luxus empfinden würde, z. B. modische Schuhe.
"Ein enges Vertrauensverhältnis mit der Bevölkerung ist für uns das Wichtigste im Kampf", bemerkt Samora Machel. "Gerade durch solche Kleinigkeiten wird für jeden der Unterschied zu den Kolonialisten deutlich, die z. B. einfach ein Huhn ein-. fingen und dafür bestenfalls ein 10-Cen-tavo-Stück hinwarfen." Ich müsse unbedingt mit den Menschen in den Dörfern sprechen, legt er mir nahe, die mit einfachen Mitteln errichteten Schulen und Ambulatorien besuchen, die landwirtschaftlichen Genossenschaften, mich mit der Arbeit der Politkommissare und der Volksverwaltungsausschüsse vertraut machen. Ein Rat, den ich weidlich befolgte. Schon vorher auf dem Marsch waren mir die großen Felder mit Mais, Reis und Maniok aufgefallen – in Dimensionen, wie ich sie unter den Bedingungen des .Partisanenkampfes für unmöglich hielt. Ich sah Frauen, in einem Fall sogar mehr als fünfzig, die gemeinsam den Grund und Boden bearbeiteten. In anderen afrikanischen Ländern traf ich meist nur auf winzige Felder einzelner Familien. Zeichnet sich dadurch schon jetzt das gesellschaftliche System des künftigen Mozambique ab? Ist das ein bewußter Prozeß, dem eine ideologische Konzeption zugrunde liegt?

Ohne Parasiten

Als der bewaffnete Kampf vor sechs Jahren begann, so erzählt Samora Machel, ging es den meisten schlechthin um die Befreiung des Landes vom Kolonialregime. Doch bald setzte in der Bewegung ein Differenzierungsprozeß ein, der durch die Probleme des Aufbaus in den befreiten Gebieten noch verschärft wurde. "Wir mußten schon bald die Tatsache verzeichnen, daß in unseren eigenen Reihen neue Ausbeuter entstanden. Sie hatten sich uns angeschlossen, weil sie hofften, ihre Landsleute nach der Vertreibung der Portugiesen selbst ausplündern zu können." Er berichtet von Lazaro Kavandame, einem Stammeshäuptling, der sich mit Hilfe der FRELIMO eine Hausmacht schaffen wollte, die Bauern um die Früchte ihrer Arbeit betrog und nach seiner Entlarvung Zuflucht in einem portugiesischen Stützpunkt suchte; von dem früheren Vizepräsidenten Simango, der eine ausschließlich nationalistische Linie propagierte und gegen eine ideologische Orientierung zu Felde zog. "Wie kann man aber für die Unabhängigkeit kämpfen, ohne zu sagen, wie diese Unabhängigkeit aussehen soll?"


Das Volk entscheidet

Wie läßt sich nun das Ziel definieren, das die FRELIMO in der gesellschaftlichen Entwicklung erstrebt?
"Wir sind mit solchen Definitionen in der gegenwärtigen Phase unseres Kampfes vorsichtig. Es ist das Volk, das entscheidet. Wir geben nur die Orientierung. Aber die Entscheidung, glaube ich, fällt nicht schwer. Jeder hier hat das kapitalistische System am eigenen Leibe erlebt. Und jeder kann es mit dem vergleichen, was wir gemeinsam geschafft haben." Bedächtig setzt er hinzu: "Ich glaube nicht, daß wir in unserem Kampf ohne die Lehren des Marxismus-Leninismus auskommen könnten." Unser Gespräch wird vom Brummen eines Flugzeuges unterbrochen, das hoch über unseren Köpfen seine Bahn zieht. "Unsere tägliche Begleitmusik", meint Samora Machel lakonisch.
Es ist eine der Maschinen, welche die Verbindung zwischen den portugiesischen Stützpunkten Mueda und Nangade aufrechterhalten. Der Weg zu Lande ist durch die Befreiungsarmee gesperrt. Für mehrere Tage war aber auch der Luftverkehr unterbrochen, erinnert er sich. Verbände der FRELIMO hatten im vorigen Jahr überraschend den Flugplatz von Mueda angegriffen – nicht weit vom Ort unseres Gesprächs gelegen - und 12 Militärmaschinen vernichtet. Wenig später konnten sie in unmittelbarer Nähe noch zwei Aufklärungsflugzeuge und einen Hubschrauber abschießen. Es war der bisher schwärzeste Tag für die portugiesische Luftwaffe.

Einer der Hauptfeinde: Bonn

"Es sind die Flugzeuge, die uns auch heute noch am meisten zu schaffen machen." Ich erwähne, daß ich wenige Tage zuvor selbst einen Luftangriff miterlebt hatte — durch westdeutsche DO 27. "Neben den USA ist in den meisten Fällen Westdeutschland das Herkunftsland. Auch wenn es sich um Fabrikate anderer Länder handelt, wie die kanadischen Sabre F 86 K, die Bonn an Portugal weiterverkaufte, oder die FIAT-Jäger, die mit italienischer Lizenz hergestellt wurden."
Die westdeutsche Regierung bestreite diese Komplizenschaft, werfe ich ein. "Alle bestreiten das, auch die USA. Aber woher kommen denn dann die Flugzeuge, die unsere Dörfer bombardieren? Und es ist ja nicht nur das: Wir hatten Überläufer und auch Gefangene, die uns im Einzelnen bestätigten, wie portugiesische Soldaten ihre Spezialausbildung für den Antigoerillakämpf durch westdeutsche Instrukteure erhielten. Mit Bonner Hilfe ist in Portugal eine Rüstungsfabrik gebaut worden, aus der die meisten der gegen uns eingesetzten Handfeuerwaffen kommen. Der westdeutsche Staat ist also nicht schlechthin ein Verbündeter Portugals - er ist unser unmittelbarer Feind, mit dem wir täglich konfrontiert sind." Ich lenke das Gespräch auf die weiteren Aussichten des Befreiungskampfes: "Vier Fünftel des Landes, und damit auch die strategisch wichtigsten Regionen, befinden sich noch immer fest in portugiesischen Händen. Besteht angesichts der massiven NATO-Unterstützung denn eine reale Chance, den Feind von dort zu vertreiben?"
"Auch das Gebiet, in dem wir jetzt sind, haben wir dem Feind trotz aller NATO-Hilfe entrissen", ist seine Antwort. "„Natürlich wissen wir, daß uns noch ein langwieriger und opferreicher Kampf bevorsteht. Wir müssen auch Rückschläge einstecken." (ich erfuhr später, daß der FRELIMO-Stützpunkt, wo ich mit Samora Machel sprach, bald nach meiner Rückkehr aus Mozambique Ziel eines konzentrierten portugiesischen Angriffs wurde. Nach stundenlangen Bombardements waren Luftlandetruppen mit Hubschraubern herangebracht worden, die allerdings ins Leere stießen, weil die FRELIMO den Stützpunkt rechtzeitig geräumt hatte.)


"Nicht nur Freund ... direkter Verbündeter"

"Als wir den bewaffneten Kampf begannen, waren wir nur eine Handvoll Guerillas. Heute verfügen wir über eine gut ausgebildete und disziplinierte Armee von fast 10000 Bewaffneten. Viele warten nur darauf, daß wir ihnen ein Gewehr geben können. Täglich stoßen neue Kämpfer zu uns. Unsere befreiten Gebiete sind zu einer Zufluchtsstätte für die geworden, die noch unter der Kolonialherrschaft leben." Außerdem, so fügt er hinzu, könne man die Vorgänge in Mozambique nicht isoliert betrachten. "Wir fühlen uns als untrennbarer Teil der weltweiten revolutionären Bewegung gegen den Imperialismus." Er nennt Vietnam ("unser großes Vorbild"), den Kampf der arabischen Völker, die Solidarität der Arbeiterklasse und fortschrittlicher Organisationen in verschiedenen kapitalistischen Staaten, die gerade in jüngster Zeit zu einem verstärkten Druck gegen die Hilfe einiger NATO-Regierungen für Portugal führte.
"Und vor allem die Unterstützung durch die sozialistischen Länder, ohne die wir unseren Kampf nicht führen könnten." Auch die Tatsache, daß ein Journalist aus der DDR nach Mozambique gekommen sei, das Leben der Partisanen teile, wirke sich positiv auf den Kampfgeist aus. „Die DDR hilft uns auf vielerlei Gebieten. Sie ist für uns nicht nur ein Freund, sondern ein direkter Verbündeter."

 
   
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