Auf Partisanenpfaden durch Mocambique

"Mashalla" das Willkommen für den Freund Von Peter S p a c e k

Aus der Ferne waren Schüsse zu hören. Vermischt mit dumpfen Explosionen. Etwa fünfzehn Minuten lang. Dann wieder Stille. "Also erlebst du doch noch den Krieg bei uns", meinte Joaquim Chissano, Sekretär des Exekutivkomitees der Befreiungsfront FRELIMO, der Führer unseres Trupps, mit

 
 

dem ich nun schon tagelang auf schmalen Buschpfaden durch Mocambique gezogen war. Dabei erschien mir gerade dieser Flecken als der Inbegriff eines friedlichen Idylls: Vor uns ein weites, sanft abfallendes Tal mit saftigen Wiesen, durchzogen von einer Kette kleinerer Seen, fast völlig von Wasserpflanzen bedeckt.

 
 

Zum Glück standen wir noch weiter oben unter schützendem Buschwerk, als das Schießen begann. Dann plötzlich ein aufdringliches Brummen — ein Hubschrauber, der über uns kreiste und dann hinter dem nächsten Hügel verschwand. Über ihm ein einmotoriges Flugzeug, eine westdeutsche DO 27. Dann wieder Explosionen. Diesmal viel stärker. Von Bomben, wie mir schien. Danach wieder Stille.
Etwa eine Stunde mögen wir noch gewartet haben. Die ausgesandten Kundschafter kamen wieder zurück. "Avanca!" drängte Chissano, "Weiter! Wir erreichen sonst heute unseren Stützpunkt nicht mehr."
Dieses "Weiter!" begleitete mich vom ersten bis zum letzten Tag. "Avanca!" — wenn sich auf einer kurzen Marschpause der Puls gerade zu beruhigen begann. "Avanca!" — wenn uns in einem Dorf die Bauern begrüßten oder wenn sich ein interessantes Motiv für meine Kamera fand. Das Partisanenleben, das mir vom Hörensagen so abenteuerlich schien, zeigte sich zunächst von seiner prosaischsten Seite: als stunden- und tagelanges Marschieren, als ein zermürbender Gewaltmarsch unter der unbarmherzig brennenden Sonne.


Es begann, als wir eng zusammengedrückt auf zierlichen Einbäumen den die Grenze bildenden Ruvuma überquerten. Die Füße des Hintermanns gegen den Rücken gestemmt, daß es schmerzte, die schweren Rucksäcke auf den Knien. Ohne Paß und ohne Visum, doch nicht illegal. In einer grasbedeckten Hütte dicht am Ufer, dem Grenzkontrollpunkt der FRELIMO, war unser Marschpapier von den rechtmäßigen Herren des Landes überprüft und für in Ordnung befunden worden: eine Einladung zum Besuch des befreiten Gebiets mit dem Stempel "Frente de Libertacao de Mocambique — Comité Executivo".
Wir — das waren außer Chissano und mir der stellvertretende Politkommissar für die Provinz Cabo Delgado, dem Ziel unserer Reise, sowie 16 mit Gewehren und Maschinenpistolen bewaffnete Soldaten der Befreiungsarmee.
Die Regenzeit war gerade im Abklingen. Kilometerweit stand noch das Wasser. Bodensenkungen hatten sich in Sumpflöcher oder Flußarme verwandelt. "Avanca!" — wenn wir uns bis zu den Hüften durch das Wasser gekämpft hatten, die Soldatenmütze schnell zur Erfrischung in das kühle Naß getaucht. "Avanca!" — auch wenn sich dann die durchnäßten Schuhe und Strümpfe mit schmerzenden Blasen rächten und jeden Schritt zur Folter machten.


Später, als das Ruvuma-Tal hinter uns lag, begann das noch kräftezehrendere Auf und Ab der Berge, das meine Gefährten die Geschwindigkeit kaum verringern ließ. Und mitunter verengten sich die Buschpfade so sehr, daß die schützend vors Gesicht gehaltenen Arme bald die Spuren der dornigen Zweige zeigten.
Wie durch einen Nebelschleier drangen dann die Worte des Kommandeurs an die mit präsentiertem Gewehr angetretenen Soldaten, als wir den ersten Stützpunkt der FRELIMO erreichten: daß ein Journalist aus der Deutschen Demokratischen Republik gekommen sei, daß dieser Besuch aufs neue bekräftige, was die Befreiungskämpfer immer wieder spürten — die tätige Solidarität, mit der die DDR das kämpfende Mocambique unterstützt. Wobei der, dem diese Worte und das hundertstimmige willkommenheißende "Mashalla" der Soldaten stellvertretend galten, in diesem Augenblick allergrößte Mühe hatte, sein so geehrtes Land in halbwegs aufrechter Haltung zu repräsentieren.
Ich glaubte zu wissen, was mich bei den Partisanen der FRELIMO erwartet, und hatte mich durch lange Marschierübungen vorbereitet. Doch ich konnte nicht ahnen, welch geradezu mörderisches Tempo sie vorlegen: im Schnitt sieben Kilometer pro Stunde, weitaus schneller, als Armee-Einheiten anderswo marschieren. "Uns bleibt nichts anderes übrig", sagte der Führer unseres Trupps gleichsam entschuldigend. "Die Straßen haben wir unpassierbar gemacht, um den Portugiesen unsere Kampfbedingungen aufzuzwingen. Wir müssen einfach schneller als der Feind sein."
Da es bisher wenige Augenzeugen gegeben hatte, waren die Berichte über den Kampf der Befreiungsfront recht fragwürdig. Hinzu kommt, daß die FRELIMO in jüngster Zeit schwere Prüfungen durchstehen mußte: Der Führer der Befreiungsfront, Dr. Eduardo Mondlane, war Anfang vorigen Jahres einem Mordanschlag zum Opfer gefallen. Von dem dreiköpfigen Präsidium, das danach die Führung übernahm, hatte der frühere Vizepräsident Simango der Bewegung den Rücken gekehrt. Einer ihrer leitenden Funktionäre, der Makonde-Häuptling Lazaro Kavandame, als Verwaltungssekretär für das Gebiet zuständig, in das wir marschierten, hatte sich als Verräter erwiesen und war zu den Portugiesen übergelaufen. Mußte das den Kampf nicht beeinträchtigen?


Doch das fortwährende "Avanca!'', nicht vom Feind diktiert, sondern vom Willen zum Freiheitskampf; die Tagesmärsche, die wir unbehelligt und ohne besondere Sicherheitsvorkehrungen absolvierten — nichts hätte überzeugender beweisen können, fand ich, wie sehr die FRELIMO das Geschehen in diesem Teil des Landes bestimmt.

Auch das Gefecht, das ich aus der Ferne miterlebte, konnte diesen Eindruck nur vertiefen. Als wir das Lager erreichten, dessen Besatzung darin verwickelt war, ließ ich mir den Hergang erzählen:
Von einem in der Nähe gelegenen Stützpunkt hatte sich eine portugiesische Einheit in Marsch gesetzt, die Positionen der Befreiungsarmee anzugreifen. Durch Beobachtungsposten und Melder rechtzeitig informiert, legten die FRELIMO-Soldaten einen Hinterhalt und konnten den Überfall abschlagen, ohne selbst Verluste zu erleiden.
"Natürlich .geht es nicht immer so glimpflich für uns ab", sagte Daniel Polela, der Armeechef für die Provinz Cabo Delgado. Er erzählte von einem Angriff im vergangenen Jahr, bei dem die Kolonialtruppen mit solcher Übermacht anrückten, daß die FRELIMO eines ihrer Camps räumen mußte und dem Feind auch kostbare Waffen in die Hände fielen.


Auf der Karte zeigte er die portugiesischen Stützpunkte, die noch immer das Leben in den befreiten Gebieten gefährden. Die beiden nächsten waren nur etwa je 30 Kilometer von uns entfernt. Einen anderen hatte ich mit bloßem Auge schon von jenseits der Grenze wahrnehmen können — nachts, als einzigen Lichterschein weit und breit.


Ob sie denn nicht zu erobern wären, fragte ich. Im Prinzip schon. Doch das würde bedeuten, die Hauptfront im Süden zu entblößen, weil die FRELIMO dann ziemlich viel Truppen konzentrieren müßte. Außerdem ließen sich die Stützpunkte kaum halten, weil sie zu leicht erkennbare Bombenziele bieten. "Wir befolgen statt dessen eine alte afrikanische Volksweisheit: Wenn man eine Schlange töten will, soll man nicht die Hand in ihr Loch stecken, sondern heißes Wasser hineinschütten und sie dann erschlagen, wenn sie herauskommt. Wir haben die feindlichen Stützpunkte nahezu isoliert und von ihren Verbindungswegen zu Lande abgeschnitten. Dadurch müssen sie gelegentlich aus ihren Schlupflöchern herauskommen, und wir fügen ihnen dann Verluste zu."


Am nächsten Morgen kamen wieder Flugzeuge und bombardierten die weitere Umgebung. Meine Gefährten hatten das schon am Tage .zuvor prophezeit: "Sie tun das immer, wenn sie in einen Hinterhalt geraten sind." Erkennbaren Schaden schienen sie nicht anzurichten. Die Stellungen der Befreiungsarmee und die Hütten der Bevölkerung sind durch den dichten Busch gegen jede Einsicht von oben gedeckt. In einem in der Nähe gelegenen FRELIMO-Hospital sah ich dann allerdings zwei Frauen, die von Bombensplittern getroffen waren. Die eine am Kopf, die andere an der Schulter verletzt. Und es waren wieder westdeutsche Flugzeuge gewesen — die gleichen DO 27.


Als ich später Samora Machel traf, den Oberkommandierenden der Befreiungsarmee, fragte ich ihn, was er von der Bonner Behauptung halte, Westdeutschland liefere zwar Waffen an
Portugal, es sei jedoch dafür Sorge getragen, daß sie nur im Rahmen gemeinsamer NATO-Aufgaben in Europa eingesetzt werden, nicht aber in "Spannungsgebieten" wie den portugiesischen Kolonien. Seine Antwort: "Es vergeht ja kaum ein Tag, an dem wir hier nicht mit der Nase darauf gestoßen werden. Westdeutschland ist nicht schlechthin ein Verbündeter Portugals — es ist unser unmittelbarer Feind, mit dem wir fortwährend konfrontiert sind."


Die FRELIMO führt genau Buch über die Flugzeugtypen, mit denen die portugiesische Kolonialarmee operiert. Neben den DO 27, die ich selbst sah, sind das FIAT-Jäger G 91, die unter italienischer Lizenz in Westdeutschland hergestellt wurden. Noratlas-Transportmaschinen aus westdeutsch-französischer Koproduktion. Fouiga-Magister-Schulflugzeuge, einst von der Bundeswehr genutzt und für den Einsatz im Kolonialkrieg speziell mit Bordwaffen versehen. Düsenjäger vom Typ Sabre F 86, die nach der Umrüstung der Bonner Luftwaffe auf den Starfighter an Portugal geliefert wurden.
Nach den Maßstäben der heutigen Kriegstechnik sind sie größtenteils veraltet. Doch für den Einsatz im afrikanischen Busch, für den Mord an afrikanischen Frauen und Kindern eignen sie sich nach wie vor. Zum Teil sogar besser als modernes Gerät. Und die Befreiungsarmee hat ihnen nichts entgegenzusetzen. "Die feindliche Luftwaffe ist im Grunde das, was uns die größten Sorgen macht", hörte ich immer wieder, wenn ich mit Kommandeuren die militärische Lage erör
terte. Und es gehört wahrlich nicht viel Phantasie dazu, sich auszurechnen, wie es um das über keine eigene Flugzeugindustrie verfügende Kolonialregime stünde, wenn es sich nicht hinter dieser NATO-Hilfe verschanzen könnte.


Doch es sind nicht nur Flugzeuge. Auf Fotos, die bei gefallenen Portugiesen gefunden wurden, sah ich mit Maschinengewehren ausgerüstete Unimog-Geländefahrzeuge mit dem Mercedes-Stern. Als ich mir erbeutete Waffen zeigen ließ, waren das einige französische Mörser und englische Granatwerfer. Daneben auch Waffen der faschistischen Wehrmacht aus dem letzten Krieg — Karabiner 98 und Maschinengewehre MG 42. Zu Hunderten jedoch automatische Schnellfeuergewehre vom Typ G 3 — unter westdeutscher Lizenz in der mit Bonner Hilfe errichteten Rüstungsfabrik in Brago da Prata hergestellt. Seit mehreren Jahren die Standardausrüstung der portugiesischen Kolonialarmee. "Jetzt nutzen wir sie gegen den Feind'', sagte der Waffenmeister, als er die nötigen Erläuterungen dazu gab. "Aber vorher haben sie unsere Kameraden und wehrlose Zivilisten getötet."


In dem Stützpunkt mit dem Codenamen "Beira", dem Ausbildungszentrum der Befreiungsarmee für die Provinz Cabo Delgado, blieb das unerbittliche "AvanQa!" unseres Partisanenlebens zwei lange Tage unausgesprochen. Endlich Zeit, die durchgeschwitzte Wäsche in der Sonne auszulüften; die Blasen an den Füßen zu behandeln, von denen sich einige inzwischen entzündet hatten. Zeit vor allem, den Alltag der Soldaten kennenzulernen.

In ihrem Äußeren entsprechen sie ziemlich genau dem Bild, das man sich von verwegenen Guerillas im afrikanischen Busch macht: Uniformteile aus Heeresbeständen aller möglichen Länder oder auch selbstgenäht, vielfach schon zerschlissen. An den Füßen Gummisandalen oder eine Art Turnschuhe, einige mit genagelten Armeestiefeln, manche barfuß. Doch geradezu verblüffend ist die militärische Disziplin — beim Exerzieren, bei Gewehrübungen oder beim täglichen Appell. Und ebenso natürlich beim Kampf.
Der Stützpunkt selbst ist ein weit ausgedehnter Komplex: Komfortable Hütten aus Bambus oder Palmenholz, zum Schutz vor Fliegerangriffen unter Busch und Bäumen verstreut. Sogar duschen konnte ich mich — hinter einem Lattengestell auf einem Knüppelrost, mit der Schöpfkelle aus dem Wassereimer. Überall sauber gefegte, von Hecken eingefaßte Wege. In der Mitte ein großer Appellplatz. Um den Fahnenmast mit rotleuchtenden Blumen die Karte von Mocambique und das Wort FRELIMO ausgepflanzt.


Und diese Armee, knapp 10.000 Bewaffnete, hat seit dem Beginn des militärischen Kampfes im September 1964 einem mehr als sechsfach überlegenen und weitaus besser bewaffneten Feind ein Gebiet von der anderthalbfachen Größe der DDR entrissen. Sie hat die beiden nördlichen Provinzen Cafoo Delgado und Niassa fast völlig befreit und ihre Operationen bereits weiter nach Süden ausgedehnt. Mit Partisanentrupps kämpft sie auch in der vom Sambesi durchschnittenen Provinz Tete, wo mit massiver westdeutscher Beteiligung der Cabora-Bassa-Damm entstehen soll: Nicht nur als Energiequelle für die Rassisten, sondern mit der geplanten Ansiedlung von einer Million weißer „Wehrbauern" auch als lebende Mauer gegen die Befreiungsfront.


Vor Jahren hatte ich den später ermordeten Dr. Mondlane bei einer Begegnung in Daressalam gefragt, ob ich ihn nicht in das Kampfgebiet begleiten könne. Ich müsse mir erst das Gesicht schwarz färben, meinte er damals mit einem bedauernden Lächeln. "Eines Tages wird das sicher kein Problem mehr sein. Aber jetzt hätten viele unserer Landsleute wahrscheinlich noch, kein Verständnis dafür, wenn plötzlich ein Weißer bei ihnen auftauchte."
Um so mehr überraschte mich jetzt bei meinem Besuch, daß jeder, den ich ansprach, sofort aufsprang, das Gewehr oder die MPI präsentierte und mich als "Camarada Chefe" begrüßte, der Anrede für Kommandeure.
Auch meine Gefährten lächelten, als ich ihnen vom Gespräch mit Dr. Mondlane erzählte. Es war das Lächeln der Sieger, die eine schwere Siegstrecke hinter sich wissen. "Sogar manche unserer Freude messen unsere Erfolge nur an den militärischen Operationen, sagte Joaquim Chissano, einer der engsten Kampfgefährten Dr. Mondlanes. "Für uns ist das wichtigste die politische Arbeit unter der Bevölkerung. Sonst wären wir auch militärisch nie über begrenzte Guerilla-Aktionen hinausgekommen."

So manchen Abend, wenn die plötzlich hereinbrechende Dunkelheit dem Geschehen in den Stützpunkten zwangsläufig ein Ende setzte, sprachen wir über die Konzeption des Befreiungskampfes — bei dampfendem Tee und beim abgeblendeten Licht einer Taschenlampe, um nicht portugiesische Flugzeuge auf uns aufmerksam zu machen. An einem dieser Abende gesellte sich auch der Armeechef Samora Machel zu uns, der kurz nach meiner Rückkehr aus Mocambique auf einer Tagung des Zentralkomitees zum amtierenden Präsidenten der FRELIMO gewählt wurde.


Als der bewaffnete Kampf vor sechs Jahren begann, hatten sich die verschiedensten Strömungen in der Bewegung zusammengefunden, sagte er. Viele bezogen eine ausschließlich nationalistische Position. Der Freund war "schwarz", der Feind "weiß". Ferner gab es sogar bis in die Führungsspitze Elemente, die darauf spekulierten, ihre Landsleute nach der Vertreibung der Kolonialisten selbst auszubeuten, wie Kavandame und Simango. Deshalb sabotierten sie die Organe der Volksmacht, die sich in den befreiten Gebieten herausbildeten, und verbreiteten die These, eine ideologische Konzeption für die zu schaffenden gesellschaftlichen Verhältnisse sei schädlich, weil es jetzt nur um die Befreiung vom Kolonialismus gehe. "Wie kann man aber für die Unabhängigkeit kämpfen", betonte der Armeechef, "ohne klarzustellen, wie sie aussehen soll? Wir haben uns doch nicht von Parasiten befreit, um neue
Parasiten in den eigenen Reihen heranzuzüchten."
Daß sich im Verlauf des Kampfes die Spreu vom Weizen sondert, wird durch die Erfordernisse des Aufbaus in der befreiten Gebieten noch beschleunigt. "Wir mußten unsere eigenen Verwaltungsorgane schaffen, die landwirtschaftliche Produktion in Gang bringen, Schulen und Krankenhäuser einrichten. Aber- wie? Selbst wenn wir nicht wollten — wir müssen ja zwangsläufig schon jetzt das Gesicht des künftiger Mocambique bestimmen."


Schon während des Marsches waren mir die ausgedehnten Felder aufgefallen. Manche davon weiter, als das Auge reicht. Maniok, ein Strauch mit stärkehaltigen Wurzelknollen, die in den meisten afrikanischen Ländern den Platz unserer Kartoffeln einnehmen, fast immer zusammen mit Reis und Mais angebaut. Weil sich die Felder nicht wie alles andere unter dem Busch verstecken lassen, werfen portugiesische Flugzeuge während der Trockenperiode oft Napalm, um die Ernte zu vernichten. An den Feldrändern, wo der schützende Busch beginnt, sah ich viele mit Zweigen abgedeckte Erdlöcher als Zufluchtstätten vor Luftangriffen.


Einige der Felder hat die FRELIMO zur Versorgung der Armee angelegt Andere werden individuell bewirtschaftet. Der größte Teil aber ist genossenschaftliches Eigentum. "Wir drängen niemanden in die Genossenschaften", erläuterte der Politkommissar des Distrikts, der uns durch sein Gebiet begleitete. "Doch die praktischen Erfahrungen bringen die meisten von selbst dazu."


"Reden allein genügt nicht", fügte der Politkommissar hinzu. "Obwohl wir natürlich politische Seminare abhalten -zum Beispiel für die Dorfältesten — ist der beste Lehrmeister die eigene Erfahrung. Jeder hier hat am eigenen Leibe die Ausbeutung durch die Portugiesen miterlebt, und jeder sieht, was die gemeinsame Arbeit zuwege bringt."


Wir besichtigten das Krankenhaus des Distrikts: die mir nun schon vertrauten Hütten, etwa zehn davon, auch wieder weit auseinandergezogen. Die FRELIMO verfügt über keinen einzigen Arzt. Es sind Heilgehilfen, die Kranke behandeln, Verwundete verbinden und sogar operieren. Mit einem mehr als bescheidenen Medikamentenschrank und nur den allereinfachsten chirurgischen Instrumenten. Die Entwicklung des Gesundheitswesens ist momentan das schwierigste Problem im befreiten Gebiet. Und doch ist es weitaus mehr, als die Portugiesen in 500 Jahren Kolonialherrschaft zustande brachten. Es gibt bereits eine Mütter- und Säuglingsfürsorge. Während der letzten Jahre konnten im freien Mocambique Hunderttausende gegen Pocken geimpft werden — eine Aktion, die durch die solidarische Hilfe befreundeter Länder möglich wurde.

Nach etwa einer Stunde Fußmarsch eine größere Siedlung: das Verwaltungszentrum des Distrikts. Wären es nicht die vielen Gewehre und die zum Schutz angelegten Erdhöhlen — man könnte fast vergessen, daß Krieg herrscht. Pulsierendes Leben überall. Arbeitskolonnen, die neue Hütten bauen. Junge Mädchen, die in Mörsern Mais zerstampfen und die schwere Arbeit mit einem fröhlichen Ritual verbinden, indem sie den als Stößel dienenden Holzstamm hochwerfen, rhythmisch in die Hände klatschen, ihn wieder auffangen und im Takt dazu singen. Unter einem schattenspendenden Baum eine Gruppe von Holzschnitzern, die aus Ebenholz mit Hammer und Stechbeitel eigenwillige Figuren herausarbeiten. Der Makonde-Stamm, der in diesem Gebiet lebt, ist weit und breit berühmt für diese Kunst.


Als nächstes Ziel ein Komplex von Hütten, etwas abseits der Siedlung: "Unsere Internatsschule!" Eine Internatsschule im Busch? Sie ist für die Kinder eingerichtet worden, deren Eltern an der Front stehen. Die Wohnhütten, jeweils vier Bettstellen und aus Knüppelholz mit Bast zusammengebundene Regale darin, erwiesen sich als leer. Die Bewohner fand ich unweit davon in den "Klassenräumen" — aus Ästen roh zusammengezimmerte Tische und Bänke unter einem von Stämmen gestützten Grasdach. Einige saßen auch auf gefällten Baumstämmen unter freiem Himmel. Es waren etwa ein Dutzend Schulklassen, in denen ich Unterricht in Lesen und Schreiben, Mathematik und Geografie verfolgen konnte. Neben den "Internatsschülern" auch Kinder aller Altersstufen, die aus der weiteren Umgebung kommen. In einigen Klassen ausschließlich Erwachsene, viele mit dem Gewehr gegen die Bank gelehnt, in anderen auch Erwachsene und Kinder gemischt.


Ich traute meinen Augen nicht, als ich die Schreibhefte sah: "Art.-Nr. 215/c EVP MDN 0,10." Mein Begleiter weidete sich an meiner Überraschung. "Die Decke, unter der du heute nacht geschlafen hast, stammt auch aus der DDR. Genauso die Kessel, in denen wir das Essen kochen." Natürlich — ich wußte, daß wir den Befreiungskampf in den portugiesischen Kolonien auch materiell unterstützen. Aber mir wurde doch wärmer ums Herz, als ich die Zeichen der Solidarität so unmittelbar erlebte.


Auch als ich wenige Tage später plötzlich auf deutsch angesprochen wurde. Etwas stockend zwar, aber mit unverkennbarem Berliner Einschlag: „Armando Pangene", stellte er sich vor: ein hochaufgeschossener Kommandeur, der aus der Nachbarprovinz Njassa gekommen war. Bei einem Bombenangriff sei er schwer verwundet worden. In der Berliner Charité habe man ihn wieder gesundgepflegt, fünf Monate lang, mit Heilgymnastik. " bin der DDR so dankbar. Jetzt kann ich wieder kämpfen."


"Niemand kann uns die Aufgabe abnehmen, unser Land von den Kolonialisten zu befreien", sagte Samora Machel beim Abschied. „Aber es kämpft sich leichter, wenn man die Hilfe guter Freunde spürt. Und die DDR empfinden wir als unseren Freund. Wir wissen sie fest an unserer Seite."

 
   
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