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Dornengestrüpp,
auf Einbäumen oder bis zu den Hüften im Wasser über reißende
Flußläufe, vorbei an portugiesischen Militärstützpunkten,
die noch immer das Leben im befreiten Gebiet bedrohen.
Stecknadel
im Heuhaufen
Dabei
blieb ungewiß, ob die Begegnung zustande kommen würde. Er
habe
zwar zugesagt,
sich mit mir zu treffen, versicherten meine Gefährten, doch schließlich
sei Krieg, mit all den unberechenbaren Überraschungsmomenten. Schon
an einem der ersten Tage hatte ich das miterlebt, als wir unversehens
in einen portugiesischen Angriff gerieten. Außerdem fühlte
ich mich fortwährend an das Wort von der Stecknadel und dem Heuhaufen
erinnert: Das Gebiet, in dem die Befreiungsarmee operiert, ist fast
doppelt so groß wie die DDR. Es gibt jedoch keine befahrbaren
Straßen Angriff gerieten. Außerdem fühlte ich mich
fortwährend an das Wort von der Stecknadel und dem Heuhaufen erinnert:
Das Gebiet, in dem die Befreiungsarmee operiert, ist fast doppelt so
groß wie die DDR. Es gibt jedoch keine befahrbaren Straßen
-Sie wurden unpassierbar gemacht, um den Kolonialtruppen die Kampfbedingungen
der Partisanen aufzuzwingen. Wie aber eine Begegnung herbeiführen,
wenn er gerade an einem weit entfernten Frontabschnitt steckt und als
einziges Fortbewegungsmittel die Füße bleiben? Meine Gefährten
weideten sich deshalb an meiner Überraschung, als ich im dritten
Camp, ihrer Einladung zum Tee folgend, an dem roh gezimmerten Kommandeurstisch
plötzlich dem so lange Gesuchten gegenübersaß.
Außer einem dichten Bart und den zupackenden. Augen hat Samara
Machel keine hervorstechenden Merkmale. Es ist schwer zu beschreiben,
was ihn eigentlich von den anderen abhebt: seine Vitalität, die
Ausstrahlungskraft seiner Persönlichkeit, die Warmherzigkeit, die
ihn umgibt, sein aufmerksames Zuhören, aus dem er dann sofort Gegenfragen
entwickelt und zum Kern vordringende Schlüsse zieht. Ehe ich überhaupt
zu Wort kam, überschüttete er mich mit detaillierten Fragen
nach der DDR. Kaderentwicklung und überhaupt das Erziehungswesen
seien die Probleme, die der Befreiungsfront momentan am meisten unter
den Nägeln brennen. "Was wir zu vermeiden suchen, ist Dogmatismus.
Außerdem besteht die Gefahr, daß die Langwierigkeit unseres
Kampfes zu einer Monotonie im Denken führen könnte."
Die FRELIMO bemühe sich, aus den Erfahrungen anderer Völker
zu lernen — vom Partisanenkampf in der Sowjetunion, in Kuba und
besonders in Vietnam. "Wir behaupten nicht, auf alles eine Antwort
gefunden zu haben. Wenn wir Freunde aus der DDR treffen, dann möchten
wir das auch für uns nutzen."
Vom
Bauernjungen zum Armeechef
Es erfordert
viel Überredungskunst, ihn zum Erzählen seiner Lebensgeschichte
zu bewegen. Sie sei recht belanglos, meint er, zumal er keineswegs von
sich sagen könne, mit der Befreiungsbewegung groß geworden
zu sein. Während er sonst, wenn es um Probleme geht, impulsiv und
geradezu übersprudelnd erzählt, dem Dolmetscher — er
spricht nur Portugiesisch – immer wieder ins Wort fällt,
berichtet er von sich selbst stockend, mit trockener Sachlichkeit und
auch nur das Allernötigste:
Als Bauernjunge ist er in der südlichen Provinz Gaza aufgewachsen,
in einer landwirtschaftlich reichen Gegend mit Baumwolle und viel Viehzucht.
"Aber wir Afrikaner blieben unterernährt, hatten keine Schuhe
und kaum Kleidung, weil die Portugiesen Aufkaufpreise festsetzten, die
unter dem Existenzminimum blieben. Als einer von wenigen konnte er eine
Missionsschule besuchen. Später arbeitete er als Angestellter in
der Hauptstadt Lourenco Marques, bezahlte von seinem schwerverdienten
Geld Abendkurse für die Oberschule, ohne sie allerdings beenden
zu können. "Möglichkeiten, sich politisch zu betätigen,
gab es für uns nicht. Mit Fußball und Tanz versuchten uns
die Portugiesen abzulenken."
Dann drangen auch nach Mozambique die Nachrichten vom Befreiungskampf
im übrigen Afrika — im Kongo unter Patrice Lumumba, in Angola,
wo ein Volkskrieg gegen die portugiesischen Kolonialisten begann. Er
saß sozusagen fiebernd am Radio, las davon in Zeitungen, die er
sich beschaffen konnte. „Zeitungen wurden damals meine ersten
politischen Lehrbücher." Als er hörte, daß sich
im benachbarten Tansania im Exil unter Dr. Mondlane die FRELIMO gebildet
hatte, schlug er sich nach Daressalam durch. Seine Kameraden schickten
ihn zur militärischen Ausbildung nach Algerien. Nach seiner Rückkehr
bereitete er den bewaffneten Kampf vor, der dann am 25. September 1965
begann. Ein Jahr später wurde er Kommandeur der Befreiungsarmee.
"Ich bin aber kein Berufsmilitär. Oberhaupt würde man
unseren Kampf falsch verstehen, wenn man nur die Quadratkilometer zählt,
die wir kontrollieren, oder die Feinde, die wir getötet haben.
Das Wichtigste ist für uns die politische Arbeit." Auch als
ich ihn bitte, die militärische Situation zu umreißen, lenkt
er das Gespräch sofort wieder auf das Leben in den befreiten Gebieten.
Jeder
greift zum Gewehr
"Daß
wir die beiden nördlichen Provinzen Cabo Delgado und Njassa nahezu
in unserer Hand haben und auch schon weiter nach Süden vorgedrungen
sind, heißt natürlich nicht, daß der Feind keine Möglichkeiten
hätte, uns zu stören. Er nutzt seine Stützpunkte, um
uns vor allem mit Flugzeugen anzugreifen. Manchmal auch mit Infanterie.
Aber da zeigt sich eben der Charakter unseres Befreiungskampfes: Am
Anfang verhielten sich große Teile der Bevölkerung noch passiv.
Viele waren über die Grenze geflüchtet, um dem Terror der
Kolonialtruppen zu entgehen. Jetzt wird es oft schon schwer, eine klare
Trennungslinie zwischen Armee und Bevölkerung zu ziehen. Jeder
ist bereit zu verteidigen, was wir errungen haben, so daß wir
den Schutz der rückwärtigen Gebiete im wesentlichen den Milizverbänden
und Frauenabteilungen überlassen und unsere Hauptkräfte an
der unmittelbaren Frontlinie konzentrieren können." Eingehend
erkundigt er sich nach den Eindrücken, die ich auf meinem Marsch
bisher sammeln konnte. Er bricht in schallendes Gelächter aus,
als ich ihm gestehe, wie abenteuerlich meine Vorstellungen beim überqueren
der Grenze waren: daß Mir uns heimlich durch den Busch schleichen
müßten, vielleicht nur nachts; daß ich ein halbverwüstetes
und menschenleeres Land erwartet hatte, nie jedoch so viele Dörfer
voll pulsierenden Lebens. Als einen der nachhaltigsten Eindrücke
nenne ich ihm die Kolonnen, die mir überall begegnet waren —
Männer und Frauen, die auf Kopf und Schultern schwere Lasten über
Hunderte von Kilometern schleppen: Waffen für die Front, Medikamente,
Lebensmittel, überhaupt beeindruckte mich das glänzend organisierte
Versorgungssystem mit dem Export von landwirtschaftlichen Produkten
im Austausch gegen Textilien und andere Gebrauchsgüter von jenseits
der Grenze, überraschend war auch die Tatsache, daß die FRELIMO
in der Lage: ist, den Bewohnern der befreiten Gebiete für ihre
Kaschunüsse sogar das zu liefern, was man unter solchen Bedingungen
als Luxus empfinden würde, z. B. modische Schuhe.
"Ein enges Vertrauensverhältnis mit der Bevölkerung ist
für uns das Wichtigste im Kampf", bemerkt Samora Machel. "Gerade
durch solche Kleinigkeiten wird für jeden der Unterschied zu den
Kolonialisten deutlich, die z. B. einfach ein Huhn ein-. fingen und
dafür bestenfalls ein 10-Cen-tavo-Stück hinwarfen." Ich
müsse unbedingt mit den Menschen in den Dörfern sprechen,
legt er mir nahe, die mit einfachen Mitteln errichteten Schulen und
Ambulatorien besuchen, die landwirtschaftlichen Genossenschaften, mich
mit der Arbeit der Politkommissare und der Volksverwaltungsausschüsse
vertraut machen. Ein Rat, den ich weidlich befolgte. Schon vorher auf
dem Marsch waren mir die großen Felder mit Mais, Reis und Maniok
aufgefallen – in Dimensionen, wie ich sie unter den Bedingungen
des .Partisanenkampfes für unmöglich hielt. Ich sah Frauen,
in einem Fall sogar mehr als fünfzig, die gemeinsam den Grund und
Boden bearbeiteten. In anderen afrikanischen Ländern traf ich meist
nur auf winzige Felder einzelner Familien. Zeichnet sich dadurch schon
jetzt das gesellschaftliche System des künftigen Mozambique ab?
Ist das ein bewußter Prozeß, dem eine ideologische Konzeption
zugrunde liegt?
Ohne
Parasiten
Als der
bewaffnete Kampf vor sechs Jahren begann, so erzählt Samora Machel,
ging es den meisten schlechthin um die Befreiung des Landes vom Kolonialregime.
Doch bald setzte in der Bewegung ein Differenzierungsprozeß ein,
der durch die Probleme des Aufbaus in den befreiten Gebieten noch verschärft
wurde. "Wir mußten schon bald die Tatsache verzeichnen, daß
in unseren eigenen Reihen neue Ausbeuter entstanden. Sie hatten sich
uns angeschlossen, weil sie hofften, ihre Landsleute nach der Vertreibung
der Portugiesen selbst ausplündern zu können." Er berichtet
von Lazaro Kavandame, einem Stammeshäuptling, der sich mit Hilfe
der FRELIMO eine Hausmacht schaffen wollte, die Bauern um die Früchte
ihrer Arbeit betrog und nach seiner Entlarvung Zuflucht in einem portugiesischen
Stützpunkt suchte; von dem früheren Vizepräsidenten Simango,
der eine ausschließlich nationalistische Linie propagierte und
gegen eine ideologische Orientierung zu Felde zog. "Wie kann man
aber für die Unabhängigkeit kämpfen, ohne zu sagen, wie
diese Unabhängigkeit aussehen soll?"
Das Volk entscheidet
Wie läßt
sich nun das Ziel definieren, das die FRELIMO in der gesellschaftlichen
Entwicklung erstrebt?
"Wir sind mit solchen Definitionen in der gegenwärtigen Phase
unseres Kampfes vorsichtig. Es ist das Volk, das entscheidet. Wir geben
nur die Orientierung. Aber die Entscheidung, glaube ich, fällt
nicht schwer. Jeder hier hat das kapitalistische System am eigenen Leibe
erlebt. Und jeder kann es mit dem vergleichen, was wir gemeinsam geschafft
haben." Bedächtig setzt er hinzu: "Ich glaube nicht,
daß wir in unserem Kampf ohne die Lehren des Marxismus-Leninismus
auskommen könnten." Unser Gespräch wird vom Brummen eines
Flugzeuges unterbrochen, das hoch über unseren Köpfen seine
Bahn zieht. "Unsere tägliche Begleitmusik", meint Samora
Machel lakonisch.
Es ist eine der Maschinen, welche die Verbindung zwischen den portugiesischen
Stützpunkten Mueda und Nangade aufrechterhalten. Der Weg zu Lande
ist durch die Befreiungsarmee gesperrt. Für mehrere Tage war aber
auch der Luftverkehr unterbrochen, erinnert er sich. Verbände der
FRELIMO hatten im vorigen Jahr überraschend den Flugplatz von Mueda
angegriffen – nicht weit vom Ort unseres Gesprächs gelegen
- und 12 Militärmaschinen vernichtet. Wenig später konnten
sie in unmittelbarer Nähe noch zwei Aufklärungsflugzeuge und
einen Hubschrauber abschießen. Es war der bisher schwärzeste
Tag für die portugiesische Luftwaffe.
Einer
der Hauptfeinde: Bonn
"Es
sind die Flugzeuge, die uns auch heute noch am meisten zu schaffen machen."
Ich erwähne, daß ich wenige Tage zuvor selbst einen Luftangriff
miterlebt hatte — durch westdeutsche DO 27. "Neben den USA
ist in den meisten Fällen Westdeutschland das Herkunftsland. Auch
wenn es sich um Fabrikate anderer Länder handelt, wie die kanadischen
Sabre F 86 K, die Bonn an Portugal weiterverkaufte, oder die FIAT-Jäger,
die mit italienischer Lizenz hergestellt wurden."
Die westdeutsche Regierung bestreite diese Komplizenschaft, werfe ich
ein. "Alle bestreiten das, auch die USA. Aber woher kommen denn
dann die Flugzeuge, die unsere Dörfer bombardieren? Und es ist
ja nicht nur das: Wir hatten Überläufer und auch Gefangene,
die uns im Einzelnen bestätigten, wie portugiesische Soldaten ihre
Spezialausbildung für den Antigoerillakämpf durch westdeutsche
Instrukteure erhielten. Mit Bonner Hilfe ist in Portugal eine Rüstungsfabrik
gebaut worden, aus der die meisten der gegen uns eingesetzten Handfeuerwaffen
kommen. Der westdeutsche Staat ist also nicht schlechthin ein Verbündeter
Portugals - er ist unser unmittelbarer Feind, mit dem wir täglich
konfrontiert sind." Ich lenke das Gespräch auf die weiteren
Aussichten des Befreiungskampfes: "Vier Fünftel des Landes,
und damit auch die strategisch wichtigsten Regionen, befinden sich noch
immer fest in portugiesischen Händen. Besteht angesichts der massiven
NATO-Unterstützung denn eine reale Chance, den Feind von dort zu
vertreiben?"
"Auch das Gebiet, in dem wir jetzt sind, haben wir dem Feind trotz
aller NATO-Hilfe entrissen", ist seine Antwort. "„Natürlich
wissen wir, daß uns noch ein langwieriger und opferreicher Kampf
bevorsteht. Wir müssen auch Rückschläge einstecken."
(ich erfuhr später, daß der FRELIMO-Stützpunkt, wo ich
mit Samora Machel sprach, bald nach meiner Rückkehr aus Mozambique
Ziel eines konzentrierten portugiesischen Angriffs wurde. Nach stundenlangen
Bombardements waren Luftlandetruppen mit Hubschraubern herangebracht
worden, die allerdings ins Leere stießen, weil die FRELIMO den
Stützpunkt rechtzeitig geräumt hatte.)
"Nicht nur Freund ... direkter Verbündeter"
"Als
wir den bewaffneten Kampf begannen, waren wir nur eine Handvoll Guerillas.
Heute verfügen wir über eine gut ausgebildete und disziplinierte
Armee von fast 10000 Bewaffneten. Viele warten nur darauf, daß
wir ihnen ein Gewehr geben können. Täglich stoßen neue
Kämpfer zu uns. Unsere befreiten Gebiete sind zu einer Zufluchtsstätte
für die geworden, die noch unter der Kolonialherrschaft leben."
Außerdem, so fügt er hinzu, könne man die Vorgänge
in Mozambique nicht isoliert betrachten. "Wir fühlen uns als
untrennbarer Teil der weltweiten revolutionären Bewegung gegen
den Imperialismus." Er nennt Vietnam ("unser großes
Vorbild"), den Kampf der arabischen Völker, die Solidarität
der Arbeiterklasse und fortschrittlicher Organisationen in verschiedenen
kapitalistischen Staaten, die gerade in jüngster Zeit zu einem
verstärkten Druck gegen die Hilfe einiger NATO-Regierungen für
Portugal führte.
"Und vor allem die Unterstützung durch die sozialistischen
Länder, ohne die wir unseren Kampf nicht führen könnten."
Auch die Tatsache, daß ein Journalist aus der DDR nach Mozambique
gekommen sei, das Leben der Partisanen teile, wirke sich positiv auf
den Kampfgeist aus. „Die DDR hilft uns auf vielerlei Gebieten.
Sie ist für uns nicht nur ein Freund, sondern ein direkter Verbündeter."
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