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Zum
Glück standen wir noch weiter oben unter schützendem Buschwerk,
als das Schießen begann. Dann plötzlich ein aufdringliches
Brummen — ein Hubschrauber, der über uns kreiste und dann
hinter dem nächsten Hügel verschwand. Über ihm ein einmotoriges
Flugzeug, eine westdeutsche DO 27. Dann wieder Explosionen. Diesmal
viel stärker. Von Bomben, wie mir schien. Danach wieder Stille.
Etwa eine Stunde mögen wir noch gewartet haben. Die ausgesandten
Kundschafter kamen wieder zurück. "Avanca!" drängte
Chissano, "Weiter! Wir erreichen sonst heute unseren Stützpunkt
nicht mehr."
Dieses "Weiter!" begleitete mich vom ersten bis zum letzten
Tag. "Avanca!" — wenn sich auf einer kurzen Marschpause
der Puls gerade zu beruhigen begann. "Avanca!" — wenn
uns in einem Dorf die Bauern begrüßten oder wenn sich ein
interessantes Motiv für meine Kamera fand. Das Partisanenleben,
das mir vom Hörensagen so abenteuerlich schien, zeigte sich zunächst
von seiner prosaischsten Seite: als stunden- und tagelanges Marschieren,
als ein zermürbender Gewaltmarsch unter der unbarmherzig brennenden
Sonne.
Es begann, als wir eng zusammengedrückt auf zierlichen Einbäumen
den die Grenze bildenden Ruvuma überquerten. Die Füße
des Hintermanns gegen den Rücken gestemmt, daß es schmerzte,
die schweren Rucksäcke auf den Knien. Ohne Paß und ohne Visum,
doch nicht illegal. In einer grasbedeckten Hütte dicht am Ufer,
dem Grenzkontrollpunkt der FRELIMO, war unser Marschpapier von den rechtmäßigen
Herren des Landes überprüft und für in Ordnung befunden
worden: eine Einladung zum Besuch des befreiten Gebiets mit dem Stempel
"Frente de Libertacao de Mocambique — Comité Executivo".
Wir — das waren außer Chissano und mir der stellvertretende
Politkommissar für die Provinz Cabo Delgado, dem Ziel unserer Reise,
sowie 16 mit Gewehren und Maschinenpistolen bewaffnete Soldaten der
Befreiungsarmee.
Die Regenzeit war gerade im Abklingen. Kilometerweit stand noch das
Wasser. Bodensenkungen hatten sich in Sumpflöcher oder Flußarme
verwandelt. "Avanca!" — wenn wir uns bis zu den Hüften
durch das Wasser gekämpft hatten, die Soldatenmütze schnell
zur Erfrischung in das kühle Naß getaucht. "Avanca!"
— auch wenn sich dann die durchnäßten Schuhe und Strümpfe
mit schmerzenden Blasen rächten und jeden Schritt zur Folter machten.
Später, als das Ruvuma-Tal hinter uns lag, begann das noch kräftezehrendere
Auf und Ab der Berge, das meine Gefährten die Geschwindigkeit kaum
verringern ließ. Und mitunter verengten sich die Buschpfade so
sehr, daß die schützend vors Gesicht gehaltenen Arme bald
die Spuren der dornigen Zweige zeigten.
Wie durch einen Nebelschleier drangen dann die Worte des Kommandeurs
an die mit präsentiertem Gewehr angetretenen Soldaten, als wir
den ersten Stützpunkt der FRELIMO erreichten: daß ein Journalist
aus der Deutschen Demokratischen Republik gekommen sei, daß dieser
Besuch aufs neue bekräftige, was die Befreiungskämpfer immer
wieder spürten — die tätige Solidarität, mit der
die DDR das kämpfende Mocambique unterstützt. Wobei der, dem
diese Worte und das hundertstimmige willkommenheißende "Mashalla"
der Soldaten stellvertretend galten, in diesem Augenblick allergrößte
Mühe hatte, sein so geehrtes Land in halbwegs aufrechter Haltung
zu repräsentieren.
Ich glaubte zu wissen, was mich bei den Partisanen der FRELIMO erwartet,
und hatte mich durch lange Marschierübungen vorbereitet. Doch ich
konnte nicht ahnen, welch geradezu mörderisches Tempo sie vorlegen:
im Schnitt sieben Kilometer pro Stunde, weitaus schneller, als Armee-Einheiten
anderswo marschieren. "Uns bleibt nichts anderes übrig",
sagte der Führer unseres Trupps gleichsam entschuldigend. "Die
Straßen haben wir unpassierbar gemacht, um den Portugiesen unsere
Kampfbedingungen aufzuzwingen. Wir müssen einfach schneller als
der Feind sein."
Da es bisher wenige Augenzeugen gegeben hatte, waren die Berichte über
den Kampf der Befreiungsfront recht fragwürdig. Hinzu kommt, daß
die FRELIMO in jüngster Zeit schwere Prüfungen durchstehen
mußte: Der Führer der Befreiungsfront, Dr. Eduardo Mondlane,
war Anfang vorigen Jahres einem Mordanschlag zum Opfer gefallen. Von
dem dreiköpfigen Präsidium, das danach die Führung übernahm,
hatte der frühere Vizepräsident Simango der Bewegung den Rücken
gekehrt. Einer ihrer leitenden Funktionäre, der Makonde-Häuptling
Lazaro Kavandame, als Verwaltungssekretär für das Gebiet zuständig,
in das wir marschierten, hatte sich als Verräter erwiesen und war
zu den Portugiesen übergelaufen. Mußte das den Kampf nicht
beeinträchtigen?
Doch das fortwährende "Avanca!'', nicht vom Feind diktiert,
sondern vom Willen zum Freiheitskampf; die Tagesmärsche, die wir
unbehelligt und ohne besondere Sicherheitsvorkehrungen absolvierten
— nichts hätte überzeugender beweisen können, fand
ich, wie sehr die FRELIMO das Geschehen in diesem Teil des Landes bestimmt.
Auch das
Gefecht, das ich aus der Ferne miterlebte, konnte diesen Eindruck nur
vertiefen. Als wir das Lager erreichten, dessen Besatzung darin verwickelt
war, ließ ich mir den Hergang erzählen:
Von einem in der Nähe gelegenen Stützpunkt hatte sich eine
portugiesische Einheit in Marsch gesetzt, die Positionen der Befreiungsarmee
anzugreifen. Durch Beobachtungsposten und Melder rechtzeitig informiert,
legten die FRELIMO-Soldaten einen Hinterhalt und konnten den Überfall
abschlagen, ohne selbst Verluste zu erleiden.
"Natürlich .geht es nicht immer so glimpflich für uns
ab", sagte Daniel Polela, der Armeechef für die Provinz Cabo
Delgado. Er erzählte von einem Angriff im vergangenen Jahr, bei
dem die Kolonialtruppen mit solcher Übermacht anrückten, daß
die FRELIMO eines ihrer Camps räumen mußte und dem Feind
auch kostbare Waffen in die Hände fielen.
Auf der Karte zeigte er die portugiesischen Stützpunkte, die noch
immer das Leben in den befreiten Gebieten gefährden. Die beiden
nächsten waren nur etwa je 30 Kilometer von uns entfernt. Einen
anderen hatte ich mit bloßem Auge schon von jenseits der Grenze
wahrnehmen können — nachts, als einzigen Lichterschein weit
und breit.
Ob sie denn nicht zu erobern wären, fragte ich. Im Prinzip schon.
Doch das würde bedeuten, die Hauptfront im Süden zu entblößen,
weil die FRELIMO dann ziemlich viel Truppen konzentrieren müßte.
Außerdem ließen sich die Stützpunkte kaum halten, weil
sie zu leicht erkennbare Bombenziele bieten. "Wir befolgen statt
dessen eine alte afrikanische Volksweisheit: Wenn man eine Schlange
töten will, soll man nicht die Hand in ihr Loch stecken, sondern
heißes Wasser hineinschütten und sie dann erschlagen, wenn
sie herauskommt. Wir haben die feindlichen Stützpunkte nahezu isoliert
und von ihren Verbindungswegen zu Lande abgeschnitten. Dadurch müssen
sie gelegentlich aus ihren Schlupflöchern herauskommen, und wir
fügen ihnen dann Verluste zu."
Am nächsten Morgen kamen wieder Flugzeuge und bombardierten die
weitere Umgebung. Meine Gefährten hatten das schon am Tage .zuvor
prophezeit: "Sie tun das immer, wenn sie in einen Hinterhalt geraten
sind." Erkennbaren Schaden schienen sie nicht anzurichten. Die
Stellungen der Befreiungsarmee und die Hütten der Bevölkerung
sind durch den dichten Busch gegen jede Einsicht von oben gedeckt. In
einem in der Nähe gelegenen FRELIMO-Hospital sah ich dann allerdings
zwei Frauen, die von Bombensplittern getroffen waren. Die eine am Kopf,
die andere an der Schulter verletzt. Und es waren wieder westdeutsche
Flugzeuge gewesen — die gleichen DO 27.
Als ich später Samora Machel traf, den Oberkommandierenden der
Befreiungsarmee, fragte ich ihn, was er von der Bonner Behauptung halte,
Westdeutschland liefere zwar Waffen an Portugal,
es sei jedoch dafür Sorge getragen, daß sie nur im Rahmen
gemeinsamer NATO-Aufgaben in Europa eingesetzt werden, nicht aber in
"Spannungsgebieten" wie den portugiesischen Kolonien. Seine
Antwort: "Es vergeht ja kaum ein Tag, an dem wir hier nicht mit
der Nase darauf gestoßen werden. Westdeutschland ist nicht schlechthin
ein Verbündeter Portugals — es ist unser unmittelbarer Feind,
mit dem wir fortwährend konfrontiert sind."
Die FRELIMO führt genau Buch über die Flugzeugtypen, mit denen
die portugiesische Kolonialarmee operiert. Neben den DO 27, die ich
selbst sah, sind das FIAT-Jäger G 91, die unter italienischer Lizenz
in Westdeutschland hergestellt wurden. Noratlas-Transportmaschinen aus
westdeutsch-französischer Koproduktion. Fouiga-Magister-Schulflugzeuge,
einst von der Bundeswehr genutzt und für den Einsatz im Kolonialkrieg
speziell mit Bordwaffen versehen. Düsenjäger vom Typ Sabre
F 86, die nach der Umrüstung der Bonner Luftwaffe auf den Starfighter
an Portugal geliefert wurden.
Nach den Maßstäben der heutigen Kriegstechnik sind sie größtenteils
veraltet. Doch für den Einsatz im afrikanischen Busch, für
den Mord an afrikanischen Frauen und Kindern eignen sie sich nach wie
vor. Zum Teil sogar besser als modernes Gerät. Und die Befreiungsarmee
hat ihnen nichts entgegenzusetzen. "Die feindliche Luftwaffe ist
im Grunde das, was uns die größten Sorgen macht", hörte
ich immer wieder, wenn ich mit Kommandeuren die militärische Lage
erörterte.
Und es gehört wahrlich nicht viel Phantasie dazu, sich auszurechnen,
wie es um das über keine eigene Flugzeugindustrie verfügende
Kolonialregime stünde, wenn es sich nicht hinter dieser NATO-Hilfe
verschanzen könnte.
Doch es sind nicht nur Flugzeuge. Auf Fotos, die bei gefallenen Portugiesen
gefunden wurden, sah ich mit Maschinengewehren ausgerüstete Unimog-Geländefahrzeuge
mit dem Mercedes-Stern. Als ich mir erbeutete Waffen zeigen ließ,
waren das einige französische Mörser und englische Granatwerfer.
Daneben auch Waffen der faschistischen Wehrmacht aus dem letzten Krieg
— Karabiner 98 und Maschinengewehre MG 42. Zu Hunderten jedoch
automatische Schnellfeuergewehre vom Typ G 3 — unter westdeutscher
Lizenz in der mit Bonner Hilfe errichteten Rüstungsfabrik in Brago
da Prata hergestellt. Seit mehreren Jahren die Standardausrüstung
der portugiesischen Kolonialarmee. "Jetzt nutzen wir sie gegen
den Feind'', sagte der Waffenmeister, als er die nötigen Erläuterungen
dazu gab. "Aber vorher haben sie unsere Kameraden und wehrlose
Zivilisten getötet."
In dem Stützpunkt mit dem Codenamen "Beira", dem Ausbildungszentrum
der Befreiungsarmee für die Provinz Cabo Delgado, blieb das unerbittliche
"AvanQa!" unseres Partisanenlebens zwei lange Tage unausgesprochen.
Endlich Zeit, die durchgeschwitzte Wäsche in der Sonne auszulüften;
die Blasen an den Füßen zu behandeln, von denen sich einige
inzwischen entzündet hatten. Zeit vor allem, den Alltag der Soldaten
kennenzulernen.
In ihrem
Äußeren entsprechen sie ziemlich genau dem Bild, das man
sich von verwegenen Guerillas im afrikanischen Busch macht: Uniformteile
aus Heeresbeständen aller möglichen Länder oder auch
selbstgenäht, vielfach schon zerschlissen. An den Füßen
Gummisandalen oder eine Art Turnschuhe, einige mit genagelten Armeestiefeln,
manche barfuß. Doch geradezu verblüffend ist die militärische
Disziplin — beim Exerzieren, bei Gewehrübungen oder beim
täglichen Appell. Und ebenso natürlich beim Kampf.
Der Stützpunkt selbst ist ein weit ausgedehnter Komplex: Komfortable
Hütten aus Bambus oder Palmenholz, zum Schutz vor Fliegerangriffen
unter Busch und Bäumen verstreut. Sogar duschen konnte ich mich
— hinter einem Lattengestell auf einem Knüppelrost, mit der
Schöpfkelle aus dem Wassereimer. Überall sauber gefegte, von
Hecken eingefaßte Wege. In der Mitte ein großer Appellplatz.
Um den Fahnenmast mit rotleuchtenden Blumen die Karte von Mocambique
und das Wort FRELIMO ausgepflanzt.
Und diese Armee, knapp 10.000 Bewaffnete, hat seit dem Beginn des militärischen
Kampfes im September 1964 einem mehr als sechsfach überlegenen
und weitaus besser bewaffneten Feind ein Gebiet von der anderthalbfachen
Größe der DDR entrissen. Sie hat die beiden nördlichen
Provinzen Cafoo Delgado und Niassa fast völlig befreit und ihre
Operationen bereits weiter nach Süden ausgedehnt. Mit Partisanentrupps
kämpft sie auch in der vom Sambesi durchschnittenen Provinz Tete,
wo mit massiver westdeutscher Beteiligung der Cabora-Bassa-Damm entstehen
soll: Nicht nur als Energiequelle für die Rassisten, sondern mit
der geplanten Ansiedlung von einer Million weißer „Wehrbauern"
auch als lebende Mauer gegen die Befreiungsfront.
Vor Jahren hatte ich den später ermordeten Dr. Mondlane bei einer
Begegnung in Daressalam gefragt, ob ich ihn nicht in das Kampfgebiet
begleiten könne. Ich müsse mir erst das Gesicht schwarz färben,
meinte er damals mit einem bedauernden Lächeln. "Eines Tages
wird das sicher kein Problem mehr sein. Aber jetzt hätten viele
unserer Landsleute wahrscheinlich noch, kein Verständnis dafür,
wenn plötzlich ein Weißer bei ihnen auftauchte."
Um so mehr überraschte mich jetzt bei meinem Besuch, daß
jeder, den ich ansprach, sofort aufsprang, das Gewehr oder die MPI präsentierte
und mich als "Camarada Chefe" begrüßte, der Anrede
für Kommandeure.
Auch meine Gefährten lächelten, als ich ihnen vom Gespräch
mit Dr. Mondlane erzählte. Es war das Lächeln der Sieger,
die eine schwere Siegstrecke hinter sich wissen. "Sogar manche
unserer Freude messen unsere Erfolge nur an den militärischen Operationen,
sagte Joaquim Chissano, einer der engsten Kampfgefährten Dr. Mondlanes.
"Für uns ist das wichtigste die politische Arbeit unter der
Bevölkerung. Sonst wären wir auch militärisch nie über
begrenzte Guerilla-Aktionen hinausgekommen."
So manchen
Abend, wenn die plötzlich hereinbrechende Dunkelheit dem Geschehen
in den Stützpunkten zwangsläufig ein Ende setzte, sprachen
wir über die Konzeption des Befreiungskampfes — bei dampfendem
Tee und beim abgeblendeten Licht einer Taschenlampe, um nicht portugiesische
Flugzeuge auf uns aufmerksam zu machen. An einem dieser Abende gesellte
sich auch der Armeechef Samora Machel zu uns, der kurz nach meiner Rückkehr
aus Mocambique auf einer Tagung des Zentralkomitees zum amtierenden
Präsidenten der FRELIMO gewählt wurde.
Als der bewaffnete Kampf vor sechs Jahren begann, hatten sich die verschiedensten
Strömungen in der Bewegung zusammengefunden, sagte er. Viele bezogen
eine ausschließlich nationalistische Position. Der Freund war
"schwarz", der Feind "weiß". Ferner gab es
sogar bis in die Führungsspitze Elemente, die darauf spekulierten,
ihre Landsleute nach der Vertreibung der Kolonialisten selbst auszubeuten,
wie Kavandame und Simango. Deshalb sabotierten sie die Organe der Volksmacht,
die sich in den befreiten Gebieten herausbildeten, und verbreiteten
die These, eine ideologische Konzeption für die zu schaffenden
gesellschaftlichen Verhältnisse sei schädlich, weil es jetzt
nur um die Befreiung vom Kolonialismus gehe. "Wie kann man aber
für die Unabhängigkeit kämpfen", betonte der Armeechef,
"ohne klarzustellen, wie sie aussehen soll? Wir haben uns doch
nicht von Parasiten befreit, um neue Parasiten
in den eigenen Reihen heranzuzüchten."
Daß sich im Verlauf des Kampfes die Spreu vom Weizen sondert,
wird durch die Erfordernisse des Aufbaus in der befreiten Gebieten noch
beschleunigt. "Wir mußten unsere eigenen Verwaltungsorgane
schaffen, die landwirtschaftliche Produktion in Gang bringen, Schulen
und Krankenhäuser einrichten. Aber- wie? Selbst wenn wir nicht
wollten — wir müssen ja zwangsläufig schon jetzt das
Gesicht des künftiger Mocambique bestimmen."
Schon während des Marsches waren mir die ausgedehnten Felder aufgefallen.
Manche davon weiter, als das Auge reicht. Maniok, ein Strauch mit stärkehaltigen
Wurzelknollen, die in den meisten afrikanischen Ländern den Platz
unserer Kartoffeln einnehmen, fast immer zusammen mit Reis und Mais
angebaut. Weil sich die Felder nicht wie alles andere unter dem Busch
verstecken lassen, werfen portugiesische Flugzeuge während der
Trockenperiode oft Napalm, um die Ernte zu vernichten. An den Feldrändern,
wo der schützende Busch beginnt, sah ich viele mit Zweigen abgedeckte
Erdlöcher als Zufluchtstätten vor Luftangriffen.
Einige der Felder hat die FRELIMO zur Versorgung der Armee angelegt
Andere werden individuell bewirtschaftet. Der größte Teil
aber ist genossenschaftliches Eigentum. "Wir drängen niemanden
in die Genossenschaften", erläuterte der Politkommissar des
Distrikts, der uns durch sein Gebiet begleitete. "Doch die praktischen
Erfahrungen bringen die meisten von selbst dazu."
"Reden allein genügt nicht", fügte der Politkommissar
hinzu. "Obwohl wir natürlich politische Seminare abhalten
-zum Beispiel für die Dorfältesten — ist der beste Lehrmeister
die eigene Erfahrung. Jeder hier hat am eigenen Leibe die Ausbeutung
durch die Portugiesen miterlebt, und jeder sieht, was die gemeinsame
Arbeit zuwege bringt."
Wir besichtigten das Krankenhaus des Distrikts: die mir nun schon vertrauten
Hütten, etwa zehn davon, auch wieder weit auseinandergezogen. Die
FRELIMO verfügt über keinen einzigen Arzt. Es sind Heilgehilfen,
die Kranke behandeln, Verwundete verbinden und sogar operieren. Mit
einem mehr als bescheidenen Medikamentenschrank und nur den allereinfachsten
chirurgischen Instrumenten. Die Entwicklung des Gesundheitswesens ist
momentan das schwierigste Problem im befreiten Gebiet. Und doch ist
es weitaus mehr, als die Portugiesen in 500 Jahren Kolonialherrschaft
zustande brachten. Es gibt bereits eine Mütter- und Säuglingsfürsorge.
Während der letzten Jahre konnten im freien Mocambique Hunderttausende
gegen Pocken geimpft werden — eine Aktion, die durch die solidarische
Hilfe befreundeter Länder möglich wurde.
Nach etwa
einer Stunde Fußmarsch eine größere Siedlung: das Verwaltungszentrum
des Distrikts. Wären es nicht die vielen Gewehre und die zum Schutz
angelegten Erdhöhlen — man könnte fast vergessen, daß
Krieg herrscht. Pulsierendes Leben überall. Arbeitskolonnen, die
neue Hütten bauen. Junge Mädchen, die in Mörsern Mais
zerstampfen und die schwere Arbeit mit einem fröhlichen Ritual
verbinden, indem sie den als Stößel dienenden Holzstamm hochwerfen,
rhythmisch in die Hände klatschen, ihn wieder auffangen und im
Takt dazu singen. Unter einem schattenspendenden Baum eine Gruppe von
Holzschnitzern, die aus Ebenholz mit Hammer und Stechbeitel eigenwillige
Figuren herausarbeiten. Der Makonde-Stamm, der in diesem Gebiet lebt,
ist weit und breit berühmt für diese Kunst.
Als nächstes Ziel ein Komplex von Hütten, etwas abseits der
Siedlung: "Unsere Internatsschule!" Eine Internatsschule im
Busch? Sie ist für die Kinder eingerichtet worden, deren Eltern
an der Front stehen. Die Wohnhütten, jeweils vier Bettstellen und
aus Knüppelholz mit Bast zusammengebundene Regale darin, erwiesen
sich als leer. Die Bewohner fand ich unweit davon in den "Klassenräumen"
— aus Ästen roh zusammengezimmerte Tische und Bänke
unter einem von Stämmen gestützten Grasdach. Einige saßen
auch auf gefällten Baumstämmen unter freiem Himmel. Es waren
etwa ein Dutzend Schulklassen, in denen ich Unterricht in Lesen und
Schreiben, Mathematik und Geografie verfolgen konnte. Neben den "Internatsschülern"
auch Kinder aller Altersstufen, die aus der weiteren Umgebung kommen.
In einigen Klassen ausschließlich Erwachsene, viele mit dem Gewehr
gegen die Bank gelehnt, in anderen auch Erwachsene und Kinder gemischt.
Ich traute meinen Augen nicht, als ich die Schreibhefte sah: "Art.-Nr.
215/c EVP MDN 0,10." Mein Begleiter weidete sich an meiner Überraschung.
"Die Decke, unter der du heute nacht geschlafen hast, stammt auch
aus der DDR. Genauso die Kessel, in denen wir das Essen kochen."
Natürlich — ich wußte, daß wir den Befreiungskampf
in den portugiesischen Kolonien auch materiell unterstützen. Aber
mir wurde doch wärmer ums Herz, als ich die Zeichen der Solidarität
so unmittelbar erlebte.
Auch als ich wenige Tage später plötzlich auf deutsch angesprochen
wurde. Etwas stockend zwar, aber mit unverkennbarem Berliner Einschlag:
„Armando Pangene", stellte er sich vor: ein hochaufgeschossener
Kommandeur, der aus der Nachbarprovinz Njassa gekommen war. Bei einem
Bombenangriff sei er schwer verwundet worden. In der Berliner Charité
habe man ihn wieder gesundgepflegt, fünf Monate lang, mit Heilgymnastik.
" bin der DDR so dankbar. Jetzt kann ich wieder kämpfen."
"Niemand kann uns die Aufgabe abnehmen, unser Land von den Kolonialisten
zu befreien", sagte Samora Machel beim Abschied. „Aber es
kämpft sich leichter, wenn man die Hilfe guter Freunde spürt.
Und die DDR empfinden wir als unseren Freund. Wir wissen sie fest an
unserer Seite."
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